Illustration: verschiedene saarländische Begriffe (Foto: SR/Knöbber)

Dialekt ist kein Handycap

  16.11.2020 | 00:00 Uhr

Dialekt hat vielerorts ein negatives Image. Zu Unrecht. Kinder, die mit dem heimischen Dialekt und mit Hochdeutsch aufwachsen, haben ein besseres Sprachbewusstsein und lernen auch Fremdsprachen leichter.

Mehrsprachigkeit hat Vorteile

Viele Kinder wachsen bei uns zweisprachig auf: In der Familie wird der ortstypische Dialekt gesprochen und außerhalb, zum Beispiel in der KiTa oder der Schule, auch Hochdeutsch. Und diese zweite Sprache lernen die Kinder auch noch ganz nebenbei. Denn in den ersten Lebensjahren erwerben Kinder eine Sprache unbewusst und intuitiv, erklärt Anja Leist-Villis, sie ist Pädagogin und Expertin für frühkindliche Mehrsprachigkeit.

Dialekt ist kein Handycap
Audio [SR 1, (c) SR, 16.11.2020, Länge: 02:27 Min.]
Dialekt ist kein Handycap

Damit sind die Kinder auch keinesfalls überfordert, denn unser Gehirn ist auf Mehrsprachigkeit angelegt, so der Germanistik-Professor Augustin Speyer von der Universität des Saarlandes. Für ein Kind ist es kein Problem, mehrere Sprachen gleichzeitig zu erlernen. Im Gegenteil, das stärkt sogar verschiedene kognitive Prozesse, so Speyer.

Zwei oder mehrere Sprachen zu verstehen ist also gut für die Kleinen. Kinder die mehrsprachig aufwachsen, haben es leichter. Sie besitzen ein höheres Sprachbewusstsein, so Leist-Villis, das heißt, sie können gut über Sprache nachdenken, sie können Sprache gut analysieren, Sprachen miteinander vergleichen. Das alles erleichtert es auch, eine weitere Sprache zu erlernen.

Dialekt als Zweitsprache

Es ist also gut, wenn unsere Kinder mit vielen Sprachen in Kontakt kommen, so Anja Leist-Villis, dabei spielt es keine Rolle, um welche Sprachen es sich handelt. Die Zweitsprache darf also ruhig auch der heimische Dialekt sein.

Vielmehr ist es so, dass Kinder, die mit Dialekt aufwachsen, oft eine farbigere Sprache entwickeln als Kinder, die nur Hochdeutsch kennen, weiß Lisa Brausch vom Saarländischen Lehrerinnen- und Lehrerverband SLLV. Wenn es um kreatives Schreiben geht, beim Aufsatz zum Beispiel, kommt das den Kindern dann zugute.

Platt spricht emotionaler an

Eltern sollten sich daher nicht krampfhaft darum bemühen, mit ihren Kindern Hochdeutsch zu sprechen, wenn der Dialekt ihre eigentliche Hauptsprache ist. Wichtig ist vielmehr, so Leist-Villlis, die Sprache zu wählen, mit der man sich spontan und emotional ausdrücken kann, mit der man mit seinem Kind eine gute Beziehung aufbauen und ihm die Welt erklären kann.

Den Saarländern sollte das auch gar nicht schwer fallen. Denn sie sind besonders "dialekt-loyal", sagt Prof. Speyer. Im Saarland gibt es relativ viele Menschen, die ihren Dialekt sprechen oder zumindest die regionale Umgangssprache. In anderen Regionen Deutschlands sei das nicht so.


Auch Thema auf SR 1 am 16.11.2020 in der Sendung 'Balser & Mark.Dein Morgen'.

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