In Deutschland heimisches Gemüse (Foto: pixabay/ikon)

Bio ist nicht automatisch nachhaltig

Das Interview führte Leonie Rottmann   23.03.2019 | 12:27 Uhr

Nachhaltigkeit ist in allen Lebensbereichen wichtig – auch die Ernährung spielt dabei eine große Rolle. Vom Transport der Nahrungsmittel über die Verpackung und Verarbeitung bis hin zum Konsum: Wie jeder einen Teil beisteuern kann, den ökologischen Fußabdruck zu verkleinern, erklärt Theresia Weimar-Ehl, Ernährungsreferentin der Verbraucherzentrale des Saarlandes.


SR.de: Frau Weimar-Ehl, in einer Überflussgesellschaft kann man schnell den Bezug zu Lebensmitteln verlieren, weil sie immer und in ausreichender Menge vorhanden sind. Was bedeutet es, sich nachhaltig zu ernähren?

Weimar-Ehl: Zukunftsfähig wirtschaften heißt konkret: Wir müssen unseren Kindern und Enkelkindern ein intaktes ökologisches, soziales und ökonomisches Gefüge hinterlassen. Dabei ist das eine ohne das andere nicht zu realisieren. Als Synonym für „Nachhaltigkeit“ wird manchmal der Begriff „Ethischer Konsum“ verwendet. Also die Idee, über Kaufentscheidungen die eigenen Wertvorstellungen auszudrücken, verantwortlich zu handeln und die Ökobilanz zu verbessern.

SR.de: Wie kann man mit einfachen Mitteln nachhaltig essen und trinken?

Weimar-Ehl: Grundsätzlich sollte man pflanzliche Kost bevorzugen. Darüber hinaus sollten vorrangig saisonale und regionale Produkte gekauft und verzehrt werden und möglichst auf Bio-Lebensmittel zurückgegriffen werden. Nachhaltiger Konsum hat aber auch viel mit der Einstellung zu tun: Verbraucher sollten Lebensmittel wertschätzen und vor allem nicht verschwenden. Wer zum Beispiel selbst und frisch kocht, setzt sich automatisch mit den Nahrungsmitteln auseinander.

SR.de: Was ist beim Konsum von Fleisch zu beachten?

Weimar-Ehl: Die Produktion von Fleisch, Wurst und anderen tierischen Produkten wie Milch und Eiern ist besonders energieaufwendig und klimabelastend. Es sind durchschnittlich sieben Kilokalorien Futtermittel notwendig, um eine Kilokalorie tierische Lebensmittel zu erzeugen. Beim Fleisch empfiehlt sich also,weniger davon zu essen – auch aus gesundheitlichen Gründen –, auf tierschutzgerechte Haltung zu achten und regional einzukaufen.  

Entstehende Treibhausgase

Pro Kilogramm Fleisch: 14 Kilogramm CO2

Pro Kilogramm Obst: Weniger als 500 Gramm CO2

Pro Kilogramm Gemüse: 150 Gramm CO2

SR.de: Inwieweit wird die Umwelt durch den Verzehr von tierischen Produkten belastet?

Weimar-Ehl: Hoher Fleischkonsum fördert die Massentierhaltung mit der daraus resultierenden nicht-artgerechten Tierhaltung und Tierleid. Die Überdüngung der Felder durch Nitrateintrag über die Gülle belastet das Grundwasser. In der Massentierhaltung werden Antibiotika eingesetzt, woraus resistente Bakterien folgen. Außerdem ist ein hoher Wasserverbrauch in der Landwirtschaft für die Produktion von Tierfutter nicht zu vermeiden.   

SR.de: Wie ist die Ökobilanz bei Fastfood?

Produktionsschritte von Lebensmitteln

Weimar-Ehl: Bei Fastfood gibt es einen hohen Grad der Verarbeitung, der zu einem hohen Energieverbrauch führt. Sowohl die Herstellung als auch die Lagerung und die Verpackung sind wenig nachhaltig. Lebensmittel, die wenig verarbeitet sind, sind generell besser für das Klima. Dementsprechend sind Pellkartoffeln besser als Chips. Auch aus gesundheitlichen Gründen sind wenig bis gar nicht verarbeitete Produkte vorzuziehen, weil sie weniger Fett, Zucker oder Salz enthalten.

SR.de: Wo sollten Verbraucher aufpassen?

Weimar-Ehl: Manche Firmen bauen sich gerne ein grünes Image auf, um fragwürdige Produkte besser zu verkaufen. Wir sprechen von „Green-Washing“. Typischerweise werden dabei Merkmale herausgestellt, die zwar umweltfreundlich sind, aber auch negative Eigenschaften haben, wie Kinderlebensmittel mit Bio-Zutaten aber einem hohen Zuckeranteil. „Umweltschonender Anbau“ und „kontrollierter Anbau“ sind schwammige, nicht geschützte Begriffe, die den Konsumenten eher verwirren, als dass sie helfen.

Es gibt auch Produkte, bei denen eine richtige, aber nicht relevante Eigenschaft betont wird. Das können zum Beispiel recycelbare Verpackungen sein, obwohl das Produkt selbst energieaufwendig erzeugt wurde. Außerdem sind „grün“ angehauchte Produkte wie „Soja aus regenwaldschonendem Anbau“ manchmal ein Täuschungsversuch der Industrie, Nachhaltigkeit zu vermitteln, obwohl es die Produkte nicht sind. Denn Sojabohnen müssen trotzdem meistens weit reisen, bis sie bei uns ankommen.

SR.de: Vielen Dank für das Gespräch.

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