Elektroschrott liegt in einem Container.  (Foto: picture alliance/dpa | Heiko Wolfraum)

Wann kommt das "Recht auf Reparatur" für Elektrogeräte?

Wilfried Voigt / Onlinefassung: Anne Staut   13.04.2022 | 11:05 Uhr

Um den Berg von Elektroschrott einzudämmen, will die Bundesregierung ein "Recht auf Reparatur" einführen. Die Hersteller sollen ihre Geräte künftig so produzieren, dass sie möglichst einfach zu reparieren sind. Das fordern Verbraucherschützer schon lange. Doch wann kommt dieses Reparatur-Gesetz?

Das Smartphone von Simon Weber hat eine kleine Macke – ein lilafarbener Punkt zeigt sich im Zoom oder im Porträtmodus. Ein neues Smartphone würde fast 1000 Euro kosten und käme bei einer Neubestellung erst in drei Tagen.  

In der Saarbrücker Handyklinik dauert die Reparatur etwa eine Stunde. Die Gesamtkosten liegen bei "nur" rund 250 Euro.

Doch leider geht das nicht bei allen Modellen. Oft muss man ein komplettes Gerät wegwerfen, obwohl nur eine der vielen Funktionen gestört ist.

Lieferbarkeit von Ersatzteilen?

Grundvoraussetzung für eine Reparatur ist, an Originalersatzteile heranzukommen, sagt Marco Hauch, Geschäftsführer von Handyklinik.com. Das sei zurzeit sehr schwierig bei manchen Herstellern.

Ebenso die Anleitungen, wie man am besten und effizientesten repariert. Das Gleiche gelte auch für die Software dazu, um Geräte oder Ersatzteile zu verbinden.

Reparatur unerwünscht

Aber viele Hersteller haben gar kein Interesse daran, dass man ihre Geräte länger nutzt. Sie machen es den Kunden richtig schwer.

Im Neunkircher Reparatur-Café engagieren sich ehrenamtliche Helfer. Auf den Tischen der erfahrenen Schrauber landen vor allem Haushaltsgeräte. Auch die sind oft extrem reparaturunfreundlich konstruiert.

Viele Geräte sind etwa mit Ovalkopfschrauben verschlossen und die können nur mit speziellen Schlüsseln geöffnet werden. Und wer hat die schon? Häufig sind solche Kleinigkeiten die Ursache für den Kauf teurer Neugeräte.

Zwang zum Neukauf

Hunderttausende alte Haushaltsmaschinen werden jedes Jahr unnötig weggeworfen. Joachim Becker vom Reparatur-Café Neunkirchen Saar sieht dahinter ein System:

"Wenn Sie hier heute in den Elektrofachmarkt gehen und sagen, sie möchten ein Gerät, was auch reparierbar ist, dann ist der Verkäufer schon hilflos, weil er das schon nicht kann."

Insofern sei der Verbraucher derjenige, der draufzahlt. "Die Industrie erfindet und designt, und sie macht das immer unreparierbarer", sagt Becker.

Quote für Elektroschrott verfehlt

Und so kommen rund zwei Millionen Tonnen Elektroschrott in Deutschland zusammen. Nach der von der EU vorgegebenen Quote von 65 Prozent müssten Kommunen und Händler davon 1,39 Millionen fachgerecht einsammeln und recyceln. Die Vorgabe wird jedoch dramatisch verfehlt.

Umweltgefahr für Afrika

Ein Teil der Reste landet illegal in Afrika. Dort ist es ein makabres Geschäftsmodell geworden. Um an verwertbare Spuren von Kupfer, Gold oder Coltan zu kommen, verbrennen Erwachsene und Kinder alte Elektrogeräte – und gefährden durch die giftigen Dämpfe extrem ihre Gesundheit.

Gleichzeitig werden oft unter Lebensgefahr neue Rohstoffe wie Kobalt abgebaut, weil ständig Millionen neue Geräte produziert werden. Immer wieder passieren in den altertümlichen Minen schwere Unfälle.

Umweltministerin plant Recht auf Reparatur

Das soll sich ändern. Die neue Bundesregierung hat eine alte Forderung von Verbraucher- und Umweltorganisationen nach Reparierbarkeit in den Koalitionsvertrag aufgenommen. Bundesumweltministerin Steffi Lemke (Die Grünen) plädiert unter anderem für einen Index, der zeigt, wie sich Geräte wieder flottmachen lassen. 

 "Wenn ein Fernseher oder eine Waschmaschine entsorgt werden muss, nur weil ein Einzelteil kaputt, aber nicht austauschbar ist, kostet das den Verbraucher sinnlos Geld und es verschwendet Rohstoffe. Die Bundesregierung plant ein Recht auf Reparatur und sie wird Anreize dafür schaffen, langlebige Produkte herzustellen", so Lemke.

EU hat bereits vorgelegt

Die Ampelkoalition folgt damit auch einer Vorgabe der EU-Kommission. Seit 2021 gelten für große Haushaltsgeräte wie Kühlschränke, Waschmaschinen, oder Fernseher bereits verschärfte Auflagen. Unter anderem gilt:

  • Sie müssen mit handelsüblichem Werkzeug reparierbar sein.                              
  • Ersatzteile müssen spätestens nach 15 Tagen geliefert und bis zu zehn Jahre vorgehalten werden.

