ARD Themenwoche - Woran glaubst Du?: Eine junge Frau kniet in einem Beichtstuhl. (Foto: Picture alliance/dpa)

"Es wird wieder mehr gebeichtet"

Ein Interview von Kasia Hummel   13.06.2017 | 08:30 Uhr

Ich habe gesündigt und bereue - Darum geht es bei der Beichte. In Zeiten, in denen immer mehr Menschen der Kirche den Rücken kehren, stellt sich die Frage, wie zeitgemäß überhaupt noch die Sakramente sind. Während der Verdacht nahe liegt, dass kaum noch einer beichtet, macht Jugendpfarrer Christian Heinz hingegen ganz andere Erfahrungen.

Christian Heinz ist 36 Jahre alt, seit elf Jahren Pfarrer und Religionslehrer an der katholischen Fachschule für Sozialpädagogik. Neben seiner Tätigkeit in der Basilika St. Johann, den Kirchen St. Jakob und Christkönig, ist er außerdem Schulpfarrer an der Marienschule in Saarbrücken und Leiter der Jugendkirche eli.ja in Saarbrücken.


Jugend- und Schulpfarrer Christian Heinz  (Foto: Pressefoto)
Jugend- und Schulpfarrer Christian Heinz

SR.de: In Zeiten, in denen sich Kirchenaustritte häufen, stellt sich die Frage nach der Bedeutung der Sakramente. Wird zum Beispiel noch viel gebeichtet?

Christian Heinz: Ich würde sagen, es wird wieder mehr gebeichtet. Aber es wird auch anders gebeichtet. Meine Generation kennt die Beichte ja schon gar nicht mehr. Die ist schon seit Jahrzehnten mehr oder weniger weg. Aber wie das mit Dingen so ist, die mal weg sind – irgendwann werden sie nochmal attraktiv.

ARD Themenwoche
Woran glaubst du?
So vielfältig wie das Thema „Glaube“ selbst sind die Programmangebote zur ARD Themenwoche 2017 von Sonntag, 11. Juni, bis Samstag, 17. Juni, mit dem Titel „Woran glaubst du“ in Hörfunk, Fernsehen und Online der Landesrundfunkanstalten. Alle Infos gibt es hier.

SR.de: Sie sagen, es wird anders gebeichtet. Was meinen Sie damit?

Heinz: Früher gab es die sogenannte Andachtsbeichte: Man geht zum Beispiel jeden Samstag in die Kirche, in den Beichtstuhl und bekennt seine Sünden. Heute ist es anders: Entweder es passiert aus der Gelegenheit heraus oder man macht es sehr überlegt. Ersteres erlebe ich oft auf Freizeiten mit Jugendlichen, wenn wir zum Beispiel in Italien unterwegs sind. Gibt es in einer Kathedrale eine Beichtgelegenheit auf deutsch, höre ich oft: „Gut, dann gehe ich da mal hin und gucke, was dann passiert.“ Auch Menschen, die vorher noch nie gebeichtet haben, nehmen solche Gelegenheiten dann wahr.

Es gibt aber auch die, die sehr überlegt an die Beichte herangehen. Die suchen sich denjenigen aus, der die Beichte hören soll und machen einen Termin mit ihm aus.

SR.de: Warum wird Ihrer Meinung nach wieder mehr gebeichtet?

Heinz: Weil Schuld immer ein Thema ist. Die Menschen fragen sich: Wem kann ich mich anvertrauen, wo ich relativ sicher sein kann, dass der das nicht weiter verrät? Das Thema ist: "Ich habe Fehler gemacht und bitte um Verzeihung".

Viele Gemeinden haben auch wieder eingeführt, dass die Erstkommunionkinder im Rahmen der Kommunionsvorbereitung zur Erstbeichte gehen. Manchmal fragt man sich schon: Was hat denn ein Kind zu beichten? Rechtlich gesehen haben hoffentlich die wenigsten Menschen etwas zu beichten. Entscheidend ist aber, was man bereut. Was ich bereue, tut mir auch irgendwie leid. Und da finden auch Kinder etwas. Sie haben beispielsweise etwas geklaut oder hatten Streit mit der Freundin - da erinnert sich also ein 8- oder 9-Jähriger und beschreibt Situationen aus dem Alltag, die ihm bis heute leid tun.

SR.de: Mit welchen konkreten Problemen kommen die Menschen zur Beichte?

Heinz: Die Anliegen sind ganz unterschiedlich. Es geht um Themen wie Beziehung, Kinder, aber auch nicht geborene Kinder. So besteht beispielsweise bei vielen nach einer Abtreibung das Bedürfnis, irgendwie ins Reine zu kommen. Zudem ist der Katalog der Sünden individueller geworden. Es gibt durchaus Dinge, die eigentlich - auch nach Ansicht der Kirche - nicht gebeichtet werden müssten, die die Menschen aber trotzdem belasten und die sich eine Erleichterung wünschen. Mit Blick auf das eigene Leben geht es also um die Frage: Was bereue ich eigentlich? Was tut mir leid? Jeder mit Herz und Verstand befasst sich mit solchen Fragen.

SR.de: Gibt es Zeiträume, in denen viel gebeichtet wird?

Heinz: Die Hochzeiten sind immer vor Ostern. In Saarbrücken hat das mit dem Mix aus Kulturen und religiösen Hintergründen zu tun. So gibt es an der Uni und der HTW viele junge Leute, die nicht aus Deutschland kommen. Sie haben einen anderen spirituellen Background und wollen vor Ostern nochmal beichten. Weihnachten und andere besondere Feste sind für manche Menschen Anlässe, an denen sie das Bedürfnis haben, zu beichten.

SR.de: Vielen Dank für das Gespräch.

Über die Themenwoche wird vom 11. bis zum 17. Juni in allen Hörfunkprogrammen des SR und im SR Fernsehen berichtet.

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