Schule in Corona-Zeiten (Foto: Pixabay/Alexandra_Koch)

"Der Gesundheitsschutz muss oberste Priorität haben"

  04.11.2020 | 19:52 Uhr

Eine Woche Schule, eine Woche daheim - so lief es vielerorts nach dem Lockdown-Ende für die Schüler. Dieses "Hybrid-Modell" fordert Lisa Brausch vom Saarländischen Lehrerinnen- und Lehrer-Verband (SLLV) zurück. Denn die derzeitigen Verhältnisse an den Schulen hält sie für äußerst problematisch. Die Landeselternvertretung mahnt allerdings an, dass viele Alleinerziehend und berufstätige Eltern ohne anderweitige Betreuungsmöglichkeiten dann überfordert wären.

Sorge und Unverständnis bei den Lehrkräften

"Der Gesundheitsschutz muss oberste Priorität haben"
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"Der Gesundheitsschutz muss oberste Priorität haben"
sagt Lisa Brausch vom Saarländischen Lehrerinnen- und Lehrer-Verband

"Wir haben sehr viele erboste und auch besorgte E-Mails von Kolleginnen und Kollegen, die sich jetzt – gerade nachdem klar war, dass es zu einem neuen Lockdown kommt – irgendwie etwas verheizt und nicht ernst genommen fühlen", berichtet Lisa Brausch vom SLLV. Für sie ist es unverständlich, dass ansonsten Einrichtungen mit hohen Hygiene-Standards offen bleiben, aber in den Schulen nichts passiert: "Da müssen wir uns darüber im Klaren sein, dass wir in den Schulen den Abstand nicht einhalten können bei großen Lerngruppen. Insofern ist es, glaube ich, wichtig darüber nachzudenken, ob man nicht noch mal in dieses Wechsel-Modell umswitcht zwischen Präsenzunterricht und Heimbeschulung."

Sollte es noch mal zu einem Hybrid-Modell kommen, fordern das die Lehrkräfte im Wochen-Rhythmus: Dies sei einfacher zu planen, als wenn es kurzfristig Quarantäne-Lösungen an einer Schule gibt. Brausch sagt außerdem: "Auch wenn Schulen nicht unbedingt die Hotspots der Infektionen sind, sind Schulen keine sicheren Orte. Der Gesundheitsschutz von Lehrerinnen und Lehrern und von Schülerinnen und Schülern muss oberste Priorität haben."

Hybrid-Unterricht als notwendige Schutzmaßnahme

Für Lisa Brausch ist der Hybrid-Unterricht unumgänglich, um für die nötige Sicherheit zu sorgen. Derzeit könne in den großen Lerngruppen der Mindestabstand einfach nicht eingehalten werden, dabei habe sich ja gezeigt, dass das Abstandsgebot ein ganz wichtiges ist und "RKI empfiehlt, ab einer Inzidenz von 50 aufwärts – und das haben wir im ganzen Saarland – die Verkleinerung von Klassen." Das müsse jetzt umgesetzt werden, um SchülerInnen und Lehrkräfte zu schützen.

Fehlende Kinderbetreuung

Wenn die Kinder zuhause unterrichtet werden, stehen die Eltern vor der schweren Frage der Kinderbetreuung. Das sieht auch Lisa Brausch als großes Problem. Trotzdem hat für sie der Gesundheitsschutz Priorität: "Ich kann es als Mutter nachvollziehen, was das bedeutet, aber das, was wir im Moment machen, ist nach meiner Auffassung, was die Gesundheit angeht, grob fahrlässig." Ihrer Meinung nach sind diesbezüglich die Arbeitgeber gefordert, ihrem Personal die Möglichkeiten aufzeigen.

Versorgung mit Schutzmasken

Beim SLLV stellen viele Lehrkräfte, die nicht vulnerabel sind, Anfragen nach FFPS-Masken. Derzeit stattet das Bildungsministerium aber nur vulnerable Lehrkräfte aus. Brausch sieht es jedoch als Pflicht des Arbeitgebers an – das ist in diesem Fall das Kultusministerium – dass alle, die es wollen, FFP2-Masken bekommen: "Es kann doch nicht sein, dass sie sich das selbst kaufen müssen, nur damit sie sich sicherer fühlen." Es sei vielmehr Aufgabe der Bildungsministerin, zu sagen: Wir bieten den Schutz, den die LehrerInnen brauchen, und den Schutz, der ihnen die Sicherheit gibt, die sie brauchen.

