Luxemburgische und europäische Fahnen wehen in der Stadt Luxemburg. (Foto: dpa)

Situation in Luxemburg spitzt sich zu

dpa   01.11.2020 | 21:04 Uhr

Eine neue Corona-Welle hat Luxemburg mit Wucht erreicht. Die sogenannte Inzidenzrate liegt gut fünf Mal so hoch wie in Deutschland: Das Land versucht massiv gegenzusteuern. Manchen kommen die „Wellenbrecher“ zu spät.

Luxemburg ist in Alarmstimmung. Die Zahl der Corona-Neuinfektionen schnellt in die Höhe, die Kliniken melden eine zunehmende Auslastung der Klinikbetten. „Wir sind in einem Marathon“, sagte die luxemburgische Gesundheitsministerin Paulette Lenert. Die Beschäftigten im Gesundheitssektor seien in der Pandemie schwer belastet und „ausgelaugt“. „Wir müssen alle zusammenstehen und zusammenhalten“, rief sie die Bevölkerung auf.

Zahl der Neuinfektionen fast verdreifacht

Die neue Corona-Welle schwappt mit Wucht über das mit gut 600.000 Einwohnern zweitkleinste Land der EU. Die Zahl der Neuinfektionen hat sich jüngst innerhalb einer Woche fast verdreifacht. Und die sogenannte Inzidenzrate, also die Zahl der Neuinfektionen binnen sieben Tagen pro 100.000 Einwohner, stieg auf 541 (19. bis 25. Oktober). Zum Vergleich: In Deutschland lag die Quote laut Robert Koch-Institut zuletzt bei knapp 105 (Stand 30. Oktober).

„Die Lage bleibt ernst“, sagte der stellvertretende Sprecher der Covid-19-Task-Force in Luxemburg, Paul Wilmes. Seit drei Wochen sei ein exponentielles Wachstum bei den Fallzahlen zu beobachten, das sich in der vorletzten Woche beschleunigt habe. Auch wenn sich das Tempo in der nun ablaufenden Woche etwas verlangsamte: „Wir haben eine hohe Schwelle, von der es recht schnell wieder nach oben schießen kann.“ Man gehe von einer Dunkelziffer aus, die viermal so hoch liege, so der Professor.

Ausgangssperre und Maskenpflicht

„Das ist eine schwere Situation für uns alle“, sagte Luxemburgs Premierminister Xavier Bettel. Um die Welle zu brechen, hat das Land einschneidende Maßnahmen ergriffen: Seit Freitag gilt eine generelle Ausgangssperre zwischen 23.00 und 6.00 Uhr – mit Ausnahmen unter anderem für Berufstätige oder Menschen, die zum Arzt gehen müssen. Hinzu kommt eine verstärkte Maskenpflicht: Sie gilt immer dort, wo mehr als vier Personen zusammentreffen. In Restaurants dürfen nur noch vier Personen pro Tisch Platz nehmen – nach Hause auch nur noch maximal vier Gäste kommen.

In Geschäften mit einer Verkaufsfläche von mindestens 400 Quadratmetern ist nur noch ein Kunde pro 10 Quadratmetern erlaubt. Diese Einschränkungen gelten bis Jahresende, die Ausgangssperre ist bis Ende November befristet. „Wir wollen alles tun, um einen Lockdown zu verhindern“, sagte Bettel.

Regierung prüft Wirksamkeit

Mittwoch nächster Woche werde ein „Moment der Wahrheit“ sein, um zu prüfen, ob die neuen Restriktionen und Aufrufe Wirkung zeigten. Mögliche weitere Maßnahmen seien nicht auszuschließen.

Die Polizei hat Kontrollen angekündigt. Es solle mehr nächtliche Streifen geben, sagte der Generaldirektor der Polizei, Philippe Schrantz. Im Fokus stehen die Einhaltung der Sperrstunde und der Vorschriften in der Gastronomie sowie illegale Partys.

Wilmes: Luxemburg erlebt schon dritte Welle

In Luxemburg gebe es mit der Vierer-Regel im Vergleich zu Deutschland einen größeren Einschnitt in die sozialen Kontakte, sagte Professor Wilmes. Luxemburg erlebe schließlich bereits eine dritte Welle. Und: „Von den Fallzahlen ist sie sicherlich heftiger als die erste.“ Im Frühjahr habe man um die 250 Neuinfektionen pro Tag gehabt, jetzt habe man an manchen Tagen bei Zahlen über 800 gelegen. Man müsse aber bedenken: Es werde jetzt auch viel mehr getestet.

Kritik von Opposition

Wegen der stark steigenden Fallzahlen in Luxemburg gehen manchen die Maßnahmen dort aber nicht weit genug. Mediziner Jean Reuter, der auf der Intensivstation des hauptstädtischen Krankenhauses CHL arbeitet, twitterte an die Adresse des Gesundheitsministerium: „Sehen Sie die Mauer, die vor uns steht? Wann kommt der Lockdown?“

Der Sprecher der oppositionellen Christsozialen (CSV), Claude Wiseler, sagte: „Wir sind mitten in einer zweiten Welle. Genau dort, wo wir nicht hinwollten.“ Die Kontaktverfolgung funktioniere nicht mehr. „Das Virus ist nicht mehr unter Kontrolle.“ Die Regierung von Liberalen, Grünen und Sozialdemokraten habe „viel zu spät“ reagiert.

Über 17.000 Infektionen

Seit Beginn der Pandemie haben sich in Luxemburg 17.134 Einwohner mit dem Virus angesteckt. 152 Menschen sind bislang in Verbindung mit Covid-19 gestorben. 150 Menschen befinden sich in Kliniken, davon 24 auf Intensivstationen (Stand 30. Oktober). Patientenbesuche in den Krankenhäusern sind nicht mehr erlaubt.

Der Betrieb in Schulen läuft weiter: Coronabedingt fallen aber immer mehr Lehrer aus. Das Bildungsministerium versucht, über Ersatzkräfte die Ausfälle zu kompensieren – die Lehrergewerkschaft Féduse fordert eine generelle Maskenpflicht in Schulen und wieder mehr Homeschooling.

Studentisches Leben heruntergefahren

An der Universität Luxemburg ist das studentische Leben weitgehend heruntergefahren worden. Seit vergangenen Montag gebe es auf dem Campus in Esch-sur-Alzette keine Präsenzveranstaltungen mehr, sagte der Sprecher der Studenten-Union der Uni Luxemburg, Vidiam Moreau. Dies gelte zunächst für einen Monat, könnte aber je nach Lage verlängert werden.

Die Studenten-Lounge sei geschlossen worden, die Uni-Bibliothek dürfte nur 100 Studenten aufnehmen. „Die Situation ist für die Studenten eine Riesen-Belastung“, sagte Moreau, der Rechtswissenschaften studiert. Besonders schlimm sei es für die Erstsemester – alles nur online und mit wenigen Kontakten. „Das ist nicht das Studentenleben, das man sich wünscht.“

Viele Infektionen in Esch

Im Kanton Esch/Alzette an der Grenze zu Frankreich sind die Zahlen der Corona-Neuninfektionen besonders hoch. Luxemburg war im September vom Robert Koch-Institut (RKI) zum Corona-Risikogebiet erklärt worden. Diesen Status hatte das Großherzogtum schon von Mitte Juli bis Mitte August inne.

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