ARD Themenwoche - Woran glaubst Du? - Kerzen in einer Kapelle (Foto: dpa)

"Menschen, die glauben, sind krisenfester"

Ein Interview von Kasia Hummel   14.06.2017 | 08:30 Uhr

Wie präsent ist der Glaube heutzutage überhaupt noch? Und welchen Stellenwert bekommt Glaube in schwierigen Lebenssituationent? Georg Weber ist Klinikseelsorger an der Uniklinik Homburg und erzählt im Gespräch mit SR.de von seinen Erfahrungen.

Seit fünf Jahren ist Georg Weber Teil des evangelischen Klinikseelsorgeteams in der Uniklinik Homburg. Gemeinsam mit vier Kolleginnen ist er Ansprechpartner für Patienten, aber auch für das Klinikpersonal.


Georg Weber, Klinikseelsorge Homburg (Foto: Klinikseelsorge Homburg)
Georg Weber, Klinikseelsorge Homburg

SR.de: Wie sieht Ihre Arbeit als Klinikseelsorger aus?

Georg Weber: Wir besuchen Menschen, die sich zum Beispiel aufgrund einer Erkrankung oder eines Unfalls im Krankenhaus aufhalten. Wir sind aber nicht nur Krankenseelsorger, sondern tatsächlich „Krankenhausseelsorger“ – das heißt wir sind auch Gesprächspartner für alle, die hier arbeiten. Wir gehören zur Klinik, sind aber immer auch ein Stückchen extern, weil unser Arbeitgeber natürlich die Kirche ist und wir nicht in die Hierarchie des Krankenhauses eingebunden sind.

SR.de: Welchen Stellenwert hat die Seelsorge in der heutigen Zeit?

Weber: Wir merken, dass wir zunehmend in Anspruch genommen werden, wo wir sichtbar sind, also wo mit der Seelsorge ein Gesicht verbunden ist. Aufgrund unserer persönlichen Präsenz auf den Stationen kommen immer wieder Gespräche zustande. Und wenn ich an einem Bett war und die Menschen im Nachbarbett merken, dass das eine angenehme Atmosphäre ist, und dass man mit uns tatsächlich über alles reden kann, dann ergibt sich oft am nächsten Bett das Folgegespräch – und zwar völlig unabhängig davon, welcher Konfession oder welchem Glauben die Menschen angehören.

ARD Themenwoche
Woran glaubst du?
So vielfältig wie das Thema „Glaube“ selbst sind die Programmangebote zur ARD Themenwoche 2017 von Sonntag, 11. Juni, bis Samstag, 17. Juni, mit dem Titel „Woran glaubst du“ in Hörfunk, Fernsehen und Online der Landesrundfunkanstalten. Alle Infos gibt es hier.

SR.de: Kommt es vor, dass Patienten ihre Krankheit in Verbindung mit Gott beziehungsweise Religion bringen?

Weber: Krankheit ist ein Einschnitt in den Alltag. Und dieser Einschnitt führt eigentlich immer wieder auf die ein oder andere Weise zu der Frage: Wie gehört das zum Sinn meines Lebens? Die Konzepte, die bisher funktioniert haben, kommen ins Wanken. Da fragt der eine nach Gott und der andere fragt nach eigener Schuld oder nach Fremdverschulden. Es ist aber immer eine Frage nach dem Sinn. Ich würde aber sagen, dass Menschen, die glauben, krisenfester sind.

SR.de: Haben Sie die Erfahrung gemacht, dass Menschen durch diese Einschnitte in ihrem Leben zum Glauben zurückgefunden oder gar den Glauben verloren haben?    

Weber: Ich stelle fest, dass Menschen sagen: „Ich glaube jetzt immer noch nicht mehr oder weniger an Gott und es ist eine Zumutung an einen Gott zu glauben, wenn Kinder sterben. Aber ohne meinen Glauben hätte ich es nicht geschafft.“ Ich habe wenigstens eine Adresse, an die ich meine Zweifel, meine Wut oder meinen Nichtglauben richten kann. Ich erlebe aber auch, dass es Menschen gibt, die in Krisen-Situationen ihren Glauben finden.   

SR.de: Haben Sie einen Wandel in Ihrer Arbeit festgestellt?

Weber: Das Umfeld Krankenhaus ist einem tiefgreifenden Wandel unterzogen: Patienten sind durchschnittlich sieben Tage im Krankenhaus. Das heißt, ich begegne ihnen ein bis zwei Mal. Die Möglichkeit, mit ihnen in Kontakt zu treten und diesen Kontakt auch auszubauen, ist kleiner geworden. Wir müssen deswegen punktueller arbeiten.

Wir merken aber auch den Stress, der auf den Pflegekräften und medizinischen Kräften lastet. Die Arbeitsumstände ist sehr viel anstrengender und belastender geworden. Wenn eine Station mit 20 bis 40 Betten nachts von nur einer Schwester betreut wird, dann spüren Patienten diese Belastung.

SR.de: Gibt es Fälle, in denen der Kontakt über den Krankenhausaufenthalt hinausgeht?

Weber: Ich arbeite auf der Kinderkrebsstation, ich habe auch schon Kinder beerdigt. Und ich habe Angehörige, die ich hier in einem Abschiedsprozess begleitet habe. Manchmal treffe ich die Angehörigen danach auch hier in den Büros zu einer Trauerbegleitung. Auch Nichtkranke sowie Angehörige können über den Krankenhausaufenthalt hinaus zu uns kommen. Bei Bedarf kann auch der Kontakt zur Seelsorge in der Gemeinde hergestellt werden.

SR.de: Vielen Dank für das Gespräch.

Über die Themenwoche wird vom 11. bis zum 17. Juni in allen Hörfunkprogrammen des SR und im SR Fernsehen berichtet.

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