Eine junge Frau hält die Hände einer älteren Frau (Foto: dpa/Patrick Pleul)

Der Weg zur Unterstützung im Pflegefall

Das Gespräch führte Leonie Rottmann   26.11.2020 | 06:35 Uhr

Im steigenden Alter, nach einer Operation oder wegen eines Unfalls: Irgendwann kann jeder Mensch auf Hilfe in der Pflege angewiesen sein. Oft stehen Betroffene und Angehörige dann vor der Frage, wo sie die richtige Unterstützung finden. Welche Beratungsmöglichkeiten und Angebote es gibt, erklärt Angela Legrum vom Verband der Ersatzkassen des Saarlandes.

Im Saarland sind mehr Menschen pflegebedürftig als im Bundesdurchschnitt. Insgesamt 4,6 Prozent der Saarländer beziehen nach den aktuellsten Zahlen aus dem Jahr 2017 Pflegeleistungen – bundesweit liegt die Pflegequote bei 4,1 Prozent. Damit gibt es im Saarland mehr als 45.000 Pflegebedürftige. Rund 10.000 davon werden durch ambulante Pflegedienste betreut.

Doch ob ambulant oder stationär – welche Schritte für Betroffene und Angehörige notwendig und sinnvoll sind, um Unterstützung zu erhalten, kann schnell zur Herausforderung werden. Wir haben mit Angela Legrum vom Verband der Ersatzkassen (VDEK) des Saarlandes über Anlaufstellen und Möglichkeiten gesprochen.


SR.de: Wo können sich Angehörige und Betroffene unabhängig über Angebote und Möglichkeiten informieren?

Legrum: Es gibt zum Beispiel die Pflegestützpunkte im Saarland. Rat- und Hilfesuchende erhalten dort kostenlose, umfassende und unabhängige Auskünfte und Beratung zu allen Fragen rund um das Thema Pflege. Durch die Beratung wird gemeinsam ein Versorgungsplan erstellt. Dieser enthält Angaben über verabredete Maßnahmen, wie zum Beispiel Essen auf Rädern, Hilfsmittel wie Duschhocker und Rollatoren oder Angebote von Pflegediensten. Bei Bedarf wird der Betroffene bei der Organisation des richtigen Angebots unterstützt.

Wer gilt als pflegebedürftig?

Der Begriff der Pflegebedürftigkeit ist im Sozialgesetzbuch (SGB) klar definiert: Personen sind pflegebedürftig, wenn sie körperliche, kognitive oder psychische Beeinträchtigungen oder gesundheitlich bedingte Belastungen oder Anforderungen nicht selbstständig kompensieren oder bewältigen können. Die Pflegebedürftigkeit muss dauerhaft bestehen, voraussichtlich mindestens sechs Monate.

Ziel ist es, den Betroffenen zu ermöglichen, dass sie so lange wie möglich in den eigenen vier Wänden bleiben und ein weitestgehend selbstständiges Leben führen können. Eine Beratung kann telefonisch, im Pflegestützpunkt oder beim Betroffenen zu Hause erfolgen.

Wer sich zum Beispiel lieber online erkundigen möchte, kann auf das unabhängige und kostenlose Informationsportal des VDEK zurückgreifen: Der Pflegelotse hilft Pflegesuchenden und ihren Angehörigen bundesweit bei der Suche nach einer geeigneten Pflegeeinrichtung.

Sie finden darüber zum Beispiel Informationen über Größe, Kosten, besondere Versorgungsformen sowie Lage und Anschriften der Einrichtungen. Auch über die Qualität der einzelnen Einrichtungen informiert der Pflegelotse auf Grundlage objektiver Prüfergebnisse. Außerdem haben Sie die Möglichkeit, verschiedene Pflegeeinrichtungen miteinander zu vergleichen.

SR.de: Welche Schritte sind notwendig, um Pflegeleistungen zu erhalten?

Legrum: Möchte ein Versicherter einen Antrag auf Pflegebedürftigkeit stellen, kann er sich zur Beratung direkt an seine Pflegekasse wenden. Viele Pflegekassen bieten auf ihren Internetseiten zudem einen sogenannten „Pflegecoach“ an, der bei der Antragsstellung und weiteren Pflegethemen unterstützt. Antragssteller haben einen Anspruch auf frühzeitige und umfassende Beratung durch die Pflegeberater der jeweiligen Pflegekasse. Sofern der Betroffene zustimmt, gilt der Anspruch übrigens auch für Angehörige oder weitere Personen – zum Beispiel ehrenamtliche Pflegekräfte.

SR.de: Wie geht es dann weiter?

Legrum: Die Pflegekasse muss die Beratung dann innerhalb von zwei Wochen nach Antragsstellung durchführen. Alternativ kann ein Gutschein für eine unabhängige und neutrale Beratungsstelle ausgestellt werden, die die Beratung innerhalb der zwei Wochen durchführen kann. Auf Wunsch des Versicherten erfolgt die Beratung auch beim Pflegebedürftigen zu Hause.

SR.de: Welche Ansprüche auf Unterstützung hat ein Pflegebedürftiger?

Legrum: Wenn die Voraussetzungen für eine Pflegebedürftigkeit erfüllt sind, erhalten die Betroffenen nach Schwere der Beeinträchtigung der Selbstständigkeit oder der Fähigkeit einen Grad der Pflegebedürftigkeit. Hierzu lässt die jeweilige Pflegekasse vom Medizinischen Dienst oder von einem unabhängigen Gutachter ein Gutachten erstellen. Bei privat Versicherten erfolgt die Begutachtung durch den eigenen Medizinischen Dienst.

