Hund bekommt Karotte zu fressen  (Foto: picture alliance/ dpa / Bernd Settnik)

Vegane Hunde und Katzen: Ist das artgerecht?

Leonie Rottmann   29.11.2018 | 10:23 Uhr

Vegane Ernährung liegt im Trend. Mittlerweile servieren auch immer mehr Tierhalter ihren Vierbeinern nur noch Pflanzen. Ob diese Ernährungsform bei Hunden und Katzen artgerecht, gesund und sinnvoll ist, ist umstritten. Auch die Experten haben unterschiedliche Auffassungen. Sie sind sich aber in einem Punkt einig: Es gibt Fälle, in denen eine vegane Ernährung bei Hunden Sinn machen kann.

Vor allem im Netz und in Sozialen Medien gibt es unzählige kontroverse Diskussionen zur vegetarischen oder veganen Ernährung für Hunde und Katzen. Fest steht: Es fehlen Langzeitstudien. Es gibt zwar Untersuchungen, aber die sind wenig aussagekräftig. Zu wenige Tiere wurden untersucht, der Zeitraum war zu kurz oder die Ergebnisse konnten nicht gedeutet werden. Trotzdem gibt es erste Erkenntnisse und auf dieser Basis kann sich jeder selbst eine Meinung dazu bilden, ob eine pflanzliche Ernährung artgerecht und vor allem gesund ist oder nicht.

Hunde und Katzen sind Fleischfresser – oder nicht?

Katzen sind Fleischfresser – da sind sich die Experten einig. "Katzen vegan zu ernähren, lehne ich komplett ab", erklärt Dr. Susan Kröger, Fachtierärztin für Tierernährung und Diätetik aus Berlin. Fleisch beziehungsweise tierisches Eiweiß sei essentiell für die Gesundheit der Tiere. Dementsprechend sei es absolut nicht artgerecht, seine Katze pflanzlich zu ernähren.

Der Hund ist kein Wolf

Der Hund ist eine eigene Spezies, die sich im Laufe der Domestikation verändert hat. Es gibt Untersuchungen, bei denen beim Hund einige Kopien des Gens Amylase entdeckt wurden. Amylase ist dafür zuständig, Stärke aufzuspalten. Der Wolf hat deutlich weniger dieser Gene. Mit diesen Voraussetzungen kann der Hund Stärke um ein Vielfaches besser verdauen als der Wolf.

Für Hunde ist diese Frage nicht so einfach zu beantworten. Susan Kröger sagt, es sei generell möglich, einen Hund bedarfsdeckend vegan zu ernähren. Sie schließt aber Welpen, kranke Hunde und Zuchthündinnen davon aus. Der Hund ist darüber hinaus kein Wolf. Er ist ein Carni-Omnivor. Tierarzt Dr. Ralph Rückert aus Ulm erklärt, das bedeute, dass er von der Art her ein Fleischfresser und vom Stoffwechsel her ein Allesfresser sei. Daher könnten Hunde Pflanzen besser verdauen und verarbeiten als strikte Carnivore.


Motive für die vegane Ernährung

Vor allem in Internetforen und in Sozialen Medien gibt es viele Diskussionen um die pflanzliche Ernährung. Dabei nennen die Tierhalter unterschiedliche Gründe, warum sie ihre Hunde vegan ernähren. Mitunter die häufigsten Motive sind ethisch-religiöse Beweggründe. Die Halter argumentieren, der Mensch habe kein Recht darauf, Tiere zur Fleischgewinnung zu töten.

Ein weiteres Motiv ist unter anderem fehlendes Vertrauen in die Futtermittelindustrie. Viele Besitzer von Hunden und Katzen haben Angst vor gesundheitsschädlichen Stoffen oder gar Abfallprodukten im Fertigfutter. Außerdem spielt auch der Gedanke an die Nachhaltigkeit eine Rolle, wenn man nach Gründen für vegane Fütterung sucht. Durch den Verzicht auf tierische Produkte sollen Ressourcen wie Wasser und Land geschont werden.

Einer der wichtigsten Beweggründe ist allerdings der Gesundheitsfaktor. Vor allem bei Erkrankungen rund um den Bewegungsapparat oder bei Unverträglichkeiten sind viele Betroffene auf pflanzliche Nahrung gestoßen und haben die Fütterung ihrer Vierbeiner daraufhin umgestellt.


Vegan aus gesundheitlichen Gründen

Immer mehr Hunde leiden an Unverträglichkeiten oder anderen gesundheitlichen Problemen, weswegen sich einige Tierhalter dazu entscheiden, ihren Hund mehr oder ausschließlich mit pflanzlicher Nahrung zu ernähren. Dabei gibt es verschiedene Ausprägungen von eiweißreduzierter bis hin zur veganen Ernährung.

