Passanten tragen auch im Freien Masken. (Foto: Imago Images/Zuma Wire)

Warum steigen in Frankreich die Corona-Zahlen?

Marcel Wagner, ARD-Studio Paris   08.09.2020 | 13:07 Uhr

Mehr als 30.000 Opfer in Verbindung mit Corona und ein teilweise überlastetes Gesundheitssystem brachten Frankreich einen der striktesten Lockdowns in Europa ein. Inzwischen sind die Ausgangsbeschränkungen Geschichte und die Infektionszahlen steigen immer stärker an. Das ganze Land fragt sich: Warum? Und was tun?

Die Zahlen sind schlecht. Sehr schlecht sogar, um genau zu sein. 25.000 bestätigte Corona-Fälle gab es in Frankreich über das vergangene Wochenende. So etwas hat es selbst zu Hochzeiten der Pandemie nicht gegeben. Im offiziellen Lagebericht der Gesundheitsbehörde ist gar von einer exponentiellen Entwicklung bei der Übertragung des Virus die Rede.

Da gab es für Gesundheitsminister Olivier Véran wenig zu beschönigen: „Wir sehen aktuell ohne Zweifel ein Wiederaufflammen, einen Anstieg bei der Verbreitung des Virus.“ Dennoch wollte der Minister, selbst Arzt, die Lage nicht überdramatisieren. Auch wenn die Zahl der Covid-19-Patienten in Krankenhäusern und Intensivstationen wieder ansteige, seien die Voraussetzungen aktuell anders als noch vor wenigen Monaten.

Niedrigerer R-Wert

Véran verweist etwa auf den R-Wert, also die Zahl der Übertragungen pro Infiziertem: „Auf dem Höhepunkt lag dieser R-Wert bei 3,4. Heute liegt der Wert trotz Wiederaufflammens bei 1,3. Wir haben genug Masken, wir haben genug Tests. Wir waschen uns die Hände und vermeiden Sozialkontakte. So gesehen verläuft die Epidemie jetzt anders.“

Der Minister sieht das auch als Erfolg der Regierung an. Die hat die Zahl der Tests in Frankreich in den vergangenen Monaten massiv erhöht. Rund eine Million Abstriche werden aktuell pro Woche durchgeführt.

Angesichts der rasant steigenden Zahlen gilt in vielen Groß- und mittlerweile auch kleineren Städten wie Paris, Marseille oder auch Straßburg eine generelle Maskenpflicht, sogar unter freiem Himmel. Die wurde von örtlichen Gerichten zuletzt zwar infrage gestellt, am Wochenende aber vom Staatsrat, dem obersten Gericht, als zulässig eingestuft.

Behörden scheinen überfordert

Trotzdem reißt die Kritik vieler Mediziner und Infektologen im Land am Krisenmanagement der Regierung nicht ab. „Wenn man das Testergebnis acht Tage nach Beginn der Symptome erhält, ist man längst nicht mehr ansteckend. Dann bringt auch die Isolierung nichts mehr. So führen die vielen Tests auch nicht zur Verminderung der Fälle“, bemängelt etwa die Infektologin Anne-Marie Crémieux im Radiosender France Info.

In der Tat berichten viele Menschen, dass sie selbst mit Symptomen mehrere Tage auf einen Termin für einen Test warten müssen. Auch bei der Nachverfolgung von Kontakten bestätigter Corona-Fälle scheinen die Behörden nicht hinterherzukommen. Und trotz scharfer Maskenpflicht im offenen Raum finden in geschlossenen Räumen weiter Familienfeiern statt. Es mehren sich sogar Berichte, nach denen Diskotheken und Clubs in einige Großstädten heimlich öffnen.

Die Regierung hat nun mehrere Departements, darunter Bas-Rhin an der deutschen Grenze, zu Risikogebieten erklärt, um gegebenenfalls regional härtere Maßnahmen ergreifen zu können. Denn eins stellte Gesundheitsminister Olivier Véran auch am Wochenende noch einmal klar: „Einen weiteren generellen Lockdown will ich nicht in Betracht ziehen.“

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