Ein Mann sitzt am Tisch und hält seine Hand ablehnend vor ein alkoholisches Gestränk (Foto: IMAGO / agefotostock)

Ein Monat ohne Alkohol – was bringt das wirklich?

Martina Kind   01.01.2023 | 13:35 Uhr

Ein Crémant hier, ein Bierchen da – angestoßen wird vor allem, aber nicht nur an den Feiertagen gerne. Wer sich nicht mehr an den letzten Monat ganz ohne Alkohol erinnert, dem bietet der "Dry January" die Gelegenheit. Was das genau ist und inwieweit es der Gesundheit nützt.

Hinter vielen Menschen im Saarland dürfte ein sehr alkoholreicher Monat liegen – dazu hat der Glühwein an den Weihnachtsmärkten verlockt, der gute Wein zum Festessen an den Weihnachtsfeiertagen und nicht zuletzt das obligatorische Glas Sekt, oder hierzulande doch lieber Crémant, zum neuen Jahr. Eine kleine Auszeit könnte also nicht schaden, im Gegenteil.

Schon seit Jahren gibt es dafür die in Großbritannien gestartete und inzwischen weltweit bekannte Aktion "Dry January", den "trockenen Januar". Die Spielregeln lassen sich mit einem Wort zusammenfassen: Abstinenz. Und zwar 31 Tage lang. Das klingt unkompliziert, bedeutet aber nicht, dass es einfach ist. Denn Alkohol ist gesellschaftlich so akzeptiert wie keine andere Droge. Nicht selten müssen sich Menschen, die dem Alkohol abgeschworen haben, für ihren Verzicht erklären.

Video [aktueller bericht, 03.01.2023, Länge: 3:27 Min.]
Was sind die Vorteile des „Dry January“?

Die positiven Effekte des Alkoholverzichts

Vier Wochen alkoholfrei also. Was kann das schon bringen? Sehr viel, wenn man sich die Ergebnisse einer Studie der Universität von Sussex ansieht, bei der mehr als 800 Teilnehmerinnen und Teilnehmer des "Dry January" 2018 befragt wurden. Demnach hätten diese nach ihrem nüchternen Monat folgende positive Auswirkungen feststellen können:

  • 93 Prozent empfanden es als Erfolgserlebnis, einen Monat lang keinen Alkohol getrunken zu haben,
  • 88 Prozent haben Geld gespart,
  • 82 Prozent haben ihren Umgang mit Alkohol stärker reflektiert,
  • 80 Prozent haben nun das Gefühl, mehr Kontrolle über ihren Alkoholkonsum zu haben,
  • 76 Prozent haben mehr darüber gelernt, wann und warum sie trinken,
  • 71 Prozent haben erkannt, dass sie keinen Alkohol brauchen, um sich zu amüsieren,
  • 70 Prozent hatten einen allgemein besseren Gesundheitszustand,
  • 71 Prozent haben besser geschlafen,
  • 67 Prozent hatten mehr Energie,
  • 58 Prozent haben an Gewicht verloren,
  • 57 Prozent konnten sich besser konzentrieren,
  • 54 Prozent hatten eine bessere Haut.

All das seien durchaus realistische Effekte, sagt Privatdozent Dr. Matthias Frank, Leiter der Abteilung Diabetologie und Endokrinologie in den SHG-Kliniken Völklingen. Wenngleich es natürlich auch darauf ankomme, wie regelmäßig und in welchen Mengen man vorher Alkohol getrunken habe. Wer sich beispielsweise jeden zweiten Tag abends ein Glas Wein oder Feierabendbier genehmigt habe, der werde sicherlich stärkere Effekte spüren als jemand, der nur anlassbezogen zum Glas greift.

Muss es immer Alkohol sein?
Ab wann wird Alkohol ungesund?

Tatsächlich könne es bei der ersten Gruppe auch dazu kommen, dass sich diese in den ersten Tagen ihres alkoholfreien Monats nach ihrem abendlichen Ritual sehnten, so Frank. "Der Alkohol ist zur Gewohnheit geworden, und der Mensch ist nun einmal ein Gewohnheitstier." Das Verlangen danach sollte sich allerdings nach einigen Tagen einstellen.

Tut es das nicht, sei ernsthaft Grund zur Sorge geboten, sagt Dr. Katharina Grotemeyer, Oberärztin der Klinik für Innere Medizin II am Universitätsklinikum Homburg. "Hier könnte eine psychische Abhängigkeit gegeben sein". In dem Fall rate sie dringend dazu, sich professionelle Hilfe zu suchen.

Bessere Schlafqualität, regenerierte Leber

Aus Sicht beider Mediziner ist ein alkoholfreier Monat aus gesundheitlichen Gründen immer sinnvoll – sofern man diesen nicht als Freifahrtsschein für exzessiven Konsum in der restlichen Zeit betrachte. "Was man sehr schnell feststellen wird ist, dass sich die Schlafqualität verbessert", sagt Frank. "Alkohol stört nämlich die Tiefschlafphasen." Eine höhere Schlafqualität führe wiederum dazu, dass man insgesamt wesentlich leistungsfähiger, konzentrierter und stressresistenter bzw. weniger gereizt sei.

Über eine Alkoholauszeit freut sich aber allen voran die Leber – gerade dann, wenn sie zuvor übermäßigem Alkoholkonsum ausgesetzt war, sagt Grotemeyer. "Wenn sie ständig Alkohol abbauen muss, lagert sie ihn in Form von Fett ein und wird zu einer sogenannten Fettleber."

Eine unbehandelte Fettleber – die sich im Übrigen in der Regel nicht bemerkbar macht – könne zu einer gefährlichen Leberentzündung, Leberzirrhose oder zu Leberkrebs führen. "Eine alkoholische Fettleber kann sich aber wieder zurückbilden, wenn der Alkoholkonsum reduziert oder, noch besser, ganz eingestellt wird."

