Emanuel Buchmann (Deutschland / Team Bora - hansgrohe) fährt an der Spitze einer Gruppe von Radfahrern.   (Foto: picture alliance/augenklick)

Eine Tour der Fragezeichen

Thomas Braun   29.08.2020 | 10:12 Uhr

Heute startet in Nizza die Tour de France. Rund um das Radsport-Spektakel gibt es viele offene Fragen. Nicht nur, ob das Corona-Konzept angesichts der steigenden Fallzahlen in Frankreich aufgeht - auch hinter der Form so mancher Favoriten wie Vorjahressieger Bernal und der deutschen Tour-Hoffnung Buchmann steht ein Fragezeichen.

Nach Platz vier im vergangenen Jahr hatte sich der Teamkapitän von Bora-hansgrohe, Emanuel Buchmann, das Podium bei der Tour de France als Ziel gesetzt. Die ganze Vorbereitung war darauf ausgerichtet. Und dann machte ihm ein Sturz bei dem schweren Vorbereitungsrennen Dauphiné einen Strich durch die Rechnung. Hautabschürfungen und schmerzhafte Prellungen - mehrere Tage konnte sich der 27-Jährige kaum bewegen und musste mit dem Training aussetzen.

Video [aktueller bericht, 27.08.2020, Länge: 2:27 Min.]
Fahrer der Tour de France 2020

Je näher die Tour rückt, umso besser fühlt er sich zwar wieder - seine Vorbereitung wurde aber empfindlich gestört. "Der Sturz ist bitter, weil ich richtig gut in Form war. Mal schauen, vielleicht geht ja alles gut aus und ich erhole mich schnell. Mein Ziel ist nach wie vor das Podium", sagte Buchmann.

Video [aktueller bericht, 25.08.2020, Länge: 2:32 Min.]
Vorbericht: Tour de France 2020

Viele Top-Fahrer nicht dabei oder angeschlagen

Zwei der drei Fahrer, die im vergangenen Jahr vor Buchmann platziert waren, sind am Samstag in Nizza nicht am Start: Der Niederländer Steven Kruijswijk war bei der Dauphiné in den gleichen Sturz wie Buchmann verwickelt - ihn traf es mit einer gebrochenen Schulter aber noch härter. Geraint Thomas, Toursieger 2018 und Zweiter im vergangenen Jahr, wurde von seinem Team wegen Formschwäche nicht nominiert. Auch der Vierfachsieger Chris Froome steht nicht im Tour-Aufgebot von Ineos, dessen alleiniger Kapitän nun Titelverteidiger Egan Bernal ist.

Auch wenn Bernal sturzfrei durch die Vorbereitung gekommen ist - ganz optimal lief es bei ihm zuletzt auch nicht. Bei der Dauphiné stieg er wegen anhaltender Rückenprobleme aus.

Auch ein weiterer Favorit, Primoz Roglic, ist gestürzt und wird wohl nicht in Topform an den Start gehen. Bleiben noch die französische Tour-Hoffnung Thibaut Pinot, der die Dauphiné als Zweitplatzierter beendete sowie einige junge Fahrer wie die Kolumbianer Daniel Martinez und Sergio Higuita und der erst 21-jährige Slowene Tadej Pogacar, die für Überraschungen sorgen können.

Schwierige Etappen im Süden Frankreichs

Für saarländische Radsport-Fans gibt es in diesem Jahr keine gute Gelegenheit, die Tour live zu erleben - der Streckenverlauf führt fast ausschließlich durch den südlichen Teil Frankreichs, ist dafür aber umso anspruchsvoller. Gleich am zweiten Tag geht es erstmals in die Berge, auf der vierten Etappe wartet die erste, schwere Bergankunft.

Eine leichte, vorhersehbare Etappe gibt es bei dieser Tour nicht. Selbst der tellerflache zehnte Tagesabschnitt, der die Île d'Oléron mit der Île de Re verbindet, erfordert höchste Konzentration von den Fahrern. Die Etappe verläuft fast ausschließlich entlang der Atlantik-Küste und ist damit sehr windanfällig - liefert aber bestimmt herausragende Fernsehbilder.

Video [aktueller bericht, 25.08.2020, Länge: 3:17 Min.]
SR-Sportchef Steffen Demuth zur TdF 2020

Risiko: Steigende Coronazahlen

Überhaupt empfiehlt es sich, das Rennen in diesem Jahr am Fernseher, PC oder Smartphone zu verfolgen. Nicht nur, um die ganze Zeit den Überblick über das Geschehen zu behalten - sondern auch wegen der Coronapandemie.

In Frankreich sind die Corona-Zahlen zuletzt wieder stark gestiegen, sowohl die Côte d'Azur, wo die Tour startet und die ersten Tage verbringt, als auch die Region um Paris werden von den deutschen Behörden aktuell als Risikogebiet eingestuft.

Tour-Teams in einer Blase

Die Tour im Dilemma
Audio [SR 3, Steffen Gaa, 29.08.2020, Länge: 01:41 Min.]
Die Tour im Dilemma

Damit die Tour überhaupt stattfinden kann, haben die Organisatoren ähnlich wie beispielsweise beim Fußball ein ausgefeiltes Konzept erarbeitet. Die Fahrer und der engste Betreuer- und Mitarbeiterstab werden mehrfach getestet, in eine Art Blase gesteckt und für die Dauer des Rennens von der Außenwelt abgeschottet. Bei einem positiven Coronatest im Team - egal ob Fahrer, Betreuer oder Masseur - wird die Person vom Rennen ausgeschlossen, bei zwei positiven Tests innerhalb eines Teams die komplette Mannschaft.

Andere Rennen, die zuletzt stattgefunden haben, haben gezeigt, dass das Konzept zumindest für die Fahrer aufgehen kann. Bleibt die Frage, ob das auch für die Zuschauer gilt. In den abgesperrten Bereichen am Start und Ziel kann das funktionieren, hier wird die Zuschauerzahl stark begrenzt. Auch die sonst stark frequentierten Bergpässe werden frühzeitig gesperrt.

Was ist mit den Zuschauern am Streckenrand?

Aber anders als beim Fußball, wo die Zuschauer aus dem Stadion ausgeschlossen werden können, ist das bei einem Rennen über mehr als 3000 Kilometer öffentliche Straßen nicht möglich. Das vielleicht größte Fragezeichen bei dieser Tour ist daher also nicht: Wer steht in Paris auf dem Podium? Sondern: Steht überhaupt jemand in Paris auf dem Podium? Oder muss die Tour, die wegen der Coronapandemie extra schon vom Juli auf Ende August verschoben wurde, vorzeitig abgebrochen werden?

Die Tour live in der ARD

Der SR berichtet federführend für die ARD vom größten Radrennen der Welt. Täglich gibt es mehrere Stunden Live-Reportage im Ersten und auf One, zudem einen Livestream und Hintergrundberichte auf sportschau.de und von Beginn jeder Etappe an den Liveticker unter ticker.tour.ard.de.

Ein Thema in der Sendung "aktueller bericht" im SR Fernsehen am 25.08.2020.

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