Fleischreduzierte und fleischfreie Ernährungsformen:

  1. Eiweißreduzierte Ernährung: Maximal ein Drittel tierische Eiweiße oder Entlastungstage, an denen gänzlich auf tierisches Eiweiß verzichtet wird.
  2. Ovo-lacto-vegetarische Ernährung: Sowohl Milch-, als auch Eiprodukte sind erlaubt.
  3. Lacto-vegetarische Ernährung: Eier sind hierbei nicht mehr erlaubt. Milchprodukte können weiterhin gefüttert werden
  4. Ovo-vegetarische Ernährung: Eier sind erlaubt, auf Milchprodukte wird aber verzichtet.
  5. Vegane Ernährung: Es sind überhaupt keine tierischen Produkte enthalten.


„Seinen Hund vegetarisch mit Milchprodukten und Eiern zu ernähren, ist nachweisbar unproblematisch“, sagt Tierarzt Dr. Ralph Rückert aus Ulm. Dafür gebe es Studien. Alle anderen vegetarischen oder sogar veganen Ernährungsformen sehe er derzeit noch als „Tierversuch am eigenen Hund“ an. Nicht, weil er Gegner der pflanzlichen Ernährung sei. Sondern weil die Studien und Untersuchungen fehlen würden, sodass nicht mit Gewissheit gesagt werden könne, dass man seinen Hund bedenkenlos auf diese Art und Weise ernähren könne. Er hoffe aber, dass es baldmöglichst aussagekräftige Erkenntnisse geben wird, damit zum Beispiel Tierhaltern von Hunden mit Allergien oder Stoffwechselerkrankungen mit gutem Gewissen zu einer dieser Ernährungsformen geraten werden kann. 

Auch Dr. Julia Fritz, Fachtierärztin für Tierernährung und Diätetik aus München, sieht eine vegetarische Ernährung mit Milch und Eiern oder Insektenproteinen als unbedenklich. Diese Ernährung sei sehr ähnlich zu Rationen mit Fleisch. Aber auch sie ist noch etwas zurückhaltend bei Empfehlungen für eine rein vegane Ernährung. Sie könne nicht sagen, dass sie ihren Kunden zu einer veganen Ernährung rate, aber genauso wenig, dass sie davon abrate. Die Beratung müsse immer individuell an die Bedürfnisse und Wünsche angepasst werden. Sie beziehe sich dabei auf Fakten und versuche, die Tierhalter bestmöglich aufzuklären. Grundsätzlich sei sie aber offen gegenüber neuen Formen.

Dr. Peter Berger, Tierarzt und Ernährungsberater für Hunde und Katzen aus Drosa, spricht sich bei einem gesunden Hund grundsätzlich auch für eine abwechslungsreiche, omnivore Ernährung, also auch mit Fleisch, aus. Allerdings gebe es viele Hunde, die unter Leber- und Nierenschwächen leiden würden. Das sei im Alter normal, aber der Trend gehe dahin, dass diese Schäden immer früher auftreten. „Das Problem ist dabei eigentlich nicht das Fleisch, sondern die Leckerli. Die Halter füttern ihre Hunde krank.“ Er spricht von „Übereiweißung“. Die Hunde werden über ihrem Bedarf ernährt. Dadurch könne Harnsäure nicht mehr beziehungsweise nur noch teilweise abgebaut werden. Chronische Schmerzen oder beispielsweise Hauterkrankungen könnten die Folge sein. In solchen Fällen empfehle er, die Ernährung komplett auf vegan umzustellen, um den Gesundheitszustand zu verbessern.

Viele gesundheitliche Vorteile sieht auch Dr. Uwe Romberger, Fachtierarzt für Kleintiere aus Regensburg. Vor allem bei Nierenerkrankungen sei ein Überangebot von tierischem Eiweiß und Phosphor extrem schädlich, sodass besser auf alternative pflanzliche Eiweißquellen zurückgegriffen werden sollte. Auch bei tierischen Senioren seien Pflanzenproteine eine sehr gute Option. „Wie für uns Menschen ist für unsere Hunde ein Überschuss an Nährstoffen ebenso schädlich wie ein extremer Mangel an Nährstoffen“, erklärt er außerdem.


