Angela Merkel verlässt das Podium (Foto: picture alliance/Michael Kappeler/dpa)

Merkel geht - wer kommt?

Thomas Braun / mit Informationen von Uli Hauck, Klaus Pliet und dpa |AFP   07.12.2018 | 15:35 Uhr

Nach 18 Jahren an der Spitze tritt Angela Merkel als Parteichefin ab. Der Dreikampf um ihre Nachfolge hat die Partei elektrisiert und ihr laut dem jüngsten ARD-Deutschlandtrend auch einen Schub in der Wählergunst gegeben. Viele Wähler würden gerne Kramp-Karrenbauer als Nachfolgerin von Merkel sehen. Die Entscheidung treffen aber die 1001 Delegierten auf dem Parteitag - und diese Wahl ist noch komplett offen.

Der CDU-Parteitag in Hamburg hat Angela Merkel am Vormittag nach 18 Jahren als Parteivorsitzende zum Abschied mit einem knapp zehn Minuten langen stehenden Applaus gedankt. Merkel hatte sich zuvor mit den Worten "Es war mit eine große Freude. Es war mir eine Ehre" in ihrer letzten Rede als Vorsitzende von den 1001 Delegierten verabschiedet. Viele CDU-Mitglieder im Saal hielten Schilder mit der Aufschrift "Danke Chefin für 18 Jahre CDU-Vorsitz" hoch.

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Die Ära Merkel endet, als mögliche Nachfolger stehen AKK, Merz und Spahn parat. Wir berichten live vom Bundesparteitag der CDU in Hamburg und halten Euch in unserem Newsstream über die aktuelle Entwicklung und die Netzreaktionen auf dem Laufenden.

Kramp-Karrenbauer ruft Partei zu Mut auf

Nach einer Aussprache startete am Mittag die Wahl der neuen Führung. Als erste der drei Bewerber um die Nachfolge von Angela Merkel stieg Annegret Kramp-Karrenbauer aufs Podium und rief ihre Partei zu mehr Mut und Selbstbewusstsein auf. Kramp-Karrenbauers Rede wurde immer wieder von kräftigem Beifall unterbrochen. Besonders großen Applaus erhielt die 56-Jährige, als sie vor dem Hintergrund der im Anschluss anstehenden Kampfabstimmung um den Parteivorsitz mit Blick auf Friedrich Merz und Jens Spahn sagte, keiner der drei Kandidaten "wird der Untergang für diese Partei sein". Für sie gebe es keine konservative, liberale oder wirtschaftsfreundliche CDU, sondern nur "die eine CDU".

Kramp-Karrenbauer warb vor allem mit ihrer politischen Erfahrung um Zustimmung. Sie habe in diversen Regierungsämtern im Saarland gedient und gelernt, was es heiße, zu führen. Dabei habe sie auch gelernt, dass es mehr auf innere Stärke ankomme als auf äußere Lautstärke. Gemeinsam mit den Mitgliedern habe sie harte Wahlkämpfe erfolgreich gemeistert und gewonnen, "gerade weil ich so bin, wie ich bin". Die natürliche Denkfabrik der Republik müsse die Partei sein, deren Mitglieder mehr einbezogen werden sollten, sagte Kramp-Karrenbauer, die sich auch deutlich von Kanzlerin Angela Merkel abgrenzte, die als ihre Fördererin gilt. Nötig sei ein anderes Regierungshandeln, etwa bei den Problemen der Menschen, wenn die Bahn nicht komme oder die Bürger keinen Arzttermin bekämen.

Merz fordert "Strategiewechsel"

Der zweite Bewerber, Friedrich Merz forderte einen Strategiewechsel beim Umgang mit Themen, in der Auseinandersetzung mit dem politischen Wettbewerber sowie in der Kommunikation mit den Bürgern. "Von diesem Parteitag muss ein Signal des Aufbruchs und der Erneuerung unserer Partei ausgehen", sagte Merz.

Während der Zuspruch zu den Volksparteien abnehme, seien die Populisten von links und rechts "immer lauter und immer erfolgreicher", sagte Merz. Die AfD sitze inzwischen im Bundestag und allen 16 Landesparlamenten, während die CDU viele Wähler auch an die Grünen verliere. Dieser Zustand sei für ihn "einfach unerträglich", sagte der frühere Unionsfraktionschef. Merz erneuerte seine Forderung nach einer "Agenda für die Fleißigen". Er sprach sich zudem für einen starken Staat aus und sagte im Hinblick auf die Einwanderungspolitik: "Es gibt auch Grenzen unserer Möglichkeiten."

Spahn: "Eine Idee für die Zukunft"

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn rief die CDU in seiner Bewerbungsrede zu einem Neuaufbruch auf. Die CDU brauche kein "Weiter so" und "kein Zurück in die Vergangenheit", sagte Spahn. "Was wir brauchen, ist eine Idee für die Zukunft, einen Perspektivwechsel". Ihn treibe die Frage um, wie Deutschland im Jahr 2040 aussehe werde. Er könne seiner Partei nicht versprechen, ein "bequemer Parteivorsitzender" zu sein. Aber die CDU könne sich auf ihn verlassen.

