"Pflegekassen sparen Milliarden durch den grauen Markt"

"Pflegekassen sparen Milliarden durch den grauen Markt"

SR-Thementag Pflege

Interview Jochen Erdmenger / Arne Petermann   26.11.2020 | 16:15 Uhr

Wer seine pflegebedürftigen Eltern zu Hause betreuen lassen möchte, muss die Pflegekraft selbst bezahlen. Die 24-Stunden-Pflege ist teuer, für viele Familien finanziell nicht zu stemmen. Deswegen wird oft eine Betreuerin engagiert. Arbeitsrechtlich ist das eine Gratwanderung. Arne Petermann von der Berufsakademie für Gesundheit und Sozialwesen im Saarland sagt, von diesem System profitieren nicht nur Schleuser, die Menschen illegal vermitteln, hauptsächlich aber die Pflegekassen. Diese sparen Milliarden Euro im Jahr.

Dr. Arne Petermann ist nicht Professor für Management in Organisationen des Gesundheitswesens an der Berufsakademie, er betreibt auch selbst einen Pflegedienst. Außerdem ist er stellvertretender Vorsitzender des Verbands für häusliche Betreuung und Pflege e. V., kurz VHBP. Er sagt, die 24-Stunden-Betreuung durch meist osteuropäische Frauen sei zu lange von der Politik ignoriert worden. Der Grund sei einfach: Das Pflegesystem würde sonst zusammenbrechen.

Derzeit würde diese Lösung von 300.000 Haushalten genutzt. Der Fachbegriff sei "Betreuung in häuslicher Gemeinschaft" Etwa 700.000 hauptsächlich Betreuerinnen überwiegend aus Osteuropa würden Beschäftigt. . Und diese 300.000 Haushalte nutzen im Jahr die Leistung von etwa 700.000, Betreuern und Betreuerinnen. Etwa 90 Prozent dieser Leistungen werde "schwarz" oder besser: illegal abgewickelt. "Nur wenige Familien buchen die Pflegekraft über eine Vermittlungsagentur und sind auch bereit, diese Mehrkosten zu bezahlen."

70 Prozent der Kosten privat

Eine 24-Stunden-Betreuung koste legal etwa 2300 bis 3000 Euro pro Monat. Das sei für viele Haushalte ist nicht finanzierbar, da das die Familie komplett selbst übernehmen müsse. Es gibt, so Petermann, Zuschüsse der Pflegekassen und auch steuerliche Anreize. Dadurch sei es möglich, ein Drittel der Kosten abzufangen.

Mehr Förderung geplant

Ein neues Papier des Bundesgesundheitsministeriums sieht vor, dass die 24-Stunden-Betreuung mit 40 Prozent der Pflege-Sachleistungen zu fördern, zusätzlich zu den Zuschüssen. Dadurch schließe sich die Finanzierungslücke zwischen dem günstigen Schwarzmarktpreisen und dem legalen Preis. Das werde auf jeden Fall einen positiven Effekt haben.

Profiteure des bisherigen Systems seien zum einen die Pflegekassen. Diese sparten mehrere Milliarden Euro im Jahr. Zum anderen die Schleuser, die den Frauen diese illegalen Aufträge vermittelten, und die Betreuerinnen in Verhältnisse brächten, in denen sie keinerlei Rechte hätten

Blick nach Österreich

In Österreich wurde vor mehr als zehn Jahren bereits das "Haus-Betreuungsgesetz" verabschiedet, das klar Qualitätsstandards klar regelt, erläutert Petermann. Es gebe auch Förderungen, wenn die Qualitätsstandards eingehalten werden. Der Schwarzmarkt sei dort innerhalb von zwei Jahren komplett zusammengebrochen. Damit wären auch in Deutschland alle arbeitsrechtlichen und auch sozialversicherungsrechtlichen Bedenken gelöst. Und es bedürfe nicht mal einer Gesetzesänderung, sondern nur eine Grundsatzentscheidung der Rentenversicherung.

Auch Thema im "Nachmittag" von SR 2 KulturRadio am 26.11.2020.

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