Nachweisbar zeige sich der positive Effekt des Alkoholverzichts auf die Leber an verbesserten Blutwerten, ergänzt Frank. Der Kennwert, der auf eine mögliche Leberschädigung durch Alkoholmissbrauch hindeutet, sinke demnach schon binnen weniger Tage. Die anderen Leberwerte normalisierten sich nach ungefähr fünf bis sechs Wochen Abstinenz.

Problem durch Corona-Pandemie verschärft
Mehr Alkohlerkrankungen bei älteren Menschen
Alkoholerkrankungen bei älteren Menschen nehmen zu. Die Corona-Pandemie hat dies noch einmal verschärft, sagt Johannes Sinnwell von der Suchtberatung der Caritas in Saarbrücken. Im Gespräch mit dem SR erklärt er die häufigsten Gründe und Risikofaktoren für Alkoholmissbrauch im Alter.

Ein Alkoholverzicht wirke sich zudem positiv auf den Blutdruck aus, längerfristig senke er so das Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen, ergänzt Frank. "Und das dürfte für die Männer besonders von Bedeutung sein: Die Potenz steigert sich." Die Folgen von erhöhtem Alkoholkonsum auf die Potenz seien demnach nicht zu unterschätzen.

"Auch Ihre Haut wird es Ihnen danken", so Frank. Alkohol erweitere die Gefäße, mehr Blut fließe durch die Haut, die Folge: das Gesicht rötet sich. Außerdem entziehe Alkohol dem Körper Wasser – und damit auch den Hautzellen. Die Haut könne sich schlechter regenerieren, altere schneller und bilde mehr Falten. 

Für den ein oder anderen dürfte zudem erfreulich sein, dass schon ein einmonatiger Verzicht auf Alkohol zum Gewichtsverlust führen kann. "Dafür muss man sich sonst aber auch halbwegs gesund ernähren. Dann sind Gewichtsverluste von zwei bis drei Kilogramm möglich", erklärt Grotemeyer.

"Unglaubliches Erfolgserlebnis"

Ebenso kaum zu unterschätzen sind laut Frank und Grotemeyer die Auswirkungen auf das seelische Wohlbefinden. "Das einen Monat lang durchzuhalten, kann tatsächlich ein unglaubliches Erfolgserlebnis sein", so Grotemeyer. Das könne sich positiv auf das Selbstbewusstsein auswirken.

"Man reflektiert auch zwangsläufig sein eigenes Trinkverhalten und denkt verstärkt über seinen Alkoholkonsum nach." Dabei könnte der ein oder andere feststellen, es in der Vergangenheit vielleicht übertrieben zu haben und trinke in Zukunft kontrollierter.

Alkohol wirke sowohl enthemmend als auch dämpfend, sagt Frank. Viele Menschen glaubten, sich selbst durch Alkohol besser fühlen zu können, aber das Gegenteil sei der Fall. "Erst bei einem länger anhaltenden Verzicht, wenn sich der Körper von dem permanenten Stress erholt hat, kann man wirklich in sich hineinhören und erfahren, was der Körper und Geist tatsächlich brauchen, um sich gut zu fühlen."

Diese Erkenntnis wiederum wirke sich positiv auf die Selbstwirksamkeit und -effektivität aus. "Ich lerne zum Beispiel, dass ich keine Hilfsmittel brauche, um in bestimmten Situationen zu funktionieren – ich schaffe das auch so."

Nach dem Dry January: Risikoarmes Trinken

Nach dem "Dry January" fangen die meisten Menschen wieder an, Alkohol zu trinken. Dagegen ist auch nichts einzuwenden, wenn sie es bewusst tun. Als Faustregel für vertretbaren, sprich risikoarmen Alkoholkonsum gilt dabei in der Regel:

  • an mindestens zwei Tagen pro Woche keinen Alkohol zu trinken, damit das Trinken nicht zur Gewohnheit wird.
  • dass Frauen nicht mehr als 12 Gramm Alkohol pro Tag trinken, also nicht mehr als ein kleines Glas Wein (0,125 Liter). Dies entspricht über eine Woche verteilt bei zwei alkoholfreien Tagen 60 Gramm.
  • dass Männer nicht mehr als 24 Gramm Alkohol pro Tag trinken, also zwei kleine Gläser Bier (0,6 Liter). Dies entspricht über eine Woche verteilt bei zwei alkoholfreien Tagen 120 Gramm.

"Das gilt aber auch nur für einen kerngesunden Menschen. Wie gut der Körper Alkohol langfristig verträgt, hängt auch von der Genetik ab", sagt Grotemeyer. Daneben – und neben dem Geschlecht – spiele im Übrigen auch das Alter eine Rolle. Der Kater am nächsten Morgen fühlt sich bei älteren Menschen in der Regel nicht ohne Grund irgendwie schlimmer an und dauert länger als in jungen Jahren.

"Mit steigendem Lebensalter verändert sich auch der Körper. Werden wir älter, reduziert sich der Wasseranteil im Körper, während der Fettanteil steigt. Zudem verfügt er über weniger Enzyme in der Leber, die für den Abbau von Alkohol zuständig sind", erklärt Frank. Ob sich der Kater dennoch lohnt, muss jeder selbst entscheiden.


Der "Dry January" eignet sich nicht für Menschen, die alkoholabhängig sind. Für sie könne er sogar zur Gefahr werden, warnt Grotemeyer. "Der Entzug kann unter anderem schwere Krampfanfälle auslösen." Deshalb sollte er nie ohne ärztliche Hilfe, sondern immer begleitet stattfinden.


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