Stimmen SR 2, Michael Thieser (Foto: Pasquale D'Angiolillo)

Schluss mit dem Getöse!

Ein Kommentar von Michael Thieser   25.08.2019 | 19:07 Uhr

Nach einem dröhnenden Motorsportwochenende ist im Landkreis St. Wendel und im Hunsrück wieder Normalität und Ruhe eingekehrt. Zigtausende Fans haben drei Tage lang die Kunststücke von Rennfahrern verfolgt, die mit Höchstgeschwindigkeit durch die Natur rasen, ohne die Kontrolle zu verlieren.

Kommentar: Schluss mit dem Getöse!
Audio [SR 2, Michael Thieser, 26.08.2019, Länge: 03:10 Min.]
Kommentar: Schluss mit dem Getöse!

Die Kritik von Bauern, Anwohnern und Umweltschützern fand im Vorfeld kaum Gehör, im Gegenteil: der saarländische Innenminister will das Getöse und die PS-Show auch in den kommenden Jahren mit hunderttausenden Euro aus Steuermitteln unterstützen. Angesichts der Debatte über den fortschreitenden Klimawandel und die zurückgehende Artenvielfalt ein Anachronismus, der aus der Zeit gefallen und im Grunde durch nichts mehr zu rechtfertigen ist.

Doch Klaus Bouillon setzt sich darüber hinweg; er sieht sich als Mitveranstalter; der Landkreis St. Wendel ist sein Zuhause und dort hat er – wenn es darauf ankommt – noch immer das Sagen. Das Spektakel aus röhrenden Motoren, Benzin, Abgasen und verbranntem Gummi ist für ihn nicht nur Sport, sondern eine wichtige Touristenattraktion. Über Klimawandel und den Erhalt des Planeten kann man bei anderer Gelegenheit schwadronieren, aber bitte nicht während der ADAC-Deutschlandrallye im St. Wendeler Land.

"Klimaschutz ja, aber es soll sich möglichst nichts ändern"

Dabei grenzt es geradezu an Dekadenz, wenn Ministerpräsident Tobias Hans freitags den saarländischen Wald besucht, um sich über die Folgen von Hitze und Dürre in der Tier- und Pflanzenwelt zu informieren und anschließend am darauffolgenden Wochenende der Motorsport die gleichen Wälder und Wiesen in eine lärmende und dröhnende Hölle verwandelt. Das passt nicht zusammen! Die Botschaft, die davon ausgeht, ist die der Beliebigkeit. Klimaschutz ja, aber es soll sich möglichst nichts ändern.

Es ist erstaunlich, dass niemand innerhalb der Landesregierung Widerspruch erhebt, z.B. Umweltminister Reinhold Jost. Statt seinem Kabinettkollegen und "Schwenkerfreund" in den Arm zu fallen, lässt sich der Umweltminister lieber in einem neu angelegten Blumenbeet vor seinem Ministerium ablichten und verkündet dies als klimapolitische Zukunftsinitiative. Reinhold Jost sollte sich ernsthaft fragen, ob er seiner Aufgabe noch gewachsen ist?

Argumente überzeugen nicht

Alle Argumente, die angeführt werden, um das alljährliche Motorsport-Event aufrecht zu erhalten, sind am Ende nicht wirklich überzeugend. Die mediale Aufmerksamkeit für den Rallye-Sport geht kontinuierlich zurück, eben weil die negativen Begleiterscheinungen dem unbeteiligten Publikum kaum mehr zu vermitteln sind.

Innenminister Klaus Bouillon verweist ansonsten gerne auf die ausgebuchten Hotels und Restaurants im nördlichen Saarland, doch dies ließe sich auch mit anderen Veranstaltungen gewährleisten. Und dass der Rallye-Sport angeblich  notwendig ist, um Innovationen zu  testen, die sich später auch in Serienautos wiederfinden, war schon immer eine argumentative Krücke, die heutzutage niemanden mehr beeindruckt.

Das Gleiche gilt für den Hinweis der Veranstalter auf weniger Plastik und die Wiederverwertbarkeit von Streckenzäunen; ein Marketing-Gag, der mit tatsächlichem Umweltschutz nichts zu tun hat.

Vereine müssen um jeden Cent kämpfen

Der Regenwald in Brasilien brennt, Greta Thurnberg segelt und die Rallye-Fahrer geben Gas! "Fridays for Future" und der Sonntag "für" die Unbelehrbaren rund um den Bostalsee im Kreis St. Wendel. Wer es ernst meint mit dem Klimaschutz, spürt, dass dies so nicht weitergehen kann. Die Landesregierung sollte deshalb die eingesetzten Steuergelder  zur Unterstützung der Deutschland-Rallye lieber in den Ausbau von Fahrradwegen investieren, oder – um beim Sport zu bleiben, den saarländischen Vereinen zur Verfügung stellen. Sie müssen - bedingt durch das Versagen der Politik und das Millionendesaster beim LSVS – ohnehin derzeit um jeden Cent kämpfen.

Über dieses Thema hat auch SR 2 Kulturradio am 26.08.2019 berichtet.

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