Nachdem der Pflegeantrag gestellt wurde, besucht eine Pflegekraft oder ein Arzt den Antragssteller in seiner Wohnung, um die Begutachtung durchzuführen. Es erfolgt immer vorab eine Terminankündigung. An dem Termin sollten idealerweise auch Angehörige oder Betreuer des Betroffenen teilnehmen, denn die Informationen von ihnen können das Bild des Gutachters ergänzen und ermöglichen eine genaue Einschätzung, wie selbstständig der Antragssteller noch ist beziehungsweise welche Beeinträchtigungen vorliegen.

SR.de: Was ist ein Pflegegrad?

Seit Anfang 2017 gibt es statt der bisherigen drei Pflegestufen insgesamt fünf Pflegegrade. Die Einstufung in einen Pflegegrad hängt von sechs Bereichen ab. In allen Bereichen werden im Rahmen eines Gutachtens Punkte verteilt. Je nach Gesamtpunktzahl erhält der Betroffene einen Pflegegrad von 1 (geringe Beeinträchtigungen) bis 5 (schwerste Beeinträchtigungen).

SR.de: Wie wird der Pflegegrad ermittelt?

Legrum: Zur Einschätzung der Pflegebedürftigkeit und Einstufung in einen Pflegegrad werden verschiedene Bereiche abgefragt, die die individuelle Pflegesituation beschreiben. Dadurch sollen zum Beispiel die Fragen beantwortet werden, was der Pflegebedürftige im Alltag alleine leisten kann, welche Fähigkeiten noch vorhanden sind, wie hoch die Selbstständigkeit noch ist und an welchen Stellen der Betroffene Hilfe benötigt. Grundlage ist dabei der Pflegebedürftigkeitsbegriff, der die individuellen Beeinträchtigungen ins Zentrum stellt – unabhängig ob körperlich, geistig oder psychisch.  

Außerdem bewerten die Gutachter auch die außerhäuslichen Aktivitäten sowie die Haushaltsführung. Diese Informationen helfen später vor allem den Pflegeberatern der Pflegekassen oder den Pflegestützpunkten dabei, den Betroffenen zu weiteren Angeboten und Sozialleistungen zu beraten und einen individuell zugeschnittenen Versorgungsplan zu erstellen.

SR.de: Der Gutachter entscheidet also darüber, welche Hilfen der Pflegebedürftige bekommt?

Legrum: Das Gutachten ist zunächst eine Empfehlung und wird der Pflegekasse übermittelt, die die Pflegebedürftigkeit feststellt. Die Entscheidung soll für die Versicherten transparent und nachvollziehbar sein. Daher wird das Gutachten dem Antragsteller durch die Pflegekasse automatisch übersandt, wenn dieser der Übersendung nicht widersprochen hat.

Darüber hinaus erhält der Versicherte mit dem Bescheid eine gesonderte Präventions- und Rehabilitationsempfehlung, die im Rahmen der Begutachtung abgegeben wurde. Wenn der Betroffene zustimmt, leitet die Pflegekasse diese Empfehlung dem zuständigen Rehabilitationsträger zu und löst damit ein Antragsverfahren auf Leistungen zur medizinischen Rehabilitation aus.

SR.de: Wer übernimmt die Kosten für die Pflege?

Legrum: Um Pflegeleistungen voll in Anspruch nehmen zu können, muss der Versicherte in den letzten zehn Jahren vor der Antragsstellung zwei Jahre als Mitglied in die Pflegekasse eingezahlt haben oder familienversichert gewesen sein. Sozialversicherte Arbeitnehmer zahlen durch ihre Sozialabgaben automatisch in die Kasse ein – die Hälfte durch den Arbeitgeber und die andere Hälfte durch den Arbeitnehmer. Die Pflegeversicherung ist allerdings keine Vollkaskoversicherung. Das heißt, sie deckt nur einen Teil der Kosten ab. Daher ist es sinnvoll, zusätzlich durch eine private Zusatzversicherung vorzusorgen.

SR.de: Welche Möglichkeiten gibt es, wenn jemand nur vorübergehend auf Pflege angewiesen ist, zum Beispiel nach einem Unfall?

Legrum: Dafür gibt es die Übergangspflege für Menschen ohne Pflegegrad. Nach einer Operation oder aufgrund einer akuten Verschlimmerung einer Erkrankung liegt oft keine Pflegebedürftigkeit im Sinne der Pflegeversicherung vor.

Seit dem 1. Januar 2016 gelten erweiterte Ansprüche auf häusliche Krankenpflege sowie Haushaltshilfe und es gilt ein neuer Anspruch auf eine Kurzzeitpflege der gesetzlichen Krankenversicherung. Versicherte erhalten dann erforderliche Grundpflege und hauswirtschaftliche Versorgung. Der Anspruch kann bis zu vier Wochen je Krankheitsfall bestehen und von der Krankenkasse in begründeten Ausnahmefällen nach Einschaltung des Medizinischen Dienstes verlängert werden.

Reichen diese Leistungen nicht aus, können Betroffene eine Kurzzeitpflege in einer geeigneten Einrichtung für bis zu acht Wochen pro Jahr in Anspruch nehmen. Die Krankenkasse beteiligt sich teilweise an den Kosten für Pflege, Betreuung und Behandlungspflege.

SR.de: Vielen Dank für das Gespräch.

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