Kugelschreiber mit Parteilogos der CDU, SPD, Linke, Grüne, AfD und FDP liegen nebeneinander (Foto: picture alliance/blickwinkel/McPHOTO/C. Ohde)

Unverständliche Wahlprogramme - eine verschenkte Kommunikationschance

  02.09.2021 | 00:00 Uhr

Viele wissen noch nicht, welcher Partei sie bei der Bundestagswahl ihre Stimme geben sollen. Die Wahlprogramme der Parteien sind dabei jedenfalls keine große Hilfe. Denn laut einer Studie der Universität Hohenheim sind sie äußerst unverständlich.

Wer sich über die Ziele einer Partei informieren will, kann zum Beispiel ihr Wahlprogramm lesen. Eine recht trockene Lektüre, die letztendlich nicht unbedingt zum Ziel führt. Denn Wahlprogramme lesen sich nicht gerade wie Bestseller. Für Laien sind sie nur schwer zu verstehen.

Der Kommunikationswissenschaftler Prof. Dr. Frank Brettschneider von der Universität Hohenheim hat in einer Studie die Wahlprogramme der Parteien zur Bundestagswahl 2021 auf ihre formale Verständlichkeit hin untersucht. Mit dem Ergebnis: Im Vergleich aller Wahlprogramme seit 1949 haben sie den zweitschlechtesten Wert erzielt: "Nur 1994 waren die Programme formal noch unverständlicher", so Prof. Brettschneider.

Der Hohenheimer Verständlichkeitsindex

Eine spezielle Analyse-Software durchsucht die Texte unter anderem nach bestimmten Wort- und Satzmerkmalen wie Bandwurmsätzen oder Schachtelsätzen, nach zusammengesetzten Wörtern oder unerklärten Fachbegriffen. Daraus bildet sie den „Hohenheimer Verständlichkeitsindex“, ein Wert zwischen Null (= schwer verständlich) und 20 (= sehr leicht verständlich). Die Wahlprogramme 2021 erreichen einen Wert von gerade mal 7,2. Zum Vergleich: Hörfunknachrichten kommen im Schnitt auf Werte über 16, Doktorarbeiten der Politikwissenschaft liegen durchschnittlich unter 5.

Unverständliche Wahlprogramme - eine verschenkte Kommunikationschance
Audio [SR 1, (c) Christian Balser, Prof. Frank Brettschneider , 02.09.2021, Länge: 06:01 Min.]
Unverständliche Wahlprogramme - eine verschenkte Kommunikationschance
Seit 1949 untersucht die Universität Hohenheim die Wahlprogramme der Parteien auf ihre Verständlichkeit. In diesem Jahr sind es "die schlimmsten Wahlprogramme seit 1994", so das Ergebnis ihrer aktuellen Studie mit dem zweitschlechtesten Wert überhaupt. Warum wollen die Parteien nicht verstanden werden? Kommunikationsforscher Professor Dr. Frank Brettschneider erläutert im SR 1 Interview die Hintergründe.

In der Studie sind die Werte von Partei zu Partei allerdings unterschiedlich: Am verständlichsten sind noch die Programme der Links-Partei: Sie schneidet mit einem Wert von 8,4 am besten ab. Am unverständlichsten sind die Grünen mit einem Wert von 5,6.

Wohlgemerkt: Es geht nur um die formale Verständlichkeit, also, ob ein Laie verstehen kann, was die Partei will. Der Inhalt der Aussagen ist dabei kein Gegenstand der Untersuchung.

Negativ-Beispiele

Der längste Satz mit 79 Wörtern ist im Programm der AfD zu finden, erklärt Prof. Brettschneider, "da wissen Sie am Ende nicht mehr wie er angefangen hat". Auch mit Wörtern wie Quellentelekommunikationsüberwachung oder Schuldenstrukturierungsverfahren kann ein Normalbürger nicht viel anfangen, genauso wenig versteht man Begriffe wie Fact-Finding Mission, Agri-FoodTech-Wagniskapitalfonds oder auch Antiziganismus, wenn sie nicht erklärt werden.

Warum so unverständlich?

Die Wahlprogramme sollen den Wählerinnen und Wählern die Positionen der Parteien näher bringen. Dass die Parteien in ihren Programmen so unverständlich bleiben, betrachtet Prof. Brettschneider daher als ungenutze Chance.

Es gibt verschiedene Gründe und Ursachen dafür. Zum einen steckt Taktik dahinter. So müssen in einem Parteiprogramm unterschiedliche Positionen innerhalb der Partei irgendwie unter einen Hut gebracht werden. Mit unverständlichen Ausführungen bleibt man auch unverbindlich. Und besonders bei unpopulären Themen oder Forderungen will man gerne nicht verstanden werden und packt die Aussagen daher in komplizierte Schachtelsätze.

Manche Passagen sind aber auch ungewollt unverständlich. Nämlich jene Abschnitte, die von Fachleuten geschrieben werden. "Sie vergessen schlicht und einfach in eine laiengerechte Sprache zu übersetzen", erklärt Prof. Brettschneider, "wir nennen das 'Fluch des Wissens'."

Dass es auch verständlich geht, zeigen die Parteien in der Regeln bei den Einleitungen, beim Schlussteil und bei der Kritik an anderen Parteien, "das schreiben aber in der Regel auch die Pressemenschen in den Parteien und nicht die Fachleute", so Prof. Brettschneider.

Der "Wahl-O-Mat" hilft weiter

Die in der Studie untersuchten Langfassungen der Wahlprogramme sind allerdings nicht die einzige Möglichkeit für die Wählerschaft, sich zu informieren. Auch Kurzfassungen, Audiofassungen, Versionen in leichter Sprache, Themenschwerpunkte, Videos und mehr bieten die Parteien ebenfalls an.

Und dann gibt es ja auch noch den 'Wahl-O-Mat'. Er bildet zwar nicht das komplette Programm, aber doch viele Programmpunkte der Parteien ab und hat den Vorteil, dass man nicht nur die Positionen der einzelnen Parteien zu bestimmten Themen vergleichen kann, sondern auch seine eigene Position. "Als Einstieg ist das auf jeden Fall ein gutes Instrument", so Prof. Brettschneider. Man kann sogar einzelne Positionen stärker oder schwächer bewerten, sodass sie auch entsprechend in die Gesamtbewertung einfließen.

Weitere Informationen

tagesschau.de
Bundestagswahl 2021: 47 Parteien und ihre Wahlprogramme
54 Parteien sind zur Bundestagswahl zugelassen, sieben nehmen aber dennoch nicht teil. Damit sind 47 Parteien bei der Abstimmung am 26. September dabei. Im Saarland sind die Grünen per Zweitstimme nicht wählbar.



Auch Thema auf SR 1 am 02.09.2021 in der Sendung 'Dein Morgen im Saarland'.

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