Obst und Gemüse neben Nahrungsergänzungsmittel (Foto: IMAGO / Niehoff)

Was Nahrungsergänzungsmittel wirklich nützen

Das Interview führte Leonie Rottmann   13.06.2021 | 11:56 Uhr

Eine Extra-Portion Gesundheit – das erhoffen sich viele Verbraucher von Nahrungsergänzungsmitteln. Der Markt boomt und die Präparate sind nach Angaben des Statistischen Bundesamts so beliebt wie nie. Was wirklich dran ist an den Präparaten, erzählt Theresia Weimar-Ehl von der Verbraucherzentrale des Saarlandes.

Die Regale in den Supermärkten, Drogerien und Apotheken sind voll von Nahrungsergänzungsmitteln. Es gibt sie als Shake, Pulver oder Kapseln. Viele Menschen erhoffen sich von der Einnahme mehr Gesundheit oder Fitness. Der Hype um die Mittel wächst stetig. Im Jahr 2020 wurden laut Statistischem Bundesamt in Deutschland fast elf Prozent mehr produziert als im Vorjahr – insgesamt 180.200 Tonnen.

Doch vor der Einnahme gibt es einiges zu beachten. Ansonsten kann es unter Umständen sogar gefährlich werden. Theresia Weimar-Ehl, Ernährungsexpertin der Verbraucherzentrale des Saarlandes, erklärt im Interview, für wen Nahrungsergänzungsmittel sinnvoll sind, worauf Konsumenten bei der Einnahme achten und was sie besser nicht tun sollten.


SR.de: Wer sollte Nahrungsergänzungsmittel konsumieren?

Weimar-Ehl: Deutschland ist kein Vitaminmangel-Land. Ein gesunder Mensch, der sich ausgewogen ernährt, ist in der Regel mit allen Vitaminen und Mineralstoffen ausreichend versorgt. Das Geld für die Mittel kann man sich sparen. Was der Körper zu viel aufnimmt, wird im günstigsten Fall einfach wieder über den Urin oder den Stuhl ausgeschieden. Im schlimmsten Fall kann man seiner Gesundheit schaden. Wer an einem echten Nährstoffmangel leidet, benötigt Arzneimittel. Diese verschreibt der Arzt.

SR.de: Was ist unter Nahrungsergänzungsmitteln zu verstehen?

Theresia Weimar-Ehl: Nahrungsergänzungsmittel sind Lebensmittel, die dafür bestimmt sind, die allgemeine Ernährung von gesunden Menschen zu ergänzen. Es sind Konzentrate von Nährstoffen oder anderen Stoffen wie Vitamine, Mineralstoffe oder Pflanzenextrakte. Sie werden in dosierter Form zum Beispiel als Kapseln, Tabletten, Pillen, Pulverbeutel oder Flüssigampullen in den Verkehr gebracht.

SR.de: Sind Nahrungsergänzungsmittel Arzneimittel?

Weimar-Ehl: Nein, sie sind keine Arzneimittel, Betäubungsmittel oder psychoaktive Substanzen. Es gibt aber neben den Nahrungsergänzungsmitteln weitere Produktgruppen wie frei verkäufliche Arzneimittel und Medizinprodukte sowie Lebensmittel für besondere medizinische Zwecke auf dem Markt, die wegen ihrer Aufmachung leicht zu verwechseln sind.

SR.de: Welche Gefahren gehen von der Einnahme aus?

Weimar-Ehl: In den letzten Jahren kamen immer mehr Nahrungsergänzungsmittel auf den Markt, denen Stoffe zugesetzt wurden, die bisher nur im Arzneimittelbereich zu finden waren. Das ist in vielerlei Hinsicht kritisch. Zum Teil ist die Wirkung nicht nachgewiesen, Nebenwirkungen werden nicht beschrieben oder Extrakte sind nicht standardisiert. Bei einer zu hohen Zufuhr an Vitaminen und Mineralstoffen ist zudem mit unerwünschten, teils gesundheitlichen Wirkungen zu rechnen.

Einige Vitamine können dazu führen, dass Laborwerte verfälscht werden.

Dazu zählen zum Beispiel Vitamin C, Biotin und Omega-3-Fettsäuren in größeren Mengen. Außerdem können beispielsweise Magnesium, Ginseng und Omega-3-Fettsäuren die Wirksamkeit von Medikamenten hemmen oder verstärken. Wechselwirkungen treten aber sogar auch mit anderen Lebensmitteln, Nahrungsergänzungsmitteln, Getränken wie Kaffee, Tee oder Alkohol und pflanzlichen Heilmitteln auf.

