Bauarbeiter, Stahlflechter auf einer Baustelle (Foto: IMAGO / Gerhard Leber)

Ukraine-Krieg wirkt sich auf heimische Baubranche aus

Sarah Sassou / Onlinefassung: Sandra Schick   06.04.2022 | 10:20 Uhr

Die saarländische Baubranche schlägt Alarm: Viele Baustoffe seien derzeit gar nicht mehr erhältlich oder hätten sich enorm verteuert. Betroffen sind vor allem Produkte, die aus Erdöl hergestellt werden oder solche, deren Rohstoffe aus der Ukraine oder Russland kommen.

„Die saarländische Baubranche ist in heller Aufregung“, sagt Christian Ullrich vom Arbeitgeberverband der Bauwirtschaft des Saarlandes (AGV Bau Saar). „Unsere Betriebe aus allen Gewerken berichten, dass viele Baustoffe, insbesondere aus erdölbasierten Kunststoffen, überhaupt nicht mehr lieferbar sind und wenn doch, nur zu extrem hohen Preisen.“

Auch der Transport von Baumaterial und andere Dienstleistungen seien um bis zu einem Viertel teurer als bisher, sagen Bauunternehmer. Dabei hatten sich die Materialpreise für Kunststoffe, Beton, Baustahl und Holz während der Corona-Pandemie sowieso schon deutlich verteuert.

Lieferengpässe wegen des Ukraine Krieges

Zusätzlich zur Pandemie erschwert auch der Krieg in der Ukraine die Nachlieferung der unterschiedlichstens Baumaterialien.

Rohstoffe werden knapper und teurer im Saarland
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Rohstoffe werden knapper und teurer im Saarland

Probleme bei Folien und bei Stahl

Dachdecker und Verputzer berichteten davon, dass Lieferanten von Folien gar keine Bestellungen mehr annähmen.  

Auch Baustahl kommt offenbar kaum nach. Es geht dabei um Stahlmatten, Stahlträger, Stabstahl und Bleche, berichtet das Fachmagazin für die Baubranche B_I Baumagazin. Der Grund: Rund 30 Prozent des Baustahls und 40 Prozent des Roheisens kommen aus Russland, der Ukraine und Weißrussland, so die Zahlen des Zentralverbands des Deutschen Baugewerbes.

Verzögerungen auf Großbaustellen?

Das Problem kennt man beim St. Ingberter Bauunternehmen Peter Gross. „Lieferanten haben uns sämtliche Verträge für das Jahr 2022 gekündigt, weil sie nicht wissen, wann sie etwas liefern können und zu welchem Preis“, sagt Projektleiter Christoph Rodener.

Das Bauunternehmen hat vor allem Großbaustellen, zum Beispiel ein mehrstöckiges Wohn- und Geschäftshaus in der Merziger Innenstadt. Zwei Stockwerke stehen schon. Die nächste Lieferung Baustahl ist bereits angekündigt. Wie es dann mit weiteren Lieferungen aussieht, weiß Rodener noch nicht.  

Bitumen enorm verteuert

„Auf diese Art und Weise haben wir das noch nie gehabt“, sagt Dirk Emser, Geschäftsführer der Asphaltbaufirma Backes in Tholey und meint damit die enormen Preissteigerungen bei dem Asphaltbindemittel Bitumen. „Bislang kostet die Tonne Bitumen 400 Euro, jetzt sind es 700 Euro.“

Der Anteil von Bitumen im Asphalt macht etwa acht Prozent aus. Bei einer Baustelle auf der Autobahn würden schon mal 50.000 Tonnen Asphalt verbaut, sagt Emser.

Video [aktueller bericht, 29.03.2022, Länge: 2:58 Min.]
Auswirkungen des Ukraine-Krieges treffen auch Baubranche

Transport hat sich verteuert

„Die Kostensteigerung ist deswegen auch sehr gefährlich für viele Firmen aus der Branche.“ Auch hier hätten die Bauunternehmen üblicherweise feste Verträge mit den Lieferanten. Aber die hätten die Verträge nun aufgekündigt und verlangten Tagespreise. Damit habe man keine Planungssicherheit mehr, so Emser.

