Ein Mann riecht an Frühlingsblumen (Foto: dpa)

Anosmie – Plötzlich nichts mehr riechen

Christoph Stein   13.05.2018 | 08:32 Uhr

Viele Menschen kennen das: Bei einer starken Erkältung riecht und schmeckt man plötzlich nichts mehr. Doch nicht immer kehrt der Geruchssinn zurück.

Für Axel B. hat sich alles verändert. Was bei Autoabgasen oder Babywindeln als Segen erscheint, ist ein Fluch für Genießer. „Für mich schmeckt Kaffee mittlerweile wie Gülle“ erzählt Axel. Er hat für sein Leben gerne Kaffee getrunken, doch die Grippewelle Anfang des Jahres hat sein Leben auf den Kopf gestellt.

Was eine Grippe anrichten kann

Axels Nasenschleimhäute wurden durch die Grippe so stark in Mitleidenschaft gezogen, dass er nichts mehr riechen konnte. Die Grippe war eine Woche später vorbei – Riechen konnte er trotzdem nichts: „Dass etwas nicht stimmt, habe ich erst bemerkt, als ich im Supermarkt an der Kasse stand und die Kassiererin mich darauf aufmerksam machte, dass meine Kartoffeln faulig riechen.“ Axel konnte im wahrsten Sinne des Wortes nicht riechen, dass sein Einkauf nicht in Ordnung ist.

Dass mit solchen Situationen nicht zu spaßen ist, sagt auch der saarländische Neurobiologe Frank Zufall: „Nicht riechen können ist gefährlich“, warnt er . Gefahren wie schlecht gewordene Lebensmittel, gefährliche Gase oder auch einen Brand könnte ein Mensch ohne Geruchssinn nicht erkennen. Frank Zufall weiß wovon er redet, er hat im Rahmen seiner Forschungen viele Gespräche mit Anosmie-Erkrankten geführt. Er forscht nämlich an einem Heilmittel für Menschen, die von Geburt an nicht riechen können, da sie mit einem Gendefekt geboren wurden. Ihnen will er später mit einem gendefektreparierenden Nasenspray helfen können.

Behandlungsmöglichkeiten

Ein Mann hält sich die Nase zu. (Foto: dpa-Bildfunk/Oliver Berg)

Die Folgen einer Anosmie sind weitreichend: Essen und Trinken kann man nicht mehr genießen, sogar in Sachen Sex berichten Patienten von Problemen, weil sie ihren Partner nicht mehr riechen können, erklärt Dr. Tien Trinh. Er ist chinesischer Mediziner, der in seiner Illinger Praxis Heilmethoden der traditionellen chinesischen Medizin anwendet, um Patienten zu helfen. Momentan behandelt er drei riechgestörte Patienten mit Akupunkturnadeln und Kräutern. Laut Axel B. mit Erfolg, denn mittlerweile riecht er wieder etwas, aber nicht so wie vorher. Die Dinge riechen nun anders, vieles stinkt. Hinzu komme ein „übler Phantomgeruch“ der gar nicht da ist.

 (Foto: picture alliance/dpa-Bildfunk/Matthias Hiekel)

Dr. Basel Al-Kadah kennt diese Symptome, sie sind für ihn keine Seltenheit.  Er ist Oberarzt der Hals-Nasen-Ohren-Abteilung des Universitätsklinikums in Homburg und behandelt regelmäßig Anosmie-Patienten. „Die Verschaltung der Nerven bei einer Regeneration des Riechorgans ist unter Umständen nicht mehr richtig“, deshalb muss der Betroffene Gerüche erst einmal neu kennenlernen und diese wieder richtig assoziieren. Dies wird mit speziellen „sniff sticks“ gemacht, einem Stifte-Set mit typischen Gerüchen. „Diese werden auch genutzt, um überhaupt erst einmal eine Diagnose stellen zu können“, sagt Al-Kadah.

Es gibt laut Al-Kadah drei Arten von Anosmie: „angeborene, entzündliche und unfallbedingte.“ Behandeln kann man im Grunde nur die entzündliche Anosmie, also die, die durch Grippe oder Polypen hervorgerufen wird. „Wir versuchen immer erst konservativ zu behandeln, verschreiben ein Cortisonspray, Spülungen und Vitamine." Handelt es sich um Nasenpolypen, werden diese oft operativ entfernt. „Die OP hilft aber nur kurzfristig, nach ca. zwei Jahren kommen die Patienten wieder, weil sie nicht riechen können, dann sind die Polypen nachgewachsen.“

Heilung kann teuer und langwierig sein

Während Dr. Al-Kadahs Heilungsansätze von der Krankenkasse gezahlt werden, müssen die Behandlungen der traditionellen chinesischen Medizin von Dr. Trinh aus eigener Tasche gezahlt werden. Die generellen Heilungschancen einer Anosmie nach einer Grippe oder Erkältung sind übrigens recht gut, rund 90 Prozent der Patienten erlangen ihren Geruchssinn zurück. „Meist riecht man nach drei bis sechs Monaten wieder etwas, es kann aber auch bis zu einem Jahr dauern“, sagt Al-Kadah.

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