SR.de: Bei welchen Nahrungsergänzungsmitteln sollte man besonders vorsichtig sein?

Weimar-Ehl: Es gibt Nebenwirkungen bei einigen Mitteln. Beispielsweise müssen Raucher bei Betacarotin (Provitamin A) vorsichtig sein. Auch die fettlöslichen Vitamine A, D, E und K sowie Eisen, Fluor oder Selen bedürfen einer gewissen Vorsicht. Auch die richtige Dosierung ist wichtig. Viel hilft nicht viel.

SR.de: Wie sinnvoll ist es, ohne ärztlichen Rat Nahrungsergänzungsmittel einzunehmen?

Ratgeber
Heimische Alternativen zu exotischen Superfoods
Superfoods, wie Chiasamen, Avocados, Quinoa oder Goji-Beeren, sind der neue Trend in den Supermarktregalen. Sie peppen herkömmliche Lebensmittel wie Brote, Müsliriegel und Smoothies auf oder werden selbst als Nahrungsergänzungsmittel in Kapsel- oder Pulverform angeboten. Zusätzlich sollen diese exotischen Lebensmittel super gesund sein. Aber es muss nicht immer der Exot aus der Ferne sein, denn deutsche Äcker haben auch ultimative Nährstoffriesen im Angebot!

Weimar-Ehl: Um das Risiko von Wechselwirkungen mit Medikamenten abschätzen zu können, ist es wichtig, dass der Arzt informiert wird, wenn neben Arzneimitteln auch solche Präparate eingenommen werden. Außerdem sollte vor der Einnahme immer erst untersucht werden, ob überhaupt ein Mangel vorliegt. Ist man gesund, hat keine Beschwerden und macht keinen Bogen um Gemüse und Obst, ist man in der Regel ausreichend versorgt.

SR.de: Aber es gibt auch Menschen, bei denen die Einnahme sinnvoll ist?

Weimar-Ehl: Nahrungsergänzungsmittel sind in erster Linie für gesunde Menschen gedacht. Sie sind nützlich, wenn die richtigen Nährstoffe vom richtigen Menschen zur richtigen Zeit in der korrekten Menge eingenommen werden. Es sollte darauf geachtet werden, dass es nicht zu einer Überdosierung kommt, wenn mehrere Nahrungsergänzungsmittel verwendet werden. Neben der maximalen Tagesmenge aus den Mitteln ist auch die Menge in Lebensmitteln zu berücksichtigen, bei denen Hersteller Vitamine und Mineralstoffe extra zugesetzt haben.

SR.de: Haben Sie eine Erklärung für den Hype um die Präparate?

Weimar-Ehl: Die Werbung versucht oft, Ängste zu schüren mit Aussagen wie „die Böden seien ausgelaugt“ oder „Gemüse und Obst hätte nicht mehr so viele Vitamine wie früher“. Diese Behauptungen stimmen nicht. Anbieter von Nahrungsergänzungsmitteln werben mit schnellen Erfolgen oder Heilung gesundheitlicher Beschwerden.

Ob im Internet, in Zeitschriften, Funk, Fernsehen oder über Mundpropaganda: Die Anbieter lassen keine Möglichkeit aus, ihre Produkte als unverzichtbar anzupreisen. Diese Werbeaussagen sollten immer kritisch hinterfragt werden. Wir als Verbraucherzentrale bieten eine Checkliste an, auf der ersichtlich wird, wie man unseriöse Werbung erkennt.

SR.de: Wo sollte man die Produkte kaufen?

Der Hype um die Nahrungsergänzungsmittel steigt. (Foto: IMAGO / Fotostand)
Der Hype um die Nahrungsergänzungsmittel steigt.

Weimar-Ehl: Wir raten grundsätzlich zum Einkauf im Drogeriemarkt, Supermarkt oder in der Apotheke. Bestellungen im Internet können problematisch sein, sofern es sich nicht um den Online-Shop eines hier ansässigen Geschäfts handelt. Wenn man im Internet einkaufen will, sollte man auf Gütesiegel bei Online-Shops achten oder eine zugelassene Versandapotheke wählen.

SR.de: Wie sieht es mit Produkten aus dem Ausland aus?

