Lars Ohlinger (Foto: privat)

Folge 4: Zurück ins Paradies

Impressionen aus Metz - Das Tagebuch aus Grand Est

von Lars Ohlinger   28.04.2020 | 17:02 Uhr

Lars Ohlinger ist Mitglied der SR-Wirtschaftsredaktion und lebt mit seiner Frau und drei Töchtern in Metz. Seit der Sperrung der Grenze und den immer strikteren Einschränkungen des öffentlichen Lebens in Frankreich lebt die Familie - wie alle Menschen in Frankreich - fast in einer Art Hausarrest. In seinem Tagebuch dokumentiert er für den SR die aktuelle Situation in Grand Est, aber auch ganz persönliche Eindrücke aus dem unmittelbaren Erleben inmitten einer schwer betroffenen Region.

27. April 2020

Nach fünfeinhalb Wochen Homeoffice durfte ich wieder zurück an meinen Arbeitsplatz nach Saarbrücken. Es ist ungewohnt, aber einfacher als gedacht.

 (Foto: SR)

Die Kontrollen an der Grenze durch die Bundespolizei gehen schnell. Der deutsche Personalausweis ist dabei offensichtlich von großem Vorteil. Und auch die französischen Polizisten, die an der Mautstelle in Saint Avold die notwendigen Pendlerbescheinigungen sehen wollen, sind unkompliziert. Sie lassen mich nach einer kurzen Nachfrage und dem Blick auf die Unterlagen schnell passieren.

Einmal in Saarbrücken angekommen, habe ich mich in den ersten zwei Tagen in einer ungewohnten Welt wiedergefunden. Für viele in Frankreich ist Deutschland derzeit wohl so etwas wie das Corona-Paradies, denn es gibt aus französischer Sicht so gut wie keine Einschränkungen. Einige Male wurde ich in den vergangenen Wochen gefragt, warum es in meinem Geburtsland bisher so viel besser ablief und Corona dort nicht die gleichen dramatischen Auswirkungen hatte? Erklären konnte ich es nie richtig, und jetzt bin ich nur froh, ohne den ganzen Ausgangsstress einigermaßen entspannt arbeiten und einkaufen zu können.

Frankreich sucht den Weg

In der Region Grand Est zeigt sich immer noch, wie unerbittlich das Virus hier zugeschlagen hat. Inzwischen ist die Zahl der registrierten Toten auf 4.000 angestiegen. 2.800 Verstorbene gab es bisher in den Kliniken, so die staatliche Gesundheitsbehörde, und fast 1.200 in den Altersheimen. Und doch spürt man auch hier erste Schritte auf dem Weg zur Normalisierung. Es gibt wieder freie Betten auf den Intensivstationen - und einen Termin für den Ausstieg aus den sehr restriktiven Beschränkungen des Alltags. Ab dem 11. Mai sollen die Schulen wieder öffnen, allerdings werden meine drei Mädels erst zwei Wochen später wieder dorthin zurückkehren. In Frankreich dürfen als Erstes die ganz Großen, welche eigentlich bald mit ihren Abiturprüfungen beginnen sollen, sowie die kleinen, also die fünf- und sechsjährigen Schüler, wieder in ihren Klassenzimmern mit dem Lernen beginnen. Zwar wird über diesen Termin noch gestritten und vieles ist noch unsicher, zum Beispiel wie die Kantinenversorgung aussieht oder wie sich die Organisation von Masken für Lehrer*innen schaffen lässt, aber es gibt endlich wieder eine realistische Hoffnung.  

In kleinen Schritten

Ein Friseurbesuch oder ein Einkauf im Baumarkt sind leider noch nicht in Sicht, aber auch im Alltagsleben zeigt sich, dass es besser wird. Seit dieser Woche haben wieder die Wertstoffhöfe geöffnet und damit wird nun hoffentlich auch bald die Müllentsorgung wieder in geregelten Bahnen verlaufen. In den nächsten Tagen wird sich zeigen, ob die gelbe Tonne, welche seit einem Monat nicht mehr von der städtischen Müllabfuhr abgeholt wurde, endlich wieder geleert wird. Für viele Menschen in Frankreich war auch wichtig, dass sie nun wieder zumindest am Wochenende wieder in den Garten fahren können. Von Montag bis Freitag ist das zwar weiterhin nicht erlaubt, aber auch wenn Gartenvereine in der Grand Nation bei Weitem keine so bedeutende Rolle wie im deutschen Nachbarland spielen, ist das ein weiterer kleiner Schritt zurück zu einer von vielen herbeigesehnten Normalität.

Allerdings wird auch in Frankreich befürchtet, dass es einen Rückschlag geben könnte. Es wird unter anderem darüber diskutiert, ob die Schulen nicht zu früh wieder geöffnet werden und ob sich Exit-Strategien nach Regionen unterscheiden sollten. Grand Est und damit auch Metz würden dann wohl als letztes von der Öffnung der normalen Geschäfte oder Restaurants profitieren. Aber die großen, in den Familien ungemein wichtig genommenen Sommerferien werden kommen und wohl auch wieder Großeltern, Tanten, Onkel und Enkel zusammenbringen. Daran glaubt die ganze Grand Nation. Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg.

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