Lars Ohlinger (Foto: privat)

Folge 5: Das Leben kehrt zurück

Impressionen aus Metz - Das Tagebuch aus Grand Est

von Lars Ohlinger   19.05.2020 | 16:46 Uhr

Lars Ohlinger ist Autor in der SR-Wirtschaftsredaktion und lebt mit seiner Frau und drei Töchtern in Metz. Seit der Sperrung der Grenze und den immer strikteren Ein-schränkungen des öffentlichen Lebens in Frankreich lebte die Familie - wie alle Menschen in Frankreich - fast in einer Art Hausarrest. Diese Tage sind vorbei, aber die Situation bleibt zerbrechlich. In seinem Tagebuch dokumentiert er für den SR die aktuelle Lage in Grand Est, aber auch ganz persönliche Eindrücke vom Leben in der Corona-Krise.

19. Mai 2020

Die Einwohner von Metz sind wieder auf den Straßen, zahlreich. Das erste Wochenende mit offenen Geschäften, nach den starken Corona-Einschränkungen, war in der Innenstadt für viele unserer Freunde, aber auch für mich einerseits schön, andererseits aber auch beängstigend. Einige der großen Läden wie das Kaufhaus „Galerie Lafayette“, öffnen jetzt erst um 11.00 Uhr und sind gut besucht. Das Einkaufen in der Innenstadt ist wichtig. Noch wichtiger ist der damit endlich wieder mögliche Spaziergang in der City, das Treffen von Bekannten und das damit verbundene kleine Schwätzchen. Mindestabstände sind auch deswegen auf den Hauptpromenaden immer wieder nicht einzuhalten. Ich mag dieses charmante Miteinander, und es ist klar, dass dies wieder zu Problemen mit dem gefürchteten Corona-Virus führen kann. Doch die französische Mentalität zu ändern, das hat bisher noch kein Präsident und kein Virus geschafft.

Menschen laufen in der Metzer Innenstadt durch die Fußgängerzone (Foto: Lars Ohlinger)

Schulen öffnen, aber nicht für alle

Eine französische Durchschnittsfamilie hat zwei, oft auch drei Kinder. Selbst vier oder fünf Kinder sind nicht außergewöhnlich. Deswegen sind Schulen besonders wichtig. Deren Öffnung wurde von den Kindern und erst recht ihren Eltern herbeigesehnt, mindestens so sehr wie in Deutschland. Nun zeigt sich aber, dass beileibe nicht alle Kinder sehr bald in den Unterricht zurückkehren können. Schon jetzt ist klar, dass unsere „Große“, die nächstes Jahr Abitur machen soll, ihre Lehrer bis zum September nicht mehr persönlich in der Schule treffen wird. Es bleibt beim Unterricht am Computer.

Und auch bei unseren beiden jüngeren Töchtern sieht es nicht viel besser aus. Überhaupt überlegen wir - wie auch unsere Freunde -, ob die Kinder vor den Sommerferien noch einmal in die Schule gehen sollten. Bedenken gibt es hinsichtlich der Ansteckungsgefahr und vor allem wegen der Regeln: „Anlieferung“ am Morgen zu einer ganz exakten Uhrzeit, Abstand halten in der Schule für die Kinder, keine Verpflegung in der Kantine, was Abholen zur Mittagszeit bedeutet, usw…  Alle Eltern wurden von den Schulbehörden angeschrieben, ob sie ihre Kinder überhaupt so schnell wieder in den Unterricht schicken wollen. Wir wissen noch nicht, wie wir damit umgehen werden.

                                        

Weiterhin harte Regeln

Von der herbeigesehnten Normalität ist Metz trotz der ersten Erleichterungen noch weit entfernt. In der Innenstadt sieht man sehr häufig Polizei, und in den Bussen auch Maskenkontrollen. Wer diese dort nicht trägt, muss 135 Euro Strafe zahlen. Besonders aufpassen müssen Geschäftsinhaber, denn wer Kuchen, Kaffee oder anderes Essen verkauft, darf weiterhin keine Sitzgelegenheiten anbieten. Angedrohte Strafe dafür: 250 Euro - pro Kunde. Das wird akzeptiert, auch wenn glücklicherweise die Infektions- und Todeszahlen zurückgehen.

Schwieriger ist die Situation an den Wertstoffhöfen, die völlig überrannt werden. Reservierungstermine per Internet spielen bisher bei diesen Anlaufstellen und vielen anderen Dingen des normalen Lebens keine Rolle. Meinen Versuch, dort etwas abzugeben, habe ich beim Betrachten der langen Autoschlange abgebrochen. Dann halt ein anderes Mal. In Frankreich habe ich inzwischen durch die vielen Streiks in den letzten Jahren Gelassenheit und Langmut gelernt.

Sommerferien

Auch wenn der französische Teil meiner Familie manchmal einen etwas lässig-chaotischen Eindruck macht, einiges wird fast generalstabsmäßig geplant. Dazu gehören die „spontanen“ Besuche bei Freunden, während der Schulzeit, und natürlich besonders die großen Sommerferien. Das ist jetzt in Corona-Zeiten natürlich viel schwieriger.

Planungen werden aber trotzdem gemacht, denn auch beim französischen Sommerurlaub soll Corona nicht den Spaß verderben. Zwar ist noch völlig unklar, wer überhaupt wann und wohin reisen darf. Derzeit gilt rund um den Wohnort eine 100 Kilometer-Reisegrenze. Und Metz liegt in einer Zone, die von der französischen Regierung mit "rot“ markiert wurde, also besonders Corona-schwierig ist. Aber das stört kaum einen, denn Sommerferien sind Sommerferien. In Grand Est fragen sich die Menschen nun zudem immer mehr, wann die Grenze zu Deutschland geöffnet wird. Besuche von Freunden, Familienteilen und wichtigen Touristenattraktionen, aber auch Sprachkurse waren im Juli/August im Nachbarland ganz normal. Optimismus herrscht allerdings vor, dass sich bald die vor einigen Wochen geschlossenen Grenzschranken wieder für jedermann öffnen werden. Die Planungen meiner Frau und meiner Kinder dafür laufen zumindest auf Hochtouren. Ich hoffe, dass sie recht haben und es bald wieder ein offeneres Miteinander gibt, auch im Sinne der deutsch-französischen Freundschaft.

Impressionen aus Metz
Das Corona-Tagebuch aus Grand Est - Alle Folgen
Lars Ohlinger ist Mitglied der SR-Wirtschaftsredaktion und lebt mit seiner Frau und drei Töchtern in Metz. Seit der Sperrung der Grenze und den immer strikteren Einschränkungen des öffentlichen Lebens in Frankreich lebt die Familie - wie alle Menschen in Frankreich - fast in einer Art Hausarrest. In seinem Tagebuch dokumentiert er für den SR die aktuelle Situation in Grand Est, aber auch ganz persönliche Eindrücke aus dem unmittelbaren Erleben inmitten einer schwer betroffenen Region.

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