Jugendlicher mit Maske (Foto: pixabay/Alexandra Koch)

Wie kommen Kinder und Jugendliche durch die Corona-Krise?

  19.02.2021 | 14:15 Uhr

Zuhause lernen, kein Ausflug zum Spielplatz und auch kein Besuch bei Freunden – der Lockdown hat das Leben und den Alltag von Kindern und Jugendlichen stark verändert. Mit welchen Folgen? Wie wirkt sich die Situation auch auf ihre Psyche aus? Bei SR 1 war die Psychologin Prof. Monika Equit von der Universität des Saarlandes zu Gast und hat Eure Fragen beantwortet.

Es gibt Studien, die zeigen, dass Kinder und Jugendliche seit Beginn der Pandemie psychisch stärker belastet sind. Die Alltagsstruktur ist weggefallen und auch im familiären Umfeld ist vieles durcheinandergeraten. Viele neue Faktoren im Leben eines jungen Menschen können Stress erzeugen. Was macht den meisten gerade besonders zu schaffen? Welches Verhalten signalisiert, dass die Belastung zu groß wird? Was können Eltern tun? Wie kann man helfen? Darüber haben wir mit Prof. Monika Equit von der Universität des Saarlandes gesprochen.

1. Was sind die Hauptprobleme von Kindern und Jugendlichen in der Corona-Zeit?

2. Welche Unterschiede gibt es in den verschiedenen Altersgruppen?

3. Welche Rolle spielen Lehrer in der Entwicklung der Kinder?

4. Was kann man tun, wenn das Kind unter Schlafstörungen, Appetitlosigkeit und Traurigkeit leidet?

5. Was kann man machen, wenn das Kind einen Reinigungszwang entwickelt?

6. Wie wirkt sich der fehlende Sozialkontakt auf Babys aus?

7. Wie kriegt man die Kinder am besten durch den Lockdown?


1. Was sind die Hauptprobleme von Kindern und Jugendlichen in der Corona-Zeit?

Insgesamt gibt es seit Pandemiebeginn einen massiven Anstieg an psychischer Belastung und an psychischen Störungen bei Kindern und Jugendlichen. Diese Probleme haben bereits im ersten Lockdown stark zugenommen und sind jetzt durch den zweiten Lockdown weiter drastisch gestiegen.

2. Welche Unterschiede gibt es in den verschiedenen Altersgruppen?

Die psychische Belastung ist grundsätzlich in allen Altersgruppen vorhanden, aber das Ausmaß variiert:

Bei den Kleinkindern treten häufig Trennungsängste auf, die vorher nicht vorhanden waren, zum Beispiel wenn sie in die Notbetreuung gebracht werden. Auch Schlafprobleme sind ein häufiges Symptom. Außerdem kommt es öfter zu Verhaltensauffälligkeiten und Wutausbrüchen, bei denen es schwerer ist, die Kinder zu regulieren.

Was sind die Hauptprobleme von Kindern und Jugendlichen in der Corona-Krise?
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Was sind die Hauptprobleme von Kindern und Jugendlichen in der Corona-Krise?

Schulkinder sind besonders von der Pandemie betroffen: Unterschiedliche Ängste nehmen zu und viele Kinder entwickeln Ess- oder Zwangsstörungen. Diese Störungen entwickeln sich vor allem durch die fehlende Struktur, so Prof. Monika Equit: „Alltagspsychologisch kann man das so erklären, dass irgendwie versucht wird eine Struktur oder eine Kontrolle zurückzubekommen, die wir jetzt in der aktuellen Situation so wenig haben.“

Auch Teenager sind eine massiv betroffene Altersgruppe. Der Medien- und Internetkonsum ist extrem angestiegen, was häufig auch zu Gewichtszunahmen führt. Generell sind Essstörungen auf dem Vormarsch. Außerdem leiden die Teenager besonders unter Zukunfts- und Versagensängsten.

3. Welche Rolle spielen Lehrer in der Entwicklung der Kinder?

Lehrer sind externe Vertrauenspersonen für die Schüler, gerade im Grundschulalter. Wenn es zum Beispiel Schwierigkeiten innerhalb der Familie gibt, wenden sich die Schüler oft an ihre Lehrer. Außerdem lassen sich Kinder zuhause nicht so gut anleiten wie von externen Personen, weil sie sich zuhause oft mehr Autonomie einfordern und sich weniger Grenzen aufzeigen lassen.

