Lars Ohlinger (Foto: privat)

Folge 1: Metz schläft und kämpft

Impressionen aus Metz - Das Tagebuch aus Grand Est

von Lars Ohlinger   17.04.2020 | 20:11 Uhr

Lars Ohlinger ist Mitglied der SR-Wirtschaftsredaktion und lebt mit seiner Frau und drei Töchtern in Metz. Seit der Sperrung der Grenze und den immer strikteren Einschränkungen des öffentlichen Lebens in Frankreich lebt die Familie - wie alle Menschen in Frankreich - fast in einer Art Hausarrest. In seinem Tagebuch dokumentiert er für den SR die aktuelle Situation in Grand Est, aber auch ganz persönliche Eindrücke aus dem unmittelbaren Erleben inmitten einer schwer betroffenen Region.

Seit drei Wochen bin ich zu Hause, in Montigny-lès-Metz. Die Zeit ist eigentlich recht schnell vergangen und immer noch versuchen wir uns in der Familie vorzumachen, dass wir wissen, wann es ein Ende der Corona-Krise gibt - und dass wir damit eigentlich nicht viel zu tun hätten. Doch die Einschläge, wenn man es so nennen will, kommen näher. Einige Kranke kenne ich persönlich ganz gut, andere Verstorbene bisher aber nur flüchtig.

Lars Ohlinger über den Alltag in Metz in Corona-Zeiten
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Lars Ohlinger über den Alltag in Metz in Corona-Zeiten

Die Hoffnung, dass es nicht schlimmer kommt, ist trügerisch. Die Zahl der Infizierten und auch der Covid-19-Toten in Lothringen und gerade auch in Metz, steigt weiter stark an. Im Gebiet, zu dem wir gehören, in Grand Est, sind inzwischen gut 1700 Personen daran gestorben. Die am stärksten betroffenen Gebiete in Frankreich liegen in Haut-Rhin und Moselle, also im Elsass und rund um Metz.

Hopital

Mit dem Auto wäre ich in 10 Minuten im großen Krankenhaus von Metz. Die neue, moderne Klinik kenne ich ganz gut, aber jetzt möchte ich nicht einmal daran denken, dort hingehen zu müssen. Dort, aber auch in den Kliniken in Nancy und Strasbourg, ist die Situation im Kampf gegen das Corona-Virus dramatisch. Die Zahlen zu Infizierten und Toten sind erst einmal unpersönlich. Doch die Informationen, die auch über befreundete Krankenschwestern und Ärzte heraus gelangen, sind erschütternd.

Ambulanz (Foto: Lars Ohlinger)

Es kommen nicht nur viele Patienten, die dringend Hilfe benötigen. Erst am Montag kam die Nachricht, dass ein Klinik-Arzt gestorben ist und 40 weitere Mediziner sich infiziert haben. Mehrere davon befinden sich in kritischem Zustand. Wagen mit Blaulicht der Ambulanz oder der Notfallärzte, wofür in Frankreich die Feuerwehr zuständig ist, sind in Metz immer öfter zu sehen. Es handelt sich dabei bestimmt nicht immer um Patienten mit der neuen Krankheit, aber man verbindet es sofort damit.  

Es gibt Hilfe aus anderen Gegenden Frankreichs und auch aus Deutschland. Mehrmals am Tag hören wir jetzt die Helikopter, wahrscheinlich als Krankentransporte, über uns hinwegfliegen. Ungewöhnlich und beängstigend, denn es gibt eigentlich keinen Luftverkehr in Metz, seitdem vor einigen Jahren der Militärflughafen geschlossen wurde. Außerdem fahren inzwischen die Schnellzug-TGV jeden Tag Patienten vor allem in den Süden und Westen von Frankreich.

Durchhalten

Davon bekommen wir aber nur über die Nachrichten etwas mit. Denn obwohl ich zum Metzer Hauptbahnhof nur einige Minuten mit dem Fahrrad benötige: Dorthin fahre ich derzeit nicht. Will ich auch gar nicht. Die Schönheit der Metzer Innenstadt, die persönlichen Treffen dort und die vielfältigen Angebote spielen jetzt keine Rolle mehr.

Es gibt von der französischen Regierung die klare Vorgabe, dass man sich nur im Umkreis von einem Kilometer bewegen darf. Daran halten wir uns und auch unsere Freunde und Verwandten. Wir alle gehen eigentlich nur noch zum Einkaufen raus. Was früher Spaß gemacht hat, selbst wenn man es sich vielleicht nicht leisten konnte, ist jetzt zur realen Gefahr geworden. Lachende Gesichter sind dabei kaum noch zu sehen.

Die menschenleere Innenstadt von Metz (Foto: Lars Ohlinger)

Die Innenstadt ist nicht gänzlich verwaist, denn schließlich gibt es auch hier viele Lebensmittelgeschäfte, Fleischer, Bäcker und hochpreisige Patisserien. Doch nun verschanzen sich die Leute in ihren Häusern und Wohnungen. Die Parks und Spielplätze sind eh geschlossen. Metz schläft und kämpft.

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