Im Ahrtal im April 2022 (Foto: SR / René Henkgen)

Leben nach der Flut

mit Informationen von AFP und Aaron Klein   14.07.2022 | 07:56 Uhr

Es war die schwerste Naturkatastrophe in Deutschland seit der Sturmflut von 1962: Heute jährt sich das Jahrhunderthochwasser in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen mit mehr als 180 Toten zum ersten Mal. Sintflutartige Regenfälle führten am 14. und 15. Juli vergangenen Jahres zu Überflutungen, die ganze Landstriche verwüsteten.

Die Jahrhundertflut in Zahlen

BIS ZU 150 LITER REGEN PRO QUADRATMETER

Sturmtief "Bernd" sorgte im vergangenen Juli für anhaltenden Starkregen im Süden und Westen Deutschlands.

In den Flutregionen fiel innerhalb von nur zwei Tagen mehr Niederschlag als durchschnittlich im gesamten Monat Juli. Über das kurze Zeitfenster stürzten laut dem Deutschen Wetterdienst teils hundert bis 150 Liter Regen pro Quadratmeter auf Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen herab.

In der Eifel haben heftige Regenfälle und Dauerregen für Überschwemmungen und Überflutungen gesorgt. Im Ahrtal trat der Fluss vielerorts über die Ufer und überschwemmte nicht nur Keller sondern ganze Ortschaften.  (Foto: picture alliance / Geisler-Fotopress | Christoph Hardt/Geisler-Fotopres)

Infolgedessen kam es zu Sturzfluten und Überschwemmungen. Der Pegel der Ahr erreichte mit über fünf Metern ein historisches Rekordhoch. Das kleine Flüsschen Erft schwoll stellenweise auf vier Meter Tiefe an und trat über die Ufer. Eine Kiesgrube in Erftstadt-Blessem stürzte infolge der Überflutung ein, zahlreiche Häuser wurden in die Tiefe gerissen.

Es sind alleine im Ahrtal rund 42.000 Menschen von der Flutkatastrophe und rund 8.800 Häuser von einer Beschädigung bis zu einer vollständigen Zerstörung betroffen.


MEHR ALS 180 TOTE UND HUNDERTE VERLETZTE

Durch das Hochwasser wurden etliche Gemeinden verwüstet, tausende Häuser beschädigt oder zerstört und ganze Brücken weggerissen. In Rheinland-Pfalz kamen insgesamt 135 Menschen ums Leben, 766 weitere wurden teils schwer verletzt. Zwei Menschen werden immer noch vermisst.

Im besonders stark betroffenen Ahrtal hinterließen reißende Wassermassen eine 40 Kilometer lange Schneise der Verwüstung. In Nordrhein-Westfalen starben 48 Menschen. Darunter waren auch zwölf Bewohner eines Behindertenwohnheims in Sinzig, die nicht mehr in Sicherheit gebracht werden konnten und hilflos ertranken. Ganze Ortschaften waren nach der Katastrophe von der Außenwelt abgeschnitten.

Ein Jahr nach Flutkatastrophe: Rückblick eines Helfers
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Ein Jahr nach Flutkatastrophe: Rückblick eines Helfers


TAUSENDE HELFER IM EINSATZ

Bis heute sind in den Flutgebieten Hilfsorganisationen und ehrenamtliche Helfende im Einsatz. In den Tagen und Wochen nach der Hochwasserkatastrophe halfen täglich tausende Einsatzkräfte und Freiwillige in den zerstörten Regionen, zudem wurden zeitweise 2000 Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr entsandt.

Zur Menschenrettung, für Aufräumarbeiten und zum Wiederaufbau der wichtigsten Infrastruktur waren in der Spitze allein vom Technischen Hilfswerk täglich rund 4000 ehren- und hauptamtliche Helfer im Einsatz. Hinzu kamen tausende Freiwillige aus ganz Deutschland, die zum Teil mit Shuttlebussen anreisten. Zu Spitzenzeiten wurden im gesamten Schadensgebiet rund 20.000 Mahlzeiten täglich gekocht und ausgegeben.

Einheiten von Polizei, THW, Bundeswehr und Feuerwehr mitsamt vielen freiwilligen Helfern räumen Straßen (Foto: picture alliance / Geisler-Fotopress | Christoph Hardt/Geisler-Fotopres)

Mit Hilfe von Hubschraubern wurden 304 Menschen von Gebäuden gerettet. Es wurden Lebensmittel und Trinkwasser per Hubschrauber in schwer erreichbare Orte geflogen, zu Spitzenzeiten über 20 Tonnen am Tag.