Hinzu komme, dass die Transportfirmen ebenfalls mehr Geld wollen, weil der Dieselpreis so hoch ist. Das ist auch ein Problem für die Baufirmen, denn die Maschinen müssen betankt werden. In Emsers Firma werden pro Jahr 2,5 Millionen Liter Diesel verbraucht.

Gleitklauseln gefordert

Emser fordert wie alle anderen betroffenen Bauunternehmen und der AGV Bau Saar, dass es in Verträgen mit Bauherren sogenannte Gleitklauseln geben müsste. Diese Klauseln erlauben eine Anpassung der kalkulierten Materialpreise, wenn ein Bauunternehmen als Auftragnehmer keinen Einfluss auf die Entwicklung der Einkaufspreise für Baustoffe und Betriebsstoffe hat oder es den Preis nicht im Voraus einschätzen kann.

Vor allem die öffentliche Hand, die viele Aufträge vergeben hat, sieht Dirk Emser hier in Pflicht. „Wir sind an Verträge gebunden, die alle vor der Krise geschlossen wurden. Deswegen erwischt uns die jetzige Situation extrem.“

Probleme bei Fliesenproduktion

Auch Baustoffhändler Uwe Scherer von der Völkinger Firma Niederer ist besorgt, wenn er an die kommenden Monate denkt. Scherer betreut die Fliesensparte und sagt: „Im Juni werden wir keine Fliesen aus Spanien mehr haben.“ Der Grund: Die dortigen Keramikhersteller beziehen ihre Rohstoffe aus der Ukraine.

Im Donbass-Becken werden die für Fliesen und Sanitärkeramik so wichtigen Grundstoffe Ton und Kaolin abgebaut. Spanien hat nach Angaben von Branchenexperten 90 Prozent seines Tonbedarfs bislang aus der Ukraine bezogen.

Auch Italien ist mit rund 60 Prozent Großkunde der ukrainischen Tongruben. Die Vorräte in den Keramikwerkstätten reichten in der Regel für sechs bis acht Wochen. Dann könnten keine neuen Fliesen mehr produziert werden.

Heimische Tongruben können Bedarf nicht decken

Zwar gibt es auch Tongruben in Italien und im Westerwald in Rheinland-Pfalz. Aber das Kontingent ist begrenzt. Der Ton, der im Westerwald abgebaut wird, sei bereits verkauft, so die Arbeitsgemeinschaft Westerwälder Ton. Ein Teil davon gehe sogar nach Italien. Außerdem sei die Logistik ein großes Problem. Der Ton werde per Bahn transportiert und hier gebe es kaum noch Kapazitäten.

Engpässe auch bei Parkett?

Sind nun also auch die Projekte privater Heimwerker in Gefahr, weil viele Produkte auch in den Baumärkten nicht mehr erhältlich sein werden? Denn auch Parkett wird knapp, weil das Holz dafür größtenteils aus der Ukraine und Russland kommt.

EU-Produkte sicherer?

Der Saarbrücker Malermeister Thomas Lillig relativiert: „Ich habe keine Probleme, meine Materialien zu bekommen, weil ich darauf achte, dass die Produkte in Deutschland oder in der EU hergestellt werden – mit Rohstoffen von dort.“ Lillig gibt zu, dass diese Baumaterialein dann etwas teurer seien. „Dafür habe ich dann aber auch die Sicherheit, dass ich beliefert werde.“

Er plädiert dafür, dass jeder seinen Konsum überdenken sollte und wie viel Sinn es mache, überall ein paar Euro sparen zu wollen. In Krisenzeiten ginge das ohnehin nicht mehr.  


22.03.2022, 07:06 Uhr

Hinweis der Redaktion: In einer früheren Fassung des Artikels hatte unser Interviewpartner angegeben, der Anteil von Bitumen im Asphalt mache etwa 70 bis 80 Prozent aus. Korrekt sind acht Prozent.

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