Weimar-Ehl: Besser keine Nahrungsergänzungsmittel aus dem Urlaub – insbesondere außerhalb der EU aus Asien, USA oder Großbritannien – mitbringen. Was dort als Nahrungsergänzungsmittel gilt, wird unter Umständen in Deutschland als Arzneimittel eingestuft. Da ein Import von Medikamenten aus dem Nicht-EU-Ausland verboten ist, gibt der Zoll die Produkte nicht frei. Die bestellte und vielleicht sogar schon bezahlte Ware kommt dann unter Umständen nicht an.

Im schlimmsten Fall kann sogar eine Strafanzeige wegen Imports illegaler Arzneimittel drohen.

SR.de: Welche Voraussetzungen müssen Nahrungsergänzungsmittel erfüllen?

Weimar-Ehl: Weil Nahrungsergänzungsmittel aus rechtlicher Sicht Lebensmittel sind, müssen sie keine Zulassungsverfahren durchlaufen. Dementsprechend kommen sie ohne behördliche Prüfung von Sicherheit, Qualität und Wirksamkeit auf den Markt. Für die Einhaltung der lebensmittelrechtlichen Vorschriften ist allein der Hersteller, Händler oder Importeur zuständig.

SR.de: Wie werden die Mittel in den Verkehr gebracht?

Weimar-Ehl: Sie müssen vorher lediglich beim Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) angezeigt werden. Dabei reicht es, den Namen des Produkts und des Verantwortlichen – zum Beispiel des Herstellers, Händlers oder Importeurs – zu benennen sowie ein Muster des Etiketts beizufügen.

SR.de: Vielen Dank für das Gespräch.


Weitere Tipps der Verbraucherzentrale im Umgang mit verschiedenen Vitaminen

Vitamin B12

Nahrungsergänzungsmittel sind Lebensmittel. Sie sollen lediglich die Lücken füllen, die beispielsweise das Fehlen von Milchprodukten in der Ernährung hinterlässt. Veganer zum Beispiel haben einen Mangel an Vitamin B12, wenn sie über einen längeren Zeitraum von mehreren Monaten oder Jahren keine tierischen Produkte essen.

Vitamin A

Nehmen Schwangere in den ersten Wochen zu viel Vitamin A zu sich, kann das Kind in seiner Entwicklung gestört werden.

Vitamin D

Vitamin D nimmt eine Sonderrolle unter den Vitaminen ein, da hierzulande nur etwa zehn bis 20 Prozent über die Nahrung aufgenommen und 80 bis 90 Prozent durch UVB-Licht in der Haut gebildet werden. Deshalb ist es wichtig, möglichst täglich für eine halbe Stunde Sonnenstrahlen an die Haut kommen zu lassen.  

Mit steigendem Alter kann die Haut schlechter Vitamin D bilden. Deshalb empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Ernährung vor allem Senioren über 65 Jahren, die wenig Zeit im Freien verbringen, das Vitamin nach Absprache mit dem Arzt zu supplementieren. Gleiches gilt für bewegungseingeschränkte, chronisch kranke und pflegebedürftige ältere Menschen.

Calcium

Ein niedriger Vitamin D-Spiegel verringert auch die Aufnahme von Calcium aus dem Darm. Beide Nährstoffe sind wichtig für die Funktion der Skelettmuskulatur. Etwa ab dem 35. Lebensjahr überwiegt der Knochenabbau. Es wird kaum noch Calcium eingelagert, die Knochenmasse nimmt kontinuierlich ab. Eine Überdosierung von Calcium kann allerdings langfristig zu Nierensteinen führen.

Folat

Folat ist für die Zellteilung und das Wachstum verantwortlich. Zu Beginn der Schwangerschaft ist eine Nahrungsergänzung sinnvoll. Folat spielt bei der Zellteilung eine wichtige Rolle und ist an vielen Wachstums- und Entwicklungsprozessen im Organismus beteiligt.

Die industriell hergestellte Form des Vitamins wird Folsäure genannt. Folat ist einer der wenigen Nährstoffe, mit denen die Menschen in Deutschland nicht optimal versorgt sind.

Beta-Carotin

Raucher sollte keine Beta-Carotin-haltigen Nahrungsergänzungsmittel einnehmen. Bei Rauchern wurde unter Einnahme von Beta-Carotin ein erhöhtes Lungenkrebsrisiko und eine erhöhte Sterblichkeit beobachtet.

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