Illustration: Rettungsdienst (Foto: pixabay/TechLine)

Mehr Wertschätzung für Rettungskräfte!

  14.10.2020 | 13:28 Uhr

Feuerwehrleute, Sanitäter, Rettungskräfte – jeden Tag sind sie im Einsatz, um Menschen zu helfen, die in Not geraten sind. Dafür sollten wir ihnen dankbar sein. Die meisten sind das auch. Doch es gibt auch andere, denen nichts Besseres einfällt, als Rettungskräfte zu beschimpfen, zu behindern oder sogar anzugreifen. Dass es diese Gewalt gegen Einsatzkräfte gibt, ist bekannt. Warum dem so ist, das will ein Aachener Soziologe genauer untersuchen.

Gewalt gegen Rettungskräfte

Gewalt gegen Einsatzkräfte
Audio [SR 1, (c) SR 1, 14.10.2020, Länge: 02:12 Min.]
Gewalt gegen Einsatzkräfte

„In jedem Einsatz passiert immer so ein Stückchen, bei dem man merkt, dass die Leute immer weniger Empathie für den anderen haben,“ sagt Jan Berger. Er ist Berufsfeuerwehrmann und Notfallsanitäter in Saarbrücken. So hat er zum Beispiel bei einem Feuerwehreinsatz erlebt, dass Leute auf die Drehleiter gestiegen sind, um Fotos zu machen. Bei einem anderen Einsatz wurde er mit seinen Kollegen aufs Übelste beschimpft und sogar mit Flaschen beworfen. „Das war vor 20 Jahren undenkbar,“ so Berger.

Mangelnder Respekt, ja, sogar Gewalt gegenüber Einsatzkräften sind inzwischen keine Seltenheit mehr. Genauso kommt es vor, dass medizinisches Gerät gestohlen wird oder jemand den Rettungswagen wegfahren will, weil der im Weg steht: „Früher war es die Regel, dass man das Fahrzeug auf der Straße abstellt, hinten die Türen auf, die Trage ist vor der Tür abgestellt,“ erklärt Thorsten von dem Broch von der Saarbrücker Berufsfeuerwehr. „Heute hat sich das Ganze verändert, so dass man an jeder Einsatzstelle im Prinzip die Tür absperren muss, die Trage bleibt erst mal im Fahrzeug, bis der Patient unten ist, weil immer die Gefahr besteht, dass jemand das Rettungsdienstmaterial auch entwendet.“

Ursachenforschung

Mehr als jede zweite Rettungskraft hat Erfahrungen mit Gewalt im Einsatz. Alkohol und Drogen können oft der Auslöser sein, aber auch völlig nüchterne Menschen greifen Einsatzkräfte an. Warum haben die Menschen keinen Respekt mehr vor den Helfern? Die genauen Ursachen sind noch nicht erforscht. Aus Umfragen unter Rettungskräften kann der Soziologe und Gewaltforscher Prof. Dr. Thomas Kron von der Uni Aachen aber bereits einiges ableiten. So sind für ihn der mangelnde Respekt gegenüber den Helfern und auch die fehlende Empathie gegenüber den betroffenen Patienten möglicherweise mit eine Folge des verbreiteten Individualismus: „Es heißt immer: Optimiere dich selbst. Du kannst alles erreichen, was du willst. Wenn du es nicht erreichst, hast du dich nicht genug angestrengt. Und egal, ob du Erfolg hast oder nicht Erfolg hast: Du bist selbst schuld. Also wenn man so aufwächst und das verinnerlicht hat, dann sind die anderen Menschen entweder förderlich für den eigenen Weg, den man gehen möchte, oder Hindernisse, aber sie sind kaum noch Menschen mit eigenen Bedürfnissen, Wünschen und Gefühlen.“

Sanitäter versorgen einen Patienten (Foto: SR)

Die genauen Ursachen will Prof. Kron im Rahmen einer Studie näher erforschen, bei der die Einsatzkräfte selbst mitwirken sollen: „Wir würden die gerne ausstatten mit Bodycams. Wir schicken die los und werten dann entsprechend diese Filme aus und suchen nach den situativen Auslösern, wann es zu Gewalt kommt und wann es nicht zu Gewalt kommt. Wenn wir die gefunden haben, dann entwickeln wir ganz spezifisch im Bezug auf diese Auslöser ein Präventionsprogramm, schulen die Rettungskräfte und schicken die dann noch mal los, so dass wir auch bewerten können, ob das, was wir geschult haben, tatsächlich gewirkt hat. Das ist die Idee.“ Die Gelder für diese Studie müssen allerdings noch bewilligt werden.

Rettung im Fall der Fälle

‚Kommunikation und Interaktion‘ lernen die Einsatzkräfte dagegen inzwischen bereits im Rahmen ihrer Ausbildung. Damit sie gegebenenfalls schnell und richtig reagieren können. „Der allergrößte Fehler ist, sich von einem provozierenden oder konfliktträchtigen Verhalten anstecken zu lassen,“ erklärt Holger Neubert; er schult bei der Saarbrücker Berufsfeuerwehr Kollegen und Auszubildende. Doch mit der richtigen Taktik könne man „viele Situationen im Vorfeld bereits deeskalieren, bevor es überhaupt zu einem gewalttätigen Übergriff kommt,“ so Neubert.

Auf der anderen Seite erleben die Rettungskräfte in letzter Zeit aber auch einen gewissen Grad an Wertschätzung und Dankbarkeit, berichtet Thorsten von dem Broch. Denn in Zeiten von Corona und Lockdown haben viele Menschen gemerkt, dass doch nicht alles so selbstverständlich ist. Und dass unsere Rettungskräfte trotzdem für sie da sind im Fall der Fälle.


Auch Thema auf SR 1 am 14.10.2020 in der Sendung 'Balser & Mark. Dein Morgen'.

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