30 MILLIARDEN FÜR DEN WIEDERAUFBAU

Im vergangenen August brachten Bund und Länder einen gemeinsamen Fonds für Wiederaufbauhilfe auf den Weg, der mit insgesamt 30 Milliarden Euro gefüllt ist.

Für das Land Nordrhein-Westfalen stehen 12,3 Milliarden Euro zur Verfügung, für das Nachbarland Rheinland-Pfalz 15 Milliarden. Innerhalb eines Jahres wurde erst ein Bruchteil dieser Summe abgerufen: In Nordrhein-Westfalen wurden bis Juli 2022 rund 1,6 Milliarden Euro ausgezahlt beziehungsweise bewilligt, in Rheinland-Pfalz war es rund eine halbe Milliarde Euro. Das Geld kommt sowohl Privatpersonen als auch Kommunen, Unternehmen und der Land- beziehungsweise Forstwirtschaft zugute.


ACHTEINHALB MILLIARDEN EURO VON VERSICHERUNGEN

Im Jahr nach der Katastrophe erhielten Flutbetroffene achteinhalb Milliarden Euro von Versicherungen. Nach Angaben des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft ist ein Viertel aller Versicherungsfälle noch offen.

Allein im Kreis Ahrweiler habe der durchschnittliche Schaden pro Wohngebäude 210.000 Euro betragen. Das war der höchste jemals gemessene Schadensdurchschnitt.

Insgesamt verzeichneten die Versicherer 213.000 Schadensfälle - darunter 40.000 beschädigte Autos, 54.000 Versicherungsfälle in der Hausratversicherung, 91.000 beschädigte Wohngebäude und 28.000 Firmen, die durch die starken Regenfälle Sachschäden und Betriebsunterbrechungen meldeten.


Weitere Informationen

Spendenkonten
Diese Organisationen bitten um Eure Hilfe
Autos weggespült wie Spielzeug, Straßen meterhoch voll Schlamm und Geröll, Häuser durch die Wassermassen zerstört - die Hochwasserkatastrophe stellt die Betroffenen vor massive Probleme. Viele wollen gerne helfen. Dazu wurden diverse Spendenkonten eingerichtet.

ARD Mediathek
Die Flut - Chronik eines Versagens
Mindestens 189 Menschen kamen im vergangenen Sommer bei der Flutkatastrophe ums Leben, die sich vor allem in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz abspielte. Auch wenn viele von einer Jahrtausend-Flut sprechen: Wetterexperten rechnen damit, dass sich solche Ereignisse wegen des Klimawandels künftig häufen werden. Umso wichtiger ist jetzt eine Antwort auf die Frage: Was ist damals schiefgelaufen?

Start des WDR/SWR-Flutpodcast
Die Flut – Warum musste Johanna sterben?
Bei der Jahrhundertflut im Juli 2021 starben mehr als 180 Menschen - auch die 22-jährige Johanna aus Bad Neuenahr-Ahrweiler. Zusammen mit den Eltern versucht Host Marius Reichert herauszufinden, wie es so weit kommen konnte.

Ehrenamtliche Hilfe für die Flutopfer
Unermüdlich im Einsatz für die Menschen im Ahrtal
Rund neun Monate ist die Flutkatastrophe im Ahrtal jetzt her. Hilfe und Spenden werden vor Ort immer noch gebraucht. SR-Reporter René Henkgen hat eine Gruppe von Helfern begleitet, die sich seit dem letztem Spätsommer jeden Monat mindestens einmal auf den Weg ins Ahrtal machen, um dort Spenden abzugeben.

Das Jahr - die Meinung
Flutkatastrophe im Ahrtal: Gelebte Solidarität
Leben vieler Menschen auf den Kopf: Häuser wurden zerstört, 180 Menschen kommen ums Leben. Ganze Dörfer sind tagelang von der Außenwelt abgeschnitten. Straßen werden weggespült, Strom-, Wasser- und Gasversorgung brechen zusammen. 14.000 Einsatzkräfte eilten zur Hilfe. Etwa 3000 davon aus dem Saarland, einer davon unser Kollege Oliver Buchholz.

Thema in der Sendung "SR 1 - Die Morningshow" am 14.7.2022.

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