Lars Ohlinger (Foto: privat)

Folge 3: Ferien, Familie, ab ans Meer?

Impressionen aus Metz - Das Tagebuch aus Grand Est

von Lars Ohlinger   28.04.2020 | 16:42 Uhr

Lars Ohlinger ist Mitglied der SR-Wirtschaftsredaktion und lebt mit seiner Frau und drei Töchtern in Metz. Seit der Sperrung der Grenze und den immer strikteren Einschränkungen des öffentlichen Lebens in Frankreich lebt die Familie - wie alle Menschen in Frankreich - fast in einer Art Hausarrest. In seinem Tagebuch dokumentiert er für den SR die aktuelle Situation in Grand Est, aber auch ganz persönliche Eindrücke aus dem unmittelbaren Erleben inmitten einer schwer betroffenen Region.

17. April 2020

Vielleicht ist es irgendwie doch ganz schön im Haus-Arrest, selbst wenn es inzwischen schon fünf Wochen sind? Nehmen wir doch einmal die positiven Seiten der Situation: In der Region Grand Est haben die Kinder seit dieser Woche Ferien, was also für uns bedeutet, nicht mehr jeden Tag gleich von früh an Aushilfslehrer spielen zu müssen.

Ringbuch mit Stift (Foto: SR 1)

Ehrlicherweise muss ich zugeben, dass vor allem meine Frau diese, nun ja, sagen wir einmal, nicht immer fröhliche Aufgabe übernommen hat, weil sie selbst vom Fach ist. Vor allem unsere kleinste, neunjährige Tochter benötigt dabei stundenlange, vollumfassende Betreuung. Erst jetzt kann ich so richtig einschätzen, wie anstrengend und nervenzerreißend so ein Lehrer-Job sein kann. Bei allen Personen, welche diesen Beruf ausüben, sollte zumindest ein kleiner Heiligenschein über dem Kopf schweben.

Überhaupt ist inzwischen auch in Frankreich immer mehr Leuten klar geworden, dass viele Berufe und viele öffentliche Angestellte auch ihre guten Seiten haben. War vor einigen Monaten noch von Stellenstreichungen, Beamtenabbau und einer umfassenden Renten-„Reform“ die Rede, sind diese Pläne erst einmal ad acta gelegt worden. Der Chef der wichtigen Gesundheitsbehörde in Grand Est wurde jetzt sogar gefeuert, weil er sich öffentlich nicht von einer bisher geplanten Umstrukturierung und einem damit wohl verbundenen Stellenabbau in der großen Klinik in Nancy distanzierte. Undenkbar noch vor einigen Wochen.

Ein chaotischer Beginn

Als ich am 11. März, einem Mittwoch, kurzfristig um die Mittagszeit als Grenzgänger nach Hause geschickt wurde, weil die Region Grand Est zur Risiko-Zone erklärt wurde, schien die Situation in Metz eigentlich noch ganz in Ordnung zu sein. Die Corona-Gefahr kam mir noch relativ weit weg vor, und für das Wochenende hatte sich einer meiner engsten Freunde, der jetzt in Avignon lebt, zu Besuch angesagt. Er war im Europahaus in Scy-Chazelles zu einem Arbeitstreffen eingeladen, und so trafen wir uns am Samstagabend in der Innenstadt.

Irgendwie hatte ich allerdings kein gutes Gefühl dabei, vor allem als mir andere Freunde kurz vorher von der Nachricht erzählten, dass ab Mitternacht alle Restaurants und Bars schließen müssten. Eine irreale Situation, denn das Zentrum von Metz war wie immer voller Menschen, die sich trafen und miteinander feierten. Eigentlich ein ganz normales Wochenende.

Die Markthallen von Metz: geschlossen (Foto: Lars Ohlinger )

Als Emmanuel Macron dann am Montag die Schließung vieler Geschäfte und der Schulen verkündete, traf uns dies trotz aller Befürchtungen unvorbereitet. Vor allem die erste Woche verlief weitgehend chaotisch. Mit einem Mal sollte auch der Unterricht für die Kinder per Internet erledigt werden. Das virtuelle Schulnetz in Grand Est namens „Pronote“ funktionierte aber eigentlich gar nicht oder zumindest nur selten. Anstrengend für die Eltern, weniger für die Kinder, die damit insgesamt noch recht locker umgingen.

Aufgaben und der Kontakt zum Lehrkörper waren kaum möglich, und da in Frankreich oft noch die althergebrachte Art der Lernvermittlung mit Frontalunterricht und sehr viel Respekt oder sogar Angst vor der Lehrerin und dem Lehrer vorherrscht, brach auch bei uns das Chaos aus. Hausaufgaben und Lerninhalte blieben weitgehend dem Zufall überlassen.

Die anfängliche Freude der Kinder, nicht zur Schule zu müssen, schlug relativ schnell um in die Vorstellung, dass dieser sonst so anstrengende Ort eigentlich doch wunderbar ist. Auch weil die Freunde dort zu treffen sind und das Lernen sich viel einfacher gestaltet. Zudem sind, anders als in Deutschland, die Schulen in Frankreich für Eltern unzugängliche und verschlossene, autoritäre Veranstaltungen (wer zum Beispiel früh am Morgen nur einige Minuten zu spät kommt, steht schon einmal vor einem verschlossenen Schultor und darf sein Kind wieder mit nach Hause nehmen). Während ich meinen Nachwuchs mit den Worten verabschiede, dass sie viel Spaß in der Schule haben sollen, heißt es bei den französischen Eltern „Travaille bien“, also „Arbeite gut“. Für mich anfangs ungewohnt, aber damit kommen hier alle gut klar, und in den letzten Jahren habe ich gelernt, dass dies auch seine guten Seiten hat, also einen ruhiger schlafen lässt. Das virtuelle Schulsystem „Pronote“ funktioniert inzwischen ganz gut, aber derzeit benötigen wir es glücklicherweise nicht.

Ferien, Familie, ab ans Meer?

Jetzt sind erst einmal zwei Wochen Ferien in unserer Region, und glücklicherweise sind meine drei „Kleinen“ in der Lage, sich auch öfter selbst zu beschäftigen, so dass es für Mama und Papa nun etwas mehr Zeit für andere Aufgaben gibt. Eigentlich werden französische Ferien dafür genutzt, die Großeltern und andere Verwandte zu treffen. Dies fällt natürlich aus. Ein wirklich harter Schlag für dieses große Land, in dem soziale Kontakte eine sehr wichtige Rolle spielen.

Das beginnt mit der Begrüßung und den üblichen zwei Küsschen auf die Wangen und endet noch lange nicht mit den aus deutscher Sicht ewig langen, andauernden Verabschiedungen bei einem Treffen mit Freunden. Wer hier zwei oder drei Mal „Auf Wiedersehen“ sagt, hat meistens dann doch noch schnell etwas „ganz Wichtiges“ über jemanden zu erzählen. Auch wir wollten natürlich woanders hin, zur Mutter meiner Frau, in der Nähe von Lyon. Die agile Seniorin, Anfang 80 ist sie schon, schlägt sich tapfer, auch wenn sie jetzt schon wochenlang alleine zu Hause ist und Nachbarn von ihr an Covid-19 verstorben sind.

Der Bahnhof von Metz (Foto: Lars Ohlinger)

Vielleicht wäre in den Ferien auch noch ein kleiner Ausflug ans Meer drin gewesen, zu Freunden, die dort ein Häuschen besitzen? Ein schöner Traum, aus dem erst einmal nichts wird, aber vielleicht irgendwann demnächst wieder, denn es häufen sich die etwas positiveren Nachrichten. Meine Schwiegermutter hat inzwischen gelernt, uns per Video anzurufen, lebt jetzt also fast permanent per bewegten Bildern bei uns. Und bei ihr im Süden, bei uns im Nordwesten und in ganz Frankreich wächst die Hoffnung, dass der Zenit der Corona-Pandemie erreicht ist. Immer mehr Menschen tragen inzwischen eine Maske im öffentlichen Leben, und die Zahl der registrierten Todesfälle mit Covid-19-Ursache oder -Beteiligung ist in Grand Est zurückgegangen. Vor zwei Wochen wurden täglich noch bis zu 130 Tote gemeldet. Jetzt sind es offiziell zwischen 60 und 80 Menschen pro Tag. Über eine Lockerung der strikten Verhaltensregeln wird allerdings immer noch viel weniger diskutiert als in Deutschland. Schließlich sind die radikalen Ausgangssperren erst diese Woche bis zum 11. Mai verlängert worden. Nicht ganz unerwartet, aber trotzdem wieder ein kleiner Schock.

Frankreich und seine Kultur

Das Centre Pompidou in Metz ist geschlossen (Foto: Lars Ohlinger)

Dass es ab Mitte Mai recht schnell wieder „normal“ weitergeht ist zudem eher unwahrscheinlich. Die Gartencenter in Grand Est werfen nun Zehntausende von Pflanzen weg, denn wer soll sie kaufen oder abholen? Eine Öffnung ist auch für diese Geschäfte nicht in Sicht. Trotzdem blüht und gedeiht in den Parks von Metz und Umgebung die Natur. Auch die Blumen in den städtischen Pflanzen-Kübeln werden gegossen.

Das Centre Pompidou in Metz (Foto: Lars Ohlinger)

Doch ein dringend nötiger Gang zum Friseur ist tabu, und die Konzerte im Sommer, für die wir schon Tickets haben, werden ganz sicher auch flachfallen. Selbst das Centre Pompidou wirbt derzeit virtuell nur sehr zurückhaltend für einen baldigen Besuch in seinen heiligen Räumen. Eigentlich sollten dort Ende März zwei neue Ausstellungen eröffnet werden.

Per Twitter werden zwar regelmäßig Informationen über Aktivitäten gezeigt, aber auch für Kultureinrichtungen und die vielen kreativen Künstler sind es harte Zeiten. Wieder einmal nimmt auch hier der Zentralstaat die Zügel in die Hand. Von der französischen Regierung wurden viele kulturelle Veranstaltungen für eine Übertragung im Fernsehen und im Internet freigegeben, wie zum Beispiel von der Oper in Paris, einem französischen Kultur-Aushängeschild. Außerdem wird in Frankreich darüber diskutiert, dass man gekaufte Eintrittskarten für Theater & Co.  ja nicht unbedingt zurückgeben muss, selbst wenn die Veranstaltungen ausfallen. So sieht es auch meine Frau. Die bessere Hälfte unserer Ehegemeinschaft lässt also einige Karten einfach so verfallen, ohne den schon gezahlten Eintrittspreis zurückzuverlangen. Da musste ich schon etwas schlucken, aber den häuslichen Frieden werde ich dafür bestimmt nicht gefährden. Also stelle ich mich unterstützend an ihre Seite und bekomme dafür ihre Dankbarkeit. Und die ist ohnehin unbezahlbar.

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