Das Problem mit den Blutwerten

Häufig führen Halter von vegan ernährten Hunden die angeblich hervorragenden Blutwerte ihrer Vierbeiner an. Allerdings geben die Werte wenig Aufschluss über den Gesundheitszustand der Tiere. „Der Organismus kann sich bis zu einem gewissen Grad selbst stabilisieren, auch wenn er nicht genügend Nährstoffe bekommt“, erklärt Ralph Rückert. Deshalb könnten Blutergebnisse irreführend sein und würden nicht den tatsächlichen Zustand des Körpers wiederspiegeln.

Ein Beispiel sei der Calcium-Phosphor-Haushalt im Blut des Hundes. Ein Calciummangel sei lebensbedrohlich. Der Körper hält den Spiegel solange aufrecht, bis das System zusammenbricht. So lange baue er Calcium aus den Knochen ab. Als Folge würden die Knochen brechen oder sich verformen. Dieser Prozess sei aber nicht im Blut nachweisbar, bis der Zustand wirklich lebensbedrohlich sei.

Dennoch gebe es einige Parameter, die im Rahmen eines Blutbildes gute Anhaltspunkte über die aktuelle Stoffwechsellage geben könnten. Dazu zählen unter anderem Vitamin B12, Folsäure, Natrium, Kalium und Magnesium. Aber auch diese Werte sollten immer kritisch hinterfragt werden.


Umstellung zur veganen Ernährung

Wer seinen Hund vegan ernähren möchte, der sollte sich in jedem Fall vorher umfassend informieren und bestenfalls zusätzlich einen Ernährungsexperten hinzuziehen. Julia Fritz erklärt in diesem Zusammenhang, dass nicht alle Tierärzte fachlich so weit ausgebildet sind, um derart spezielle Ernährungsfragen zu beantworten. Tierärzte mit der Zusatzbezeichnung „Ernährungsberatung für Kleintiere“ oder Fachtierärzte seien aber gute Anlaufstellen.

Bei einer Ernährungsberatung werde durch ein großes Blutbild zunächst der Status ermittelt, erklärt Tierarzt und Ernährungsberater, Dr. Berger. Dabei werden unter anderem Leber- und Nierenwerte, Kupfer, Eisen und Vitamine untersucht. Auf dieser Basis werde dann ein Fütterungsplan erstellt, der sich an dem Alter, dem Gewicht, der körperlichen Aktivität und weiteren Parametern orientiere. Nach acht bis zehn Woche sollte dann erneut der Status ermittelt werden. Dann könne der Futterplan angepasst werden.

Lisa Walther, Tierärztin aus Gera, empfiehlt, wie bei allen Ernährungsformen, das Futter ausgeglichen, abwechslungsreich und vor allem bedarfsdeckend zu gestalten. Es gebe mittlerweile vegane Fertigfuttermittel, die auf Verträglichkeit und Verdaulichkeit getestet wurden. Um sicherzugehen, dass das Haustier damit wirklich seinem Bedarf entsprechend versorgt ist, empfiehlt die Tierärztin, auf die Inhaltsstoffe der Futtermittel zu achten. „Wer ganz sicher sein möchte, kann den Hersteller nach der Laboranalyse des Futtermittels fragen.“

Die Experten sind sich einig, dass bei selbstgekochten Mahlzeiten Tierhalter oft den Bedarf des Hundes falsch einschätzen würden. In diesem Fall müsse die Umstellung unbedingt unter fachtierärztlicher Aufsicht stattfinden. Julia Fritz sieht vor allem Schwierigkeiten darin, dass die Halter die Proteine falsch einschätzen. Die "biologische Wertigkeit" von Eiweißen spiele dabei eine große Rolle. Das bedeute, dass es Eiweiße gebe, die besser oder schlechter den Bedarf des Hundes decken würden. Grundsätzlich würden tierische Proteine besser passen als pflanzliche.


Den Hunden muss es gut gehen

Die vegane Ernährung ist zu wenig erforscht. Nach dem Tierschutzgesetz muss das Tier "seiner Art und seinen Bedürfnissen entsprechend" angemessen ernährt werden. Den Hunden müssen dementsprechend alle essentiellen Nährstoffe zur Verfügung stehen.

Julia Fritz unterscheidet dabei nicht zwischen den Ernährungsformen. Denn jeder Hundehalter könne selbst entscheiden, wie sein Hund ernährt wird. Die Aufgabe der Ernährungsberater sei es, dafür zu sorgen, dass die Tiere damit mit der jeweiligen Ernährungsform bestmöglich versorgt seien. Egal, ob die Halter sich für Fleisch oder Pflanzen entscheiden würden: "Ziel muss immer sein, dem Bedarf des Hundes gerecht zu werden."


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