4. Was kann man tun, wenn das Kind unter Schlafstörungen, Appetitlosigkeit und Traurigkeit leidet?

Ganz wichtig ist es, dass die Tage für Kinder trotz Lockdown weiterhin eine Struktur haben. Sie sollten nicht viel später aufstehen als sonst, da sie sonst später müde werden und sich die Schlafenszeit automatisch weiter nach hinten verschiebt. Auch fehlende oder zu wenig körperliche Aktivität kann Auslöser dafür sein, dass die Kinder abends nicht richtig ausgelastet sind und schlechter einschlafen.

Schlafstörungen und Traurigkeit bei Kindern in der Corona-Krise
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Schlafstörungen und Traurigkeit bei Kindern in der Corona-Krise

Deshalb ist es wichtig, tagsüber auch genug Bewegung einzuplanen. Abends sollten die Eltern bestimmte schlafhygienische Aspekte beachten: Dazu zählt, dass man abends nicht mehr über Corona-Nachrichten redet, sondern etwas Beruhigendes macht, zum Beispiel zusammen eine Geschichte liest und sich auf etwas Positives konzentriert. Im Internet werden außerdem kostenlose Entspannungsgeschichten, wie beispielsweise Traumreisen, angeboten, die beim Einschlafen helfen können.

5. Was kann man machen, wenn das Kind einen Reinigungszwang entwickelt?

Zwangsverhaltensweisen wie die übertriebene Reinigung haben bei den Kindern und Jugendlichen stark zugenommen. Ganz besonders wichtig ist es, dass die Eltern bei dem Zwangsverhalten nicht miteinsteigen.

Lockdown: Übertriebene Reinlichkeit entwickelt
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Lockdown: Übertriebene Reinlichkeit entwickelt

Generell sollten die Eltern mit dem betroffenen Kind vereinbaren, dass normale Corona-Hygienemaßnahmen, wie zum Beispiel die Hände mit Seife waschen, wenn man nach Hause kommt, notwendig und hilfreich sind. Alles darüber hinaus, also permanentes Waschen und Desinfizieren, zählt nicht zu den angemessenen Verhaltensweisen.

Sollten sich dieses Zwangsverhalten gar nicht mehr einstellen lassen, dann ist das eine Indikation für eine Psychotherapie.

6. Wie wirkt sich der fehlende Sozialkontakt auf Babys aus?

Babys leiden am wenigsten unter der sozialen Isolation: Ihnen reicht normalerweise der Kontakt zu den nahen Bezugspersonen wie den Eltern. Babys haben in der Regel weniger das Bedürfnis zur sozialen Interaktion. Wenn die Eltern also einigermaßen entspannt sind und fürsorglich mit ihrem Baby umgehen, sollten keine Probleme aufkommen.

7. Wie kriegt man die Kinder am besten durch den Lockdown?

Insgesamt ist es wichtig, den Kindern Strukturen vorzugeben: Eltern können feste Zeiten definieren für Schulaufgaben, Essen, Spielzeit, Medienzeit und Schlafenszeit. Das bringt den Kids wie auch den Eltern Sicherheit. Ganz wichtig ist es, dass Eltern auch auf sich achten: Wenn ein Elternteil merkt, dass es selbst gerade sehr dünnhäutig und emotional reagiert, hilft ein kurzer Rückzug, um eventuelle Eskalationen zu vermeiden. Ein kleiner Spaziergang kann da schon helfen.

Tipps: Wie kommen Kinder gut durch den Lockdown?
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Tipps: Wie kommen Kinder gut durch den Lockdown?

Regelmäßiges Rausgehen ist für Kinder und Erwachsene wichtig. Gut gegen den Corona-Blues ist auch das Pflegen von sozialen Kontakten, natürlich in dieser Zeit Corona-konform. Dazu gehören Telefonate wie auch Kontakte über diverse soziale Plattformen.

Beim Homeschooling sollten die Eltern auch mal 'Fünfe gerade sein lassen'. Wenn mal überhaupt nichts klappt, sollte man an diesem Tag mit dem Lernen lieber pausieren als in einen Eskalationszirkel zu geraten.


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Thema auf SR 1 am 10.02.2021 in der Sendung 'Dein Vormittag im Saarland'.

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