Handyregeln fehlen noch

Für Kleingeräte wie die rund 200 Millionen alten Handys, die in deutschen Haushalten vergammeln, gelten diese Regeln noch nicht. Viele wären weiter verwendbar, wenn man Akkus oder Displays unkompliziert austauschen könnte.

Erklärvideos für Verbraucher

Dazu wollen Firmen wie das Berliner Startup-Unternehmen kaputt.de beitragen. Hier drehen Experten anschauliche Erklärvideos, mit denen Verbraucher Schritt für Schritt angeleitet werden, wie sie etwa Smartphones selbst reparieren können.

"Mit einem Fön, der sich bis 60 Grad erhitzen lässt, erwärmst Du das Display, damit sich der Kleber löst. Du legst den Präzisionssaugnapf an und verwendest flaches Hilfswerkzeug, um an den Seitenrändern entlangzufahren", heißt es etwa in einem Erklärvideo von kaputt.de.

Ressourcenwende und Klimakrise

In seinem Online-Shop bietet das Unternehmen eine Vielzahl von Ersatzteilen an. Wer nicht selbst reparieren will, dem werden alternativ bundesweit Werkstätten vermittelt.

Alexander Fromm, CEO von kaputt.de, weist daraufhin, dass es nicht die Ersatzteile seien, "die Müllberge produzieren, sondern es sind nicht reparierte Geräte."

"Reparatur ist ein ganz wichtiger Bestandteil im Kampf gegen die Klimakrise und für eine Ressourcenwende. Wir fordern nicht nur ein Recht auf Reparatur, wir sehen sogar eine Pflicht zur Reparatur", so Fromm.

Gezielte Blockaden der Industrie

Manche Produzenten entwickeln immer neue technische Finessen, die Reparaturen erschweren. So sorgen Softwarecodes dafür, dass Ersatzteile nur dann ausgetauscht werden können, wenn sie vom Hersteller freigeschaltet werden. Die Verbraucherzentralen fordern stattdessen mehr Transparenz.  

Elke Salzmann vom Bundesverband der Verbraucherzentralen schlägt vor, "dass man für alle elektronischen Produkte einfach Reparaturanleitungen zur Verfügung stellen muss. Oder dass man sagt, für kleine Elektrogeräte müssen Akkus immer austauschbar sein."

Bundesregierung verweist auf EU

So schnell wie von vielen erhofft wird die Neuregelung aber nicht kommen. Einen Termin für die Einführung des Rechts auf Reparatur nennt die Ministerin nicht.

Gegenüber dem SR erklärt ein Sprecher des Umweltministeriums: "Das Recht auf Reparatur lässt sich am wirkungsvollsten im EU-Binnenmarkt durchsetzen." Es gebe nicht die eine Regelung, sondern mehrere Ansatzpunkte, um den Auftrag aus dem Koalitionsvertrag zu erfüllen.

Das ist so "flexibel" formuliert, dass sogar der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) Zustimmung signalisiert. Der stellvertretende BDI-Hauptgeschäftsführer, Holger Lösch, meint, es sei "grundsätzlich richtig, dass man die Lebensdauer von Produkten auch durch ein Recht auf Reparatur einfach verlängert".

"Da diese Geräte natürlich alle auch auf den europäischen Märkten gehandelt und auch verkauft und genutzt werden, hätten wir ein sehr großes Interesse daran, wenn keine zu großen Divergenzen zwischen der nationalen Regulierung und der europäischen ist", so Lösch.

IT-Banche mauert massiv bei Reparaturen

Der IT-Branchenverband Bitkom hatte sich schon vor dem angekündigten Gesetzesvorhaben gegen ein Recht auf Reparatur positioniert. Ein unsachgemäßes Öffnen der Geräte berge Sicherheitsrisiken, so Bitkom-Präsident Achim Berg.

"Ein Recht auf Reparatur hätte somit einen direkten Einfluss auf die Funktionalität und die Sicherheit der Geräte – zum Nachteil der Verbraucher".

Chance für Arbeitsmarkt

Dabei gibt es eine wachsende Nachfrage nach Werkstätten für Elektrogeräte. Mehr reparieren, könnte viele interessante Arbeitsplätze schaffen. Die Verbraucherzentralen halten die Sicherheitsbedenken für vorgeschoben.

Elke Salzmann vom Bundesverband der Verbraucherzentralen verweist unter anderem auf den Automobilsektor. Da sei es Gang und Gäbe, "dass auch freie Werkstätten reparieren können, dass Verbraucher auch was selbst machen können, wenn sie sich das zutrauen.

Da würde ich sagen, sollen die Hersteller mal lieber ihre Sicherheitsupdates verlängern, wenn ihnen die Sicherheit der Produkte so am Herzen liegt."

Vorbild Ausland

Für eine echte Renaissance der Reparaturen müsste die Ampelkoalition auch auf nationaler Ebene voranmarschieren, um die wachsenden Schrotthalden zu reduzieren. Vorbilder gibt es genug: In Schweden sind bestimmte Reparaturen von der Mehrwertsteuer befreit.

Weitere Informationen zum Thema:

Über dieses Thema hat das ARD-Wirtschaftsmagazin Plusminus am 13. April berichtet.

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