Hinweisschwild Landesaufnahmestelle (Foto: Pasquale D'Angiolillo)

Wir schaffen das - Eine Bilanz nach fünf Jahren

  03.09.2020 | 18:21 Uhr

"Wir schaffen das" - diesen legendären Satz hat Bundeskanzlerin Angela Merkel vor genau fünf Jahren gesagt. Damals sind Tausende Geflüchtete zu uns ins Saarland gekommen, teilweise bis zu fünf Busse am Tag. Wie ist die Lage heute? Was ist aus den Menschen geworden? Haben wir es geschafft?

Sommer 2015. Knapp 11.000 Geflüchtete kommen zwischen Ende Juli und Ende Dezember in der Landesaufnahmestelle Lebach an. Sie erleben nicht nur dort, sondern auch an vielen Orten im Saarland, viel Solidarität. Hebammen und Ärzte helfen in der Landesaufnahmestelle, Freiwillige geben Sprachunterricht in den Kommunen, Unternehmen bieten Praktikumsplätze an, und Vereine wollen Geflüchtete in ihre Gemeinschaft einbinden.

Angela Merkels Ausspruch „Wir schaffen das!“: Im Saarland ist der nicht nur „Ziel und Haltung“, wie es die Kanzlerin selbst ein Jahr später in einem Interview sagte. Im Saarland ist dieser Satz damals Realität.

Jetzt, fünf Jahre später, haben sich unsere Reporterinnen Yvonne Schleinhege und Carolin Dylla auf Spurensuche begeben. Was ist aus den Menschen und den vielen kleinen Hilfsprojekten geworden? Wie geht es den Geflüchteten und Helfern heute?

Wir schaffen das - Bilanz nach fünf Jahren
Audio
Wir schaffen das - Bilanz nach fünf Jahren
Eine Einschätzung von SR-Reporterin Yvonne Schleinhege.

Wohnraum für alle

Wir schaffen das - Wohnraum für alle
Audio
Wir schaffen das - Wohnraum für alle

Eine der großen Herausforderungen für die Kommunen im Jahr 2015 war, Wohnraum für die Geflüchteten zu finden. Allein 2015 und 2016 kamen gut 17 000 Menschen ins Saarland, knapp 15 000 wurden auf die Kommunen verteilt. Auf die kamen hohe Kosten zu. Doch rund 35 Millionen Euro hat das saarländische Innenministerium seit 2015 dafür bereit gestellt. Damit wurde Wohnraum insbesondere durch die Sanierung von Leerständen geschaffen, sagt Innenminister Bouillon. Für die Versorgung der Geflüchteten bekamen die Länder Geld vom Bund, das Saarland gut 280 Millionen Euro. Fast die Hälfte davon wurde an die Kommunen weitergegeben. Finanzielle Unterstützung gibt es nach derzeitiger Absprache noch bis einschließlich 2021.

Im Großen und Ganzen haben die Städte und Gemeinden inzwischen alles geregelt, sagt Hermann-Josef Schmidt, der Präsident des saarländischen Städte- und Gemeindetages. Im Einzelfall mag es aber immer noch Probleme geben, zum Beispiel Wohnraum für größere Familien zu finden.

Integration und Bildung

Derzeit leben rund 24.000 Geflüchtete im Saarland, 6000 von ihnen haben bei uns Arbeit gefunden, manche als Facharbeiter, aber viele haben auch nur Hilfsarbeiter-Jobs. Probleme gibt es immer noch bei der Anerkennung von Abschlüssen und bei den Sprachkenntnissen.

Wir schaffen das - Beispiel Bildung
Audio
Wir schaffen das - Beispiel Bildung

Rund 11.500 geflüchtete Kinder und Jugendliche besuchen heute saarländische Schulen. 2015 ging es teilweise chaotisch zu, berichtet Uwe Sander, der Leiter der Bachschule in Neunkirchen, heute habe man vieles geschafft. 90 Lehrer wurden zusätzlich eingestellt, sagt das Bildungsministerium. Dennoch läuft nicht alles problemlos. Es fehlen immer noch Kindergartenplätze, bemängelt Uwe Sander. Außerdem sind manche Kinder auch traumatisiert, doch sie haben meist keine Möglichkeit, zur Anlaufstelle für traumatisierte Kinder an der Uniklinik Homburg zu kommen. Am wichtigsten aber sei, jetzt nicht nachzulassen, denn Integration wird weiterhin eine Daueraufgabe bleiben.

