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„Patchwork Gangsta“: Hip-Hop-Dramedy startet

Manuela Weichsel   19.03.2019 | 14:00 Uhr

Mit "Patchwork Gangsta" ist die erste Hip-Hop-Dramedy in Deutschland gestartet. Produziert wurde sie vom SWR für funk, daran beteiligt waren viele Saarländer. Markus Trennheuser und Sebastian Heinz haben den Soundtrack geschrieben. Im Interview verraten sie, warum zur Authentizität auch Klischees gehören.

Die Beziehung zwischen den Hauptfiguren beginnt rau: „Ich fick gleich deine Mutter, du Bastard, Alter“, bedroht Rapper Amir den Bankangestellten Franz bei seinem Banküberfall. „Das ist schlecht“, kontert der vom Leben gelangweilte Franz ganz nüchtern. „Sie ist 70 und hat Beckenprobleme. Aber gib mir doch die Hälfte der Kohle!“

Serienstart

Patchwork Gangsta ist auf YouTube und funk.net gestartet

Von da an nimmt die Mischung aus Drama und Komödie ihren Lauf. Gedreht wurde sie hauptsächlich in Baden-Baden. An der Produktion waren viele Saarländer beteiligt: Das Drehbuch hat der Saarländer Christian Karsch geschrieben und dann zusammen mit Eric Hordes die Regie geführt. Neben Katy Karrenbauer, Simon Gosejohann und Haben Tesfai ist die Streaming-Serie mit Alice Hoffmann und Manuel Andrack auch saarländisch besetzt.

Den Soundtrack zur Serie haben die beiden Saarlouiser Markus Trennheuser und Sebastian Heinz entwickelt.

SR.de: Die Serie orientiert sich am deutschen Rap-Milieu. Trifft das auch auf den Soundtrack zu, den ihr gemeinsam geschrieben habt?

Sebastian Heinz: Rap steht insofern im Fokus, als dass einer der beiden Hauptcharaktere Rapper ist. Er veröffentlicht auch Songs im Laufe der Serie. Das ist aber losgelöst zu sehen vom Grundsoundtrack. Der ist extrem vielschichtig geworden. Wir haben Jazz drin, wir haben Elektro drin, Hip Hop, Orchestermusik, Minimal - also es ist wirklich ’ne Wahnsinnsbandbreite geworden.

Markus Trennheuser: Wir hatten die Herausforderung, so viel an musikalischen Genres unter einen Hut zu bringen, das dann auch mit rotem Faden - und das ist ja die Schwierigkeit an so ’ner Geschichte - in so einer Vielschichtigkeit unterzubringen, dass wir da schon ein bisschen stolz drauf sind.

SR.de: Ihr habt knapp acht Monate an dem Soundtrack gearbeitet. Was war zuerst da: Die Geschichte oder der Soundtrack?

Heinz: Wir haben die Drehbücher in vier oder fünf Tagen komplett durchgearbeitet und dann überlegt, an welchen Stellen wir Musik sinnvoll finden. Im Vergleich zu anderen Produktionen haben wir einen exorbitanten Musikanteil. Anhand der Drehbücher haben wir Soundbeispiele entwickelt, also ins Blaue hineinproduziert. Das hat aber erstaunlich gut gepasst.

Trennheuser: Hinterher haben wir die Musik nochmal angepasst. Das alles lief in enger Zusammenarbeit mit den Regisseuren. Eine Schwierigkeit bei der Dramedy war zum Beispiel, mit der Musik auch das Witzige zu transportieren, ohne die Szenen lächerlich rüberkommen zu lassen.

Zu dem Soundtrack gehören ja auch die Texte, die die Serienfigur Amir rappt. War das auch eure Aufgabe?

Trennheuser: Die Texte haben wir beide zusammen mit dem Rapper entwickelt. Haben Tesfai ist tatsächlich Rapper und war einer der ersten, die dieses Straßenrap-Ding auch mit ’ner Crew gemacht haben. Im Grunde hat er sich selber gespielt. Nur, dass er im echten Leben nicht so viel mit Drogen zu tun hat. Er hat auch keine Bank überfallen. Aber er kennt sich mit dieser Lebenswelt aus. Trotzdem mussten wir natürlich inhaltlich Dinge vorgeben, damit es zur Story passt. Manchmal hat er aber zum Beispiel Formulierungen verbessert, die nicht authentisch genug waren.

