Absperrband der Polizei liegt auf der Brücke, die das saarländische Kleinblittersdorf mit dem französischen Grosbliederstroff verbindet am Boden (Foto: picture alliance/Oliver Dietze/dpa)

Wie Corona das Miteinander in der Großregion beeinflusst

Leonie Rottmann   22.01.2021 | 09:00 Uhr

Zwei Länder, die sich in der Geschichte immer wieder in Kriegen gegenüberstanden, haben heute eine besondere Beziehung: Die deutsch-französische Freundschaft ist vor allem in der Grenzregion zwischen dem Saarland und der Region Grand Est in Frankreich stark. Doch seit einem Jahr steht sie vor einer Zerreißprobe: Das Coronavirus kennt keine Ländergrenzen – aber es hat die Freundschaft an die Grenzen gebracht.

Von den eigenen Kindern getrennt, kein Übergang an den Grenzen, der Arbeitsplatz nicht mehr erreichbar – ein historischer Tag hat das Leben in der Grenzregion im Saarland und der benachbarten französischen Region Grand Est schlagartig verändert.

Die Freundschaft, die die Menschen dort über die Grenze hinweg verbindet, wurde auf die Probe gestellt: Am 11. März 2020 nahm das Robert-Koch-Institut die Region Grand Est in die Liste der Corona-Risikogebiete auf – kurz darauf wurde der Grenzübertritt deutlich eingeschränkt. Plötzlich wurden Grenzen sichtbar, die es schon lange nicht mehr gab. „Die einseitig beschlossene Grenzschließung war ein riesiger Schock, insbesondere auf französischer Seite“, erinnert sich Tanja Michael, Inhaberin des Lehrstuhls Klinische Psychologie und Psychotherapie der Universität des Saarlandes.

Zu diesem Zeitpunkt war das Virus bereits im Saarland angekommen. „Alle haben verstanden, dass es Maßnahmen geben musste, aber in Frankreich hatte man das Gefühl, dass die Deutschen glauben wollten, dass sie verschont bleiben würden, wenn nur die Franzosen nicht ins Land gelassen würden“, so Michael.

Eine Belastungsprobe

Mit einem Fuß in Grand Est, mit dem anderen im Saarland – viele Deutsche wohnen in Frankreich, arbeiten aber in Deutschland und haben sowohl Freunde im Saarland als auch in Grand Est. Genauso andersherum. Die Unterscheidung zwischen Franzosen und Deutschen gibt es kaum: Unterschieden wird, wenn überhaupt, nach dem Wohnsitz.

„Für viele Menschen ist die Region genauso wichtig für die Identität wie ihre Nationalität. Es gibt viele geteilte Traditionen, regionale Gerichte und andere Gemeinsamkeiten“, erzählt Tanja Michael, die auch als Psychotherapeutin arbeitet. Sie selbst wohnt in Frankreich und ist mit einem Franzosen verheiratet. „Für mich als Deutsche ist besonders auffällig, dass die Franzosen hier den Deutschen sehr freundlich begegnen. Das ist nicht überall in Frankreich der Fall.“

Doch mit den Grenzschließungen hat sich das Miteinander geändert: In Deutschland wurden Mitarbeiter, die ihren Wohnsitz in Frankreich haben, zunächst nach Hause geschickt. Schüler wurden mitten im Unterricht der Schule verwiesen. „Es gibt unzählige Beispiele von Kindern, Jugendlichen und erwachsenen Arbeitnehmern, die ausgegrenzt, beschämt oder angefeindet wurden, weil sie in Grand Est wohnen“, erklärt die Psychotherapeutin. Die Grenzschließung habe damit eine „Wir-Ihr“-Realität geschaffen, die es in dieser Form schon lange nicht mehr gab. Dennoch habe es Verständnis für die Maßnahmen gegeben. „Man hätte sich bessere Kommunikation und mehr Augenmaß gewünscht.“

Freundschaft der Nachkriegszeit

Die Freundschaft ist auch historisch bedingt, erklärt Wolfgang Meyer, Soziologe an der Saar-Uni. „Durch den Bergbau gab es spätestens seit Beginn der Industrialisierung Gemeinsamkeiten und grenzüberschreitenden Handel. Außerdem gibt es im Gegensatz zu anderen Grenzregionen keine natürlichen Grenzen.“ Besonders wichtig war das Ende des Zweiten Weltkriegs. „Von keiner anderen Region ging ein ähnlich starker Impuls zur Aussöhnung und Annäherung aus.“

Das Deutsch-Französische Gymnasium (DFG) Saarbrücken stammt ebenfalls aus dieser Zeit: Es ist aus einer französischen Schule der saarländischen Nachkriegszeit in den 50er-Jahren hervorgegangen. Schüler, Kollegium und Schulleitung kommen sowohl aus Deutschland als auch aus Frankreich. „In der Schule geht es darum, sich gegenseitig kennenzulernen, voneinander zu lernen, Spezifitäten und die jeweiligen Stärken zusammenzuführen und zu optimieren, ohne dabei zu verwässern“, sagt Stefan Hauter, Schulleiter des DFG Saarbrücken. Die deutsch-französische Freundschaft sei der Motor Europas: „Sie steht für kulturelle und sprachliche Weltoffenheit und damit letztendlich für Friedenserziehung.“

Auch Wolfgang Meyer sieht die Großregion als „Herz Europas“. Die Öffnung der Grenzen habe nicht nur durch Zufall ihren Ausgangspunkt in dieser Region gehabt. Durch die starke grenzüberschreitende Verflechtung sind persönliche Kontakte und Freundschaften entstanden. Der Soziologe erzählt zudem von einer „grenzüberschreitenden Normalität“ – damit gemeint sind zum Beispiel ÖPNV-Verbindungen sowie Rad- und Wanderwege, die beide Regionen miteinander verbinden.

Die Pandemie zeigt Unterschiede

Aber auch die im Saarland geltenden Ausgangsbeschränkungen und der noch viel strengere Lockdown in Frankreich zerrten an den Menschen. „Es gab Fälle, in denen Eltern ihre Kinder nicht sehen konnten, da sie mit dem Ex-Partner auf der anderen Seite der Grenze leben. Paare konnten sich nicht sehen. Menschen, die in Quarantäne waren, konnten sich kein Essen vor die Tür bringen lassen“, zählt Tanja Michael einige Folgen auf. Viele Menschen waren verzweifelt, hatten Angst oder waren frustriert.

In Frankreich lebende deutsche Staatsbürger wurden sogar von der Gesundheitsversorgung abgeschnitten – auch Tanja Michael. Die Psychotherapeutin ist nur in Deutschland krankenversichert. Anfangs wurde ihr untersagt, in Deutschland einen Arzt aufzusuchen. „Ich kenne viele Deutsche, die in der Pandemie extreme Angst vor irgendeiner Krankheit hatten, da sie nicht wussten, ob sie zu ihren Ