Ein mann mit Hand im Gesicht (Foto: Pixabay/Gerd Altmann)

Warum wir uns ständig ins Gesicht fassen

 

Es kann momentan nicht oft genug betont werden: Hände weg vom Gesicht! Doch das ist gar nicht so einfach. Denn der Mensch ist ein Gewohnheitstier und meistens sind die Berührungen unbewusst. Doch warum fassen wir uns eigentlich ständig ins Gesicht und was kann man dagegen tun?

Der Drang, sich ins Gesicht zu fassen, ist oft überwältigend. Und dem kommen wir meist unbewusst in Sekundenschnelle nach. Keime, die zuvor im öffentlichen Leben durch Händeschütteln oder das Anfassen von Einkaufswägen oder Geldscheinen an unsere Hände gelangt sind, können so über die Schleimhäute an Augen, Nase und Mund in den Organismus eindringen. Häufiges Händewaschen hilft zwar, nichtsdestotrotz sollte man besonders in der aktuellen Situation den Griff ins Gesicht vermeiden.

Wie oft fassen wir uns ins Gesicht?

Laut Martin Grunwald, Gründer und Leiter des Haptik-Forschungslabors am Paul-Flechsig-Institut für Hirnforschung an der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig, fassen wir uns zwischen 400 und 800 mal am Tag ins Gesicht. Am häufigsten berühren wir dabei Nase, Mund und Kinn. "Der größte Teil der Selbstberührungen betrifft die Mittelinie des Gesichts. Deswegen ist das infektionsbiologisch so spannend", sagt Grunwald.

Warum fassen wir uns ins Gesicht?

Die genauen Gründe für das häufige und unbewusste Berühren im Gesicht sind im Moment noch Gegenstand aktueller Forschung. Konkrete Aussagen lassen sich demnach nicht treffen, doch es gibt Theorien: "Wahrscheinlich hat es was damit zu tun, dass wir kurzzeitige emotionale Irritationen durch diesen Berührungsreiz im Gesicht wieder ausgleichen", erklärt Martin Grunwald. Bei diesen Irritationen kann es sich beispielsweise um kleinste Störfaktoren im Alltag wie visuelle Eindrücke oder störende Töne handeln.

Warum wir uns ständig ins Gesicht fassen
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Warum wir uns ständig ins Gesicht fassen

Nach dieser Theorie sind die Selbstberührungen im Gesicht also Reaktionen auf emotionales Ungleichgewicht und helfen dabei, Stresssituationen zu bewältigen und in diesen handlungsfähig zu bleiben. "Bei emotionaler Instabilität und in Situationen hoher Ängstlichkeit oder Aufregung werden vermehrt spontane Gesichtsberührungen ausgeführt", beschreibt Grunwald Studiendaten aus der Forschung.

Ebenfalls für diese Theorie sprechen Ergebnisse aus Untersuchungen der Hirnaktivität vor und nach Selbstberührungen im Gesicht. "Wir wissen, dass die spontanen Selbstberührungen vom Gehirn verarbeitet werden und dass das Gehirn nach der Selbstberührung in einem anderen bio-chemischen Zustand ist", erklärt Martin Grunwald. Hat man die Probanden jedoch dazu aufgefordert, sich bewusst im Gesicht zu berühren, gab es keinerlei Veränderung der Hirnaktivität.

Was kann man dagegen tun?

Generell ist das ständige Berühren im Gesicht aufgrund der Übertragung von Keimen und dem Verursachen von Hautverunreinigungen problematisch. Besondern gefährlich kann es jedoch in Zeiten von Corona werden. Was kann man also dagegen tun? Eine einfache Antwort auf diese Frage gibt es nicht: "Das Problem bei diesen Berührungen ist, dass sie in der Regel ohne bewusste Kontrolle erfolgen. Wir merken das nicht", so Grunwald.

Das bewusste Vorhaben, sich in Zukunft einfach nicht mehr ins Gesicht zu fassen, ist dabei sogar kontraproduktiv. "Wir wissen durch Pilotstudien, dass wenn Sie sich aktiv vornehmen, sich nicht ins Gesicht zu fassen, dann erhöht sich der Druck, sich doch ins Gesicht zu fassen. Durch diese Forderung bauen sie Stress auf. Bedingt durch diese Zunahme des Stresses ist das Bedürfnis sich ins Gesicht zu fassen noch viel stärker", so Grunwald.

Ob Ausgleichshandlungen wie das Berühren anderer, unproblematischer Stellen oder die anderweitige Beschäftigung der Hände helfen, ist durchaus möglich, kann aus wissenschaftlicher Sicht zur Zeit jedoch noch nicht bestätigt werden. Hilfreich sind aber generell Maßnahmen zum Stressabbau. "Zumindest sollte man die Bevölkerung im Allgemeinen darüber informieren, dass es ein spontanes Phänomen ist, das aber eben die Infektionsgefahr erhöht. Und dann gibt es sicher den ein oder anderen, der daraus individuelle Schlüsse ziehen und dieses umsetzten kann."


Auch Thema am 13.05.2020 auf SR 1 in der Sendung ,Balser & Mark. Dein Morgen'.

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