Stellungnahme des saarländischen Bildungsministeriums zu den Forderungen des SLLV

Auf Anfrage des SR hat sich das Bildungsministerium auf die Argumente des SLLV geäußert:

"Die Erfahrungen mit Unterricht im Wechselbetrieb haben gezeigt, dass nicht alle Kinder und Jugendlichen gleich gut mit dem Lernen von zuhause zurechtkommen – unabhängig von der Frage der technischen Ausstattung. Im Sinne der Bildungsgerechtigkeit müssen wir alle Kinder und Jugendlichen erreichen und mitnehmen. Präsenzunterricht in der Schule hat deswegen für uns oberste Priorität."

Das saarländische Bildungsministerium sieht die Schule während der Corona-Pandemie als "Anker der Stabilität und Normalität, den Schülerinnen und Schüler jetzt im Alltag - der nicht alltäglich ist - brauchen." Ihrer Aussage nach erschwert der Hybridunterricht außerdem die Vereinbarkeit von Familie und Beruf: "Eltern und Erziehungsberechtigte müssen die Sicherheit haben, dass ihre Kinder in der Schule gut betreut sind und sie auch in der Pandemie ihrem Beruf nachgehen können. Unterricht im Wechselbetrieb führt auf Dauer zu sozialen Verwerfungen."

Die Forderung nach FFP2-Masken lehnt das Bildungsministerium ebenfalls ab, da diese Masken primär für den medizinischen Bereich und in Krankenhäusern gebraucht werden: "Für den Einsatz in Schulen sind die sogenannten Alltagsmasken bzw. Mund-Nase-Bedeckungen (MNB) vollkommen ausreichend. Ausnahmen gelten hier für Lehrkräfte mit erhöhtem persönlichen Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf im Falle einer Corona-Infektion sowie für Lehrkräfte, zum Beispiel an Förderschulen in der Förderpflege eingesetzt sind."

In diesen Fällen würde durch das MBK eine Persönliche Schutzrüstung (PSA) zur Verfügung gestellt werden, die auch eine FFP2-Maske beinhaltet.

Nicht zu Lasten der Kinder

Alleinerziehende und berufstätige Eltern nicht überfordern
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Alleinerziehende und berufstätige Eltern nicht überfordern
mahnt Jochen Schumacher von der Landeselternvertretung des Saarlandes an.

Jochen Schumacher von der Landeselternvertretung des Saarlandes kennt die Probleme: zu große Klassen, zu wenig Personal, keine Lüftungsanlagen - doch diese Versäumnisse der letzten Jahrzehnte könne man jetzt nicht kurzfristig aufholen. In der Folge müsse man jetzt "mit Hauruck-Methoden" in kürzester Zeit einen vernünftigen und für alle Beteiligten sicheren Präsenzunterricht auf die Beine stellen.

Eine Rückkehr zum Hybrid-Unterricht sei "nur als eine vorletzte Eskalationsstufe vor einer Schulschließung" zu betrachten. Denn viele berufstätige Eltern, viele Alleinerziehende hätten keine anderweitige Betreuungsmöglichkeit für die Kinder, so Schumacher, und ihren Urlaub hätten sie dafür schon beim ersten Lockdown aufgebraucht.

Die Leidtragenden seien die Kinder. Viele haben zuhause keine geeignete Lernumgebung. Beim ersten Lockdown hätten daher schon etwa 10 bis 15 Prozent der Kinder den Anschluss verloren, die diesen Rückstand auch nicht aufarbeiten könnten. Ein weiteres Herunterfahren des Unterrichts würde die Situation nur noch verschlimmern.

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Auch Thema auf SR 1 am 30.10.2020 in 'Balser und Mark. Dein Morgen.'

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