Serienstart von "Patchwork Gangsta"


Schlüsselwort Authentizität

Authentizität. Dieses Schlüsselwort fällt im Interview immer wieder. Authentisch sein sei wichtig, damit die Serie ankommt, sagen die beiden. Trennheuser (35) selbst rappt seit Jahren als „Drehmoment“. Heinz (32) ist Freestyle-Rapper.

Über den Rap haben die beiden sich als Jugendliche kennengelernt. Sie erklären: Eine Jugendkultur wie Hip Hop funktioniert durch soziale Codes, wo die kleinsten Unterschiede für die, die sich damit auskennen, total selbstverständlich sind. Um dieses Insider-Wissen einzubringen, war auch Hip-Hop-Experte Frank Schacht die ganze Zeit bei der Plot-Entwicklung dabei.


SR.de: Ein Ausschnitt aus einem Rap ist: „Was wollt ihr noch? Ladet die Glock. Richter und Cops ficken mein Kopf.“ Das wirkt ja schon etwas klischeehaft.

Trennheuser: Es gehört dazu, einen Repräsentanten einer Serie, der ein gewisses Genre repräsentiert, stückweise mit Klischee auszustatten, sonst ist die Erkennbarkeit nicht mehr da. Auf der anderen Seite ist es total unklischeemäßig, dass er politische Aussagen tätigt. Wir wollten das aber so haben. Aktuell ist es nämlich im Rap nicht en vogue, politische Szenerien zu beschreiben. Die reden im Moment eher über Lifestyle. Wir wollten aber auch Zeitlosigkeit in die Serie einbringen, damit sie nicht nur aktuelle Stilbedürfnisse befriedigt.

SR.de: Funktioniert die Serie denn auch für Leute, die zu Hip Hop keinen Bezug haben?

Trennheuser: Der große Vorteil ist, dass es keine Rap-Serie ist, sondern eine Mainstream-Serie, in der Mittelstand-Otto-Normal-Bürger- Kultur repräsentiert wird. Franz ist die Projektionsfläche für jeden, der irgendwann in seinem Leben an einen Punkt kommt, wo er denkt: Ich bin hier festgefahren, ich will irgendwie nochmal was anderes machen und ausbrechen. In jedem von uns steckt ein kleiner Franz.

Heinz: Bestimmt 60 Prozent der Serie handeln von Franz! Bei ihm kriegt man viele persönliche Einblicke. Amir ist eigentlich eher die untergeordnete Hauptrolle.

SR.de: Im Trailer wird schon klar: Vor allem Franz' Leben wird sich verändern. Wie habt ihr das musikalisch gemacht?

Heinz: Bei Franz war uns absolut klar, dass er ein „Theme“ braucht, also ein Thema, was immer wiederkehrt, das auch form- und wandelbar ist. Und für den Anfang hat er ein Synth-Wave-80s-Thema bekommen mit einem Modern-Talking-Touch. Das passt super zu seiner flapsigen Art.

Trennheuser: Man hat es dann irgendwann mal etwas „verhiphopt“. Franz wird ja auch als irrer Spießer bezeichnet. Ganz zahm ist er nicht, aber hat sich halt verirrt in einen Bank-Job. Sein Theme mixt sich dann je nach Stimmungslage mit anderen Sounds.

Heinz: Schafft es aber auch das Drama zu transportieren! Seine Melodie ist uns wirklich gut gelungen, ist sehr wandelbar und passt sich seiner Entwicklung sehr gut an.

Wie er sich entwickelt, können die Zuschauer in zehn Folgen à 30 Minuten sehen. Und so viel haben Trennheuser und Heinz im Interview schon verraten: Am Ende wird alles ganz schön miteinander verwoben sein. Damit gibt es unendlich viele Möglichkeiten, die Serie in einer möglichen zweiten Staffel weiterzuspinnen...

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