Viel Unterstützung für Kramp-Karrenbauer im Vorfeld

Bis zuletzt war auf dem Hamburger Parteitag für die jeweiligen Kandidaten getrommelt worden. Saar-CDU-Chef Tobias Hans lobte am Vorabend deshalb noch einmal Annegret Kramp-Karrenbauer. Gemeinsam mit CSU-Chef Söder würde sie künftig ein gutes Führungsduo abgeben, dass die ganze Bandbreite der Union abdecken würde. Nach Angaben der Landesvorsitzenden der Frauen-Union, Anja Wagner-Scheid, könne sich Kramp-Karrenbauer auch auf die 300 weiblichen Delegierten verlassen. Man sei davon überzeugt, dass sie die Richtige an der Parteispitze sei.

Unterstützung erhielt Kramp-Karrenbauer auch von anderen Parteiorganisationen, etwa dem Arbeitnehmerflügel der Partei (CDA) und der mächtigen kommunalpolitischen Vereinigung KPV, die 461 Delegierte stellt. "Ich werde mich für Annegret Kramp-Karrenbauer einsetzen, weil ich glaube, dass sie politisch am breitesten aufgestellt ist", sagte der KPV-Vorsitzende Christian Haase dem Handelsblatt.

AKK sieht Schäubles Wahlempfehlung gelassen

Aber auch ihr größter Konkurrent, Friedrich Merz, kann auf einflussreiche Unterstützung bauen, etwa durch die Mittelstandsvereinigung. Auch Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble machte sich zuletzt öffentlich für Merz stark. Kramp-Karrenbauer selbst glaubt aber nicht, dass das ihre Chancen geschmälert hat. "Es hat die Reihen eher geschlossen", sagte sie am Abend vor der Wahl im SR-Interview. Denn es habe nach außen schon die Anmutung gehabt, dass es nicht nur um die Wahl einer Person gehe, sondern auch um eine grundlegende Richtungsänderung in der CDU. Es gebe zwar viele in der CDU, die einzelne Punkte ändern wollten, so Kramp-Karrenbauer. "Aber die große Grundkonstante, die große Architektur, die soll bestehen bleiben."

Deutliches Umfrageplus für die CDU

"Man ist guter Dinge, dass das für Annegret Kramp-Karrenbauer heute klappen könnte"
Audio [SR 2, 07.12.2018, Länge: 04:33 Min.]
"Man ist guter Dinge, dass das für Annegret Kramp-Karrenbauer heute klappen könnte"

Das sehen offenbar auch viele Wähler in Deutschland so. Im am Donnerstag veröffentlichten ARD-Deutschlandtrend wünschten sich 47 Prozent der CDU-Anhänger Kramp-Karrenbauer als neue Parteichefin. 37 Prozent sprachen sich für Merz aus, nur zwölf Prozent für Spahn. Auch in der Wählergunst insgesamt legt die CDU deutlich zu, macht einen Sprung von 26 auf 30 Prozent. SPD und AfD verharren bei 14 Prozent, die FDP bei acht. Grüne und Linke verlieren.

Die Entscheidung bei der Wahl zur neuen CDU-Parteiführung treffen allerdings nicht die Wähler in Deutschland allgemein, sondern die 1001 Parteidelegierten in Hamburg. Kramp-Karrenbauer geht - wie viele Beobachter - von einem komplett offenen Rennen aus. "Alles, was wir bisher aus den Regionalkonferenzen wissen, zeigt, dass die Delegierten sehr selbstständig, sehr eigenständig entscheiden werden. Insofern ist es schwer, eine Einschätzung zu machen", so Kramp-Karrenbauer. "Es wird auf jede Stimme ankommen."

Viele der 34 Saar-Delegierten hoffen insgeheim auf eine Entscheidung im ersten Wahlgang. Bedenken gibt es, wenn viele Spahn-Wähler in einem zweiten Wahlgang dann doch für Friedrich Merz stimmen würden.

Nadine Schön in der Parteitags-Leitung

Einen ersten kleinen Erfolg kann eine Saar-CDUlerin bereits verbuchen. Die Bundestagsabgeordnete Nadine Schön wird in der siebenköpfigen Parteitags-Leitung mitarbeiten. Ob der Hamburger Parteitag auch für Annegret Kramp-Karrenbauer ein Erfolg wird, wird sich vermutlich erst am späten Nachmittag entscheiden. Wenn sie die Wahl verliere, will sie der Partei aber weiterhin zur Verfügung stehen. "Aber eben nicht mehr als Generalsekretärin."

Über dieses Thema wurde auch in den Hörfunknachrichten vom 07.12.2018 berichtet.

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