Ein Stadtteil verändert sich

Im Saarbrücker Stadtteil Malstatt haben besonders viele Geflüchtete einen neuen Platz gefunden, eine neue Wohnung, vielleicht auch eine neue Heimat. Hana Jelassi zum Beispiel ist heute Quartiermanagerin in Malstatt. Und stellt fest, wie sich dieser Stadtteil verändert hat:

5 Jahre 'Wir schaffen das': Malstatt hat sich verändert
Audio
5 Jahre 'Wir schaffen das': Malstatt hat sich verändert
SR 1-Reporterin Yvonne Schleinhege war mit Hana Jelassi in der "Breiten Straße" unterwegs.

Integration über die Feuerwehr

Vielerorts hat man versucht, Flüchtlinge ins örtliche Vereinsleben einzubinden, um ihnen auf diese Weise die Integration zu erleichtern. Das hat bei der Feuerwehr in Ensdorf zum Beispiel bestens funktioniert. Dort gehören vier Männer aus Syrien mit zum Team. Über die Feuerwehr haben sie nicht nur die deutsche Sprache gelernt, sondern auch Kontakte zur Bevölkerung geknüpft. Und wenn mal gefeiert wird, dann liegt eben nicht mehr nur Schweinefleisch auf dem Grill, sondern auch Lamm. Damit kommen alle klar.

Wir schaffen das - Beispiel Feuerwehr Ensdorf
Audio
Wir schaffen das - Beispiel Feuerwehr Ensdorf

Alex hat's geschafft

Wir schaffen das - Beispiel einer gelungenen Integration
Audio
Wir schaffen das - Beispiel einer gelungenen Integration

Alemajo Kinthe Heilemichel, genannt Alex, zum Beispiel ist 2016 ins Saarland gekommen - und wollte unbedingt arbeiten. "An einer Baustelle, wo wir Flüchtlingswohnungen renoviert haben, wollte er immer helfen," erinnert sich sein Chef, Schreinermeister Raphal Haas aus Illingen. Inzwischen hat Alex seine Ausbildung abgeschlossen. Darauf ist er sehr stolz, zumal fast ein Drittel seiner Azubi-Kollegen die Prüfung nicht bestanden haben. Seinen Erfolg verdankt Alex nicht nur seinem Fleiß, sondern auch dem Engagement seines Chefs und dessen Familie, die den Geflüchteten wie ein Familienmitglied aufgenommen haben, sich durch die Bürokratie gekämpft haben und noch immer viele Mühen auf sich nehmen, damit Alex hier wie jeder andere auch leben kann. Ein Schatten liegt dennoch auf dem Ganzen: Alex hat nur eine Duldung; er könnte also sogar noch abgeschoben werden.

Flüchtlinge im Aufenthaltsraum (Foto: Pasquale D'Angiolillo)

Weitere Informationen

Fünf Jahre später
"Wir schaffen das" - Eine Spurensuche im Saarland
Es sind nur drei Worte "Wir schaffen das". Heute vor genau fünf Jahren, auf dem Höhepunkt des Flüchtlingszuzuges 2015, hat Bundeskanzlerin Angela Merkel diesen Satz gesagt. Und er polarisiert bis heute. Fünf Jahre später begeben wir uns auf Spurensuche und treffen Helfer und Geflüchtete von damals. Und fragen nach: "Was haben wir geschafft?"



Auch Thema auf SR 1 am 31.08.2020 in der Sendung 'Balser & Mark. Dein Morgen'.

Artikel mit anderen teilen


Push-Nachrichten von SR.de
Benachrichtungen können jederzeit in den Browser Einstellungen deaktiviert werden.

Datenschutz Nein Ja