Die Hände einer alten Frau. (Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Britta Pedersen)

Die Krankheit des Vergessens – kann man Demenz vorbeugen?

Das Interview führte Leonie Rottmann   19.09.2021 | 18:22 Uhr

Sie vergessen Dinge, sie verlaufen sich oder sie finden ihre Habseligkeiten nicht mehr – Demenz hat viele Formen. Alle sind fortschreitende Erkrankungen. Andreas Sauder von der Landesfachstelle Demenz erklärt, wie Betroffene den Verlauf verlangsamen können und ob man das Demenz-Risiko senken kann.

Demenzerkrankungen sind auf dem Vormarsch. Bereits jetzt leidet nach Angaben des saarländischen Gesundheitsministeriums fast jeder zehnte Saarländer über 65 Jahre an einer Demenz – mehr als 22.850 Saarländerinnen und Saarländer. Nach einer Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wird die Zahl weltweit in den kommenden Jahren rasant steigen.

Video [aktueller bericht, 21.09.2021, Länge: 3:00 Min.]
Die Krankheit des Vergessens – Demenz

Diese Entwicklung sieht auch Andreas Sauder, Leiter der Landesfachstelle Demenz im Saarland. Aktuell haben laut Landesfachstelle 23.200 Saarländer eine Demenzerkrankung. Die Zahl der Demenzkranken steige, weil die Menschen immer älter werden. Die logische Folge davon sei, dass es mehr altersbedingte Erkrankungen gebe, zu denen auch Demenzen gehören.

Doch Demenz ist nicht gleich Demenz, betont Andreas Sauder. Im Gespräch mit SR.de gibt er Tipps, was Betroffene und Angehörige tun können, um den Krankheitsverlauf zu verlangsamen – und wie etliche Menschen eine Demenzerkrankung sogar verhindern können.  


SR.de: Kann jeder von uns einer Demenzerkrankung vorbeugen?

Andreas Sauder: Dafür muss man zuerst wissen, was Demenzen überhaupt sind. Eine Demenz ist eine fortschreitende Erkrankung des Gehirns. Eine der häufigsten Erkrankungen, die zu einer Demenz führt, ist die Alzheimerkrankheit. Dafür sind die Ursachen weitgehend unbekannt. Deshalb kann man in diesen Fällen keine Prognose machen, wie man vorbeugen kann.

Bei den gefäßbedingten Erkrankungen kann man allerdings einen positiven Einfluss nehmen. Dazu gehören zum Beispiel Durchblutungsstörungen, die häufig zu Demenzen führen. Die Risikofaktoren dafür werden viele kennen: Starkes Rauchen, bei Frauen die Kombination zwischen Pille und Rauchen, Bluthochdruck, Herzstörungen – all diese Dinge können einen negativen Einfluss auf den Prozess einer Demenz nehmen.

Trotz Demenz in Würde leben - aber wie?
Audio [SR 2, Gabi Szarvas / Dr. Sabine Kirchen-Peters, 27.04.2021, Länge: 04:27 Min.]
Trotz Demenz in Würde leben - aber wie?

SR.de: Das heißt, Alzheimer kann man nicht vorbeugen, weil man die Auslöser nicht kennt?

Sauder: Es gibt mittlerweile einige Untersuchungen, aus denen man schließen kann, dass jemand eventuell in Zukunft eine Alzheimererkrankung entwickeln könnte. Da wären wir dann aber beim Thema „Frühdiagnose“, was wiederum ein sehr ethisches Thema ist.

SR.de: Wie viele Menschen leiden an Demenz in Folge von Alzheimer?

Sauder: 65 bis 70 Prozent der Demenzkranken haben eine Alzheimererkrankung oder eine Mischform, in der zusätzlich zum Beispiel eine Gefäßerkrankung vorliegt. Der Rest – also 30 bis 35 Prozent – verteilt sich auf die gefäßbedingten Erkrankungen, die zu einem großen Teil beeinflussbar und zum Teil sogar heilbar sind, etwa bei Vergiftungen oder Stoffwechselstörungen.


Zahlen und Fakten zum Thema Demenz

9,5 Prozent der Saarländerinnen und Saarländer über 65 Jahre leiden laut Landesdachstelle derzeit an Demenz. Im kommenden Jahr rechnet die Landesfachstelle mit 23.600 Betroffenen im Saarland. Rund 80 Prozent der Demenz-Kranken im Saarland werden laut Landesfachstelle Demenz von ihren Angehörigen zu Hause gepflegt. Das ist mehr als im Bundesdurchschnitt. Dort sind es nur 75 Prozent.


SR.de: Was können wir bei den gefäßbedingten Erkrankungen präventiv tun?

Sauder: Man kann die Risikofaktoren minimieren, indem man eine gesunde Lebensweise führt. Dazu gehören eine gesunde Ernährung, ausreichend Bewegung und sportliche Betätigung. Wenn bereits Risikoerkrankungen wie Bluthochdruck oder Herzstörungen vorliegen, ist es außerdem wichtig, dass die Betroffenen medikamentös korrekt eingestellt werden, um beispielsweise Schlaganfällen vorzubeugen, die wiederum oft Demenzen auslösen. Auch Sozialkontakte sind wichtig. Man sollte immer schauen, dass man nicht einsam ist.

SR.de: Was sind die ersten Anzeichen für eine Demenz?

Sauder: Hellhörig sollte man werden, wenn häufig Dinge vergessen werden, wenn die betroffene Person sich öfter Dinge aufschreibt, weil sie sich vieles nicht mehr merken kann, wenn Personen nicht mehr erkannt werden, wenn man sich häufiger verläuft. Das sind Anzeichen, denen man nachgehen sollte.

Die Diagnosestellung ist mitunter der wichtigste Baustein in der Versorgung von Menschen mit Demenz.

In der Regel läuft die Diagnose über den Hausarzt zum Facharzt oder in einer Klinik. Man kann eine Alzheimererkrankung zwar nicht ursächlich behandeln, aber mit speziellen Medikamenten kann man erreichen, dass Betroffene mehr Lebensqualität haben und dass Krankheitsverläufe um mindestens ein Jahr verzögert werden. Bei den gefäßbedingten Erkrankungen können dann eben gezielt die bereits genannten Maßnahmen eingesetzt werden, um den Verlauf positiv zu beeinflussen.

SR.de: Was können Pflegende tun, um ihre demenzkranken Angehörigen zu unterstützen?

Sauder: Das wichtigste ist, dass die Pflegenden sich selbst gesund erhalten. Nur derjenige kann pflegen, der tatsächlich gesund bleibt. Man sollte sich Hilfe holen, denn es kommt zu herausfordernden Verhaltensweisen – und die können die Beziehung zwischen dem Betroffenen und der pflegenden Person sehr stark belasten.


Hilfsangebote im Saarland

Für Betroffene, die noch am Anfang ihrer Erkrankung stehen, gibt es eine spezielle Selbsthilfegruppe in Saarbrücken. Auch für Angehörige gibt es Entlastungsangebote: Von Beratungsstellen (Pflegestützpunkte, Demenzvereine) bis zu Schulungen und Gruppen zum Erfahrungsaustausch. Zur Datenbank der Landesfachstelle mit Hilfsangeboten


Angehörige brauchen Freiräume und müssen an sich selbst denken. Wenn sie sich Entlastung geholt haben und in Anspruch nehmen, zum Beispiel durch einen Pflegedienst oder eine häusliche Betreuung, dann profitieren auch die Betroffenen, denn dadurch haben sie mehr soziale Kontakte – und die sind neben der medikamentösen Behandlung mit der wichtigste Baustein für die Begleitung. Damit kann man häufig den krankheitsverlauf noch viel positiver beeinflussen.

Wenn der Betroffene mehr Lebensqualität hat, hat auch der Pflegende mehr Lebensqualität.

SR.de: Das Erinnern trainieren bringt also nichts?

Sauder: Das mag am Anfang noch funktionieren, aber mit zunehmender Erkrankung kommt man damit ganz schnell in einen Bereich, in dem man den Betroffenen immer wieder die eigenen Defizite vorhält. Statt gezwungen zu versuchen, dass sich Betroffene zum Beispiel das eigene Geburtsdatum merken, sollte man lieber dafür sorgen, den Augenblick so schön wie möglich zu gestalten – also Wohlbefinden auf allen Ebenen zu beschaffen.

SR.de: Vielen Dank für das Gespräch.

Video [aktueller bericht am Samstag, 24.07.2021, Länge: 3:22 Min.]
Ehrenamt ist für Bärbel Dunkel ein Privileg

Auch Thema im "aktuellen bericht" im SR Fernsehen am 21.09.2021.

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