Pauline Schäfer turnt auf dem Schwebebalken (Foto: dpa/Daniel Lea)

Pauline Schäfer kämpft mit Rückwärts-Trauma

Frank Thomas/dpa   12.04.2019 | 17:59 Uhr

Zum dritten Mal steht Pauline Schäfer am Sonntag in einem EM-Finale am Schwebebalken. Meist glänzt die im Saarland geborene Kunstturnerin mit exzellenter Haltung und technischer Perfektion. Doch ein schwerwiegendes Problem aus früher Kindheit wird sie nicht los.

Sie turnt ausdrucksstark und meistert ein Programm voller Höchstschwierigkeiten. In der Qualifikation der Turn-Europameisterschaften in Stettin belohnten die Kampfrichterinnen diese Perfektion mit dem höchsten Wert für die Ausführung (E-Note). Keiner spürt, dass sich die 22-jährige mit den langen dunkelbraunen Haaren dafür in jedem Training selbst überwinden muss.

Im Alter von 13 Jahren fiel sie auf den Hinterkopf, dieses Ereignis schwirrt bis heute in ihrem Kopf herum. "Die Blockade bei Rückwärts-Elementen ist bis heute nicht weg. Leider. Jedes Training ist ein Kampf, ist eine Überwindung", gesteht die gebürtige Saarländerin, die vor sieben Jahren ins Trainingszentrum Chemnitz wechselte und dort zur ersten deutschen Weltmeisterin am Schwebebalken seit 36 Jahren reifte.

Erst Karriere-Höhepunkt, dann zahlreiche Rückschläge

2017 hatte im Olympiastadion von Montreal ihre bisher größte Stunde geschlagen, als sie als erste Finalstarterin alle Konkurrentinnen mit ihrer Super-Übung schockte. Seitdem plagen aber Rückschläge ihre Laufbahn. Eine Fußverletzung verhinderte ihren Start bei der WM im Vorjahr in Doha, eine Oberschenkel-Einblutung die Balken-Teilnahme beim Weltcup in Stuttgart im März.

Nun ist sie wieder da und lässt sich auch von der Blockade nicht verrückt machen. "Ich habe gelernt, dass ich auf viele Rückwärts-Elemente - so zum Beispiel am Sprung - verzichten muss. Da spielt mein Kopf einfach nicht mit. Aber am Balken brauche ich die Rückwärts-Serie unbedingt", erzählt sie. Vor allem, wenn sie im Training ausgepowert ist, gehe rückwärts gar nichts mehr an den Geräten. "Ich habe jetzt ein Studie gelesen, dass es vielen Turnerinnen ähnlich geht. Alle dort gefundenen Symptome treffen auf mich zu." Aber sie beruhigt sofort: "Gefährliche Dinge würde ich nicht trainieren. Das, was ich mache, beherrsche ich auch."

Im Wettkampf schwinden die Ängste

Das gilt auch für "ihr" Element, den von ihr kreierten Schäfer-Salto, den sie in Stettin in Perfektion turnte. Überraschend klingt, dass im Wettkampf ihre Ängste fast verflogen sind. Dann sei sie so fokussiert, dass ihr Rückwärts-Trauma in den Hintergrund tritt. "Und für das Training habe ich mir eine Strategie zurecht gelegt, wie ich damit umgehen. Ich drohe mir immer selbst, mache mir Druck", bekennt sie.

Derzeit gelingt es ihr bestens, dieses Training und den Stress an der Abendschule, wo sie sich aufs Abitur vorbereitet, unter einen Hut zu bringen. Zum dritten Mal nach 2015 in Montpellier und 2018 in Glasgow steht Pauline Schäfer am Sonntag in einem EM-Finale. Als Zweite des Vorkampfes zählt sie zu den Favoritinnen und könnte ihre erste EM-Medaille nach Gold und Bronze bei WM in Empfang nehmen. "Mir ist völlig egal, wer da noch im Finale steht. Ich will meine Übung möglichst gut durchbringen. Dann bin ich zufrieden", sagt Schäfer.

Der viel wichtigere Teil des Jahres folgt erst nach Stettin. Unbedingt will die Chemnitzerin mit der deutsche Riege bei der Heim-Weltmeisterschaft in Stuttgart die Olympia-Tickets buchen. Dann wird sie auch wieder beim Sprung und am Boden angreifen, um der Riege eine möglichst große Hilfe zu sein.

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