Fluchen beim Autofahren (Foto: imago images / blickwinkel)

Fluchen beim Autofahren

  17.09.2019 | 00:07 Uhr

Schimpfen, Fuchteln, Hupen - hinterm Steuer können selbst die beherrschtesten Menschen zum Wüterich werden. Warum fluchen wir gerade beim Autofahren so häufig? Und welche Folgen kann die Unbeherrschtheit haben?

Warum fluchen wir im Auto?

Das hat mit dem Phänomen zu tun, dass in - vermeintlich - privaten Räumen unsere Kontrollmechanismen reduziert sind. "Wenn wir in einem Auto sitzen, dann ist das einerseits ein sehr privater und geschützter Raum. Diesen Raum tragen wir aber durch die Öffentlichkeit. Und offenbar fühlen wir uns in diesem privaten Raum ein Stück unbeobachtet", sagt Psychoanalytiker Professor Gernot Schiefer. Wir geben unseren Impulsen eher nach, wenn wir uns anonym und unbeobachtet fühlen.

Schimpfen aus dem geschützten Raum heraus.
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Schimpfen aus dem geschützten Raum heraus.

Außerdem ist Fluchen ein Kompensationsmechanismus. Hilflosigkeit und Ausgeliefertsein sind für uns Menschen schwer erträglich. Beim Autofahren passiert dies regelmäßig, zum Beispiel im Stau, bei riskanten Abbiegemanövern anderer Fahrer oder bei der verzweifelten Suche nach einem Parkplatz. Fluchen löst natürlich nicht das ursächliche Problem, aber es kann kurzfristig als Kompensation gegen das Gefühl des Ausgeliefertseins wirken. Aber es ist keine Dauerlösung.

Archaisches Gefuchtel

Es gibt Menschen, die ihre Aggressionen verbal herauslassen, andere tun dies mit Gesten. Evolutionstechnisch gesehen ist Körpersprache älter, archaischer. Sprache entspricht einer höheren Entwicklungsstufe, selbst wenn es obszöne Flüche sind. Einen ausgestreckten Mittelfinger, ein wütendes Gesicht oder wildes Gestikulieren verstehen wir auch durch eine geschlossene Scheibe hindurch.

Was erwartet mich rechtlich beim Fluchen im Auto?

Eines vorweg: Wer gerne mal hinterm Steuer flucht, lässt am besten die Autofenster geschlossen. Denn fühlt sich jemand beleidigt, ist er in der Beweispflicht. Damit sind verbale Beleidigungen bei geschlossener Scheibe schwer zu ahnden. Vermutungen auf Basis von Lippenlesen zählen nicht. Selbst mit Zeugen wird die Beweisführung schwer.

Beleidigende Gesten im Straßenverkehr, zum Beispiel Vogelzeigen, 'Scheibenwischer' oder Mittelfinger, werden heute genauso geahndet wie im privaten Umfeld. Aber je nach Schwere droht neben einer Geldstrafe auch ein Fahrverbot. Solche Fälle sind jedoch äußerst selten.

Es gibt keine festen Strafsätze für Beleidigungen. Der Richter entscheidet immer im Einzelfall. Dabei ist es wichtig, ob das, was der Kläger oder Zeuge aussagt, auch glaubwürdig ist. Je schlimmer die Beleidigung, desto höher die Geldstrafe. Früher gab es für Beleidigungen im Straßenverkehr auch Punkte. Das wurde vor fünf Jahren abgeschafft. Bei Ersttätern wird das Verfahren meistens eingestellt, ansonsten fängt man an bei 30 Tagessätzen, was ungefähr dem Nettoeinkommen entspricht.

Aussteigen, ausbremsen, aufnehmen

Wenn jemand aussteigt und zum Fahrer des Wagens hinter ihm geht, fällt das teilweise schon in den Bereich der Nötigung. Denn mit dem Aussteigen zeigt man die Absicht, jemanden zur Rede zu stellen und man hindert ihn am Weiterfahren. Diese Situation ist prekär, denn hier geht es schon heftigere Geldstrafen oder Führerscheinentzug.

Wenn absichtliches Ausbremsen nachvollzogen werden kann, wird der Führerschein in der Regel für ein Dreivierteljahr oder sogar ein ganzes Jahr eingezogen. Dies hat zur Folge, dass man den Führerschein neu machen muss. Ausbremsen gehört zu den gefährlichen Eingriffen in den Straßenverkehr und ist Nötigung. Da versteht auch kein Richter mehr Spaß.

Filmische Aufnahmen können als Beweis einer Beleidigung vorgelegt werden. Dashcams sind zwar nach Datenschutzrecht weiterhin verboten und man muss eine Geldbuße zahlen, doch die Aufnahmen sind verwertbar. Auch Smartphone-Videos wären verwertbar, allerdings würde dieser Beweis eine andere Strafe nach sich ziehen: einen Punkt in Flensburg.


Thema auf SR 1 am 17.09.2019 auch in der Sendung "Balser & Mark. Dein Morgen"

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