Lars Ohlinger (Foto: privat)

Folge 2: Lustiges Alltagsleben?

Impressionen aus Metz - Das Tagebuch aus Grand Est

von Lars Ohlinger   17.04.2020 | 19:45 Uhr

Lars Ohlinger ist Mitglied der SR-Wirtschaftsredaktion und lebt mit seiner Frau und drei Töchtern in Metz. Seit der Sperrung der Grenze und den immer strikteren Einschränkungen des öffentlichen Lebens in Frankreich lebt die Familie - wie alle Menschen in Frankreich - fast in einer Art Hausarrest. In seinem Tagebuch dokumentiert er für den SR die aktuelle Situation in Grand Est, aber auch ganz persönliche Eindrücke aus dem unmittelbaren Erleben inmitten einer schwer betroffenen Region.

Jetzt bin ich seit vier Wochen zu Hause und die normalen Dinge werden in Frankreich immer mehr zur Herausforderung. Allerdings stellt sich bei mir auch inzwischen so eine Art Galgenhumor ein. Lachen ist ja auch eine Art von Medizin. Gestern war ich zum Beispiel einkaufen, was eigentlich nichts Besonderes ist - eigentlich. Doch in Zeiten von Corona wird selbst das in Frankreich eine Fahrt ins Ungewisse. Das Hinausgehen ist nämlich ungewohnt und anstrengend. Am letzten Wochenende erzählte mir ein Freund per Video, dass er beim ersten Ausgang nach zwei Wochen aus seiner Wohnung einen kleinen, ungefähr halbstündigen Spaziergang mit Frau und Kindern absolvierte. Am nächsten Tag habe er Muskelkater gehabt. Wir haben beide darüber gelacht.

Außerdem bilde ich mir ein, dass es immer gefährlicher ist, hinauszugehen. Wahrscheinlich ist dies etwas dumm, aber die gemeldeten Infektionszahlen in der Region Grand Est steigen offiziell weiter stark an, auch die Todeszahlen. Wie hoch sie genau liegen, ist aber unklar, denn es gibt bisher keine genauen, aktuellen Angaben über die Verhältnisse in den Altersheimen. Tatsächlich widersprechen sich die dafür zuständigen Behörden sogar. Wahrscheinlich liegt die Zahl der Gestorbenen inzwischen bei rund 2.000 in der Region Grand Est, was eine Zunahme um rund 15 Prozent wäre, innerhalb einer Woche.

Der schöne Einkauf

Jedenfalls versuchen wir, nur noch einmal pro Woche einzukaufen, was sich gestern aber als schwierig herausstellte. Durch die Ausgangsbeschränkung dürfen wir eigentlich nur eine Stunde am Tag rausgehen. Damit ist der Einkauf aber nicht zu schaffen. Beim ersten Versuch um die Mittagszeit drehte ich wieder um und fuhr nach Hause zurück. Viele Leute standen in einer Schlange vor dem Supermarkt an und da wusste ich, dass die Verhältnisse im Supermarkt sehr schwierig werden. Als ich am Nachmittag einen zweiten Anlauf nahm, war die Situation nicht besser. Trotzdem reihte ich mich ein in die Schlange der Wartenden, denn dass es in den kommenden Tagen vor Ostern besser läuft, ist eher unwahrscheinlich. Im Supermarkt drinnen war es dann wie befürchtet: Die Leute gehen hin wo sie wollen, Markierungen am Boden gibt es nur wenige, und von Mindestabständen haben viele anscheinend noch nie gehört. Aber eigentlich ist kuschelige Nähe derzeit beim Einkaufen ja nicht so richtig gewollt, sondern sogar streng verboten.

Masken

Mundbedeckung (Foto: Pixabay / panos13121)

Die Angestellten und Verkäufer/innen des Supermarktes hatten fast alle eine Art Plastikvisier als Schutz vor dem Gesicht. Wäre eigentlich lustig, wenn es nicht so ernst wäre. Auch sonst tragen inzwischen immer mehr Personen zumindest beim Einkaufen einen einfachen Mundschutz. Die französische Regierung verkündet zudem immer wieder, dass nun auch viele Masken im eigenen Land hergestellt würden und auch Groß-Bestellungen in Auftrag gegeben wurden. Aber wann die ankommen? Es heißt, vielleicht erst Ende Juni. Eine allgemeine Maskenpflicht ist vorerst anscheinend nicht vorgesehen. Aber vielleicht wird sie irgendwann ebenso überraschend verkündet wie so vieles anderes in den letzten Wochen?

Wenn nur der Müll nicht wäre

Etwas merkwürdig ist auch, dass einige unserer Nachbarn immer noch die gelbe Tonne für den Müll raus stellen. Diese wird allerdings seit mindestens zwei Wochen nicht mehr geleert. Auch so eine kurzfristige Über-Nacht-Ankündigung. Doch davon lassen sich einige Familien nicht beeindrucken. Weiterhin stellen sie ihre gelbe Tonne am Montagabend raus, wohl in der Hoffnung, dass am nächsten Morgen ein Wunder passiert. Glücklicherweise wird der „normale“ Abfall in der schwarzen Tonne bisher noch entsorgt. Kartons, Papier etc. zum Recyceln allerdings nicht mehr, denn laut offizieller Ansage wurde die Abnahmestelle dafür geschlossen. Als ordentlicher Mülltrenner versuchen wir jetzt, in einem großen, extra Karton zumindest einigen des „gelben“ Mülls zu sammeln. Doch inzwischen stapelt sich dieser immer höher. Nächste Woche ist damit wohl Schluss. Vielleicht kommt heute Abend wieder die Müllabfuhr für die schwarze Tonne.  

Aber es gibt Hoffnung, zumindest ein wenig. Wir bekommen wieder die Post, hurra, Party. Die war in unserer Gegend fast zwei Wochen lang nicht mehr ausgetragen worden. Jetzt haben wir wieder etwas bekommen, zumindest zwei Mal die täglichen abonnierten Kinderzeitschriften. Gerne hätte ich deswegen als Ostergeschenk für die Kinder im Internet einige Bücher bestellt, aber leider bereitet dabei nicht nur die Post Schwierigkeiten, auch die Bestellungen selbst sind kaum mehr umsetzbar. Viele Artikel sind nicht mehr lieferbar, und wenn, dann mit zwei oder drei Wochen Wartezeit.

Ein Panel aus dem Asterix-Album 'Asterix in Italien'. (Foto: Asterix®–Obelix®–Idefix ®/© 2017 Les Éditions Albert René)

Zudem haben sich die Preise stark erhöht. Kostete ein BD, so heißen die Comics in Frankreich, welche auch meine Kinder sehr mögen, früher 10 oder 15 Euro, sind dafür nun bei vielen 30 oder 40 Euro hinzublättern. Asterix & Co. sind damit schon Luxuswaren. Es wäre schön, den Zaubertrank der Gallier herstellen zu können.

Preissprünge sind auch beim Einkaufen im Supermarkt deutlich zu bemerken. Ich kann zwar ganz gut mit Zahlen umgehen, bin allerdings kein Sparfuchs, aber selbst mir sind die enormen Steigerungen aufgefallen. Vor allem für Früchte und Gemüse haben sich die Preise verdoppelt. Begründet wird dies mit der geringeren Ernte, da Arbeitskräfte fehlen. Comics werden zwar eigentlich nicht in Gewächshäusern geerntet, aber wahrscheinlich haben auch die Druckereien Probleme. Wenn ich dann wenigstens Erfolg beim Selbstanbau von Gurken, Tomaten oder Salat im eigenen, kleinen Garten hätte!

Aber dafür ist es derzeit noch etwas zu kalt, aber nicht nur deshalb sind meine Erfolge mit Früchten und Gemüse leider mit zwei Wörtern zu beschreiben: sehr gering. Doch davon lasse ich mich nicht abschrecken, denn dieses Jahr werde ich bestimmt eine Schwemme von leckeren Sachen hervorzaubern, hm, vielleicht. Vielleicht aber auch nicht, was eher wahrscheinlich ist. Egal, das wird schon wieder, auch wenn ich vielleicht vom anstrengenden Einkaufen gestern erst einmal einen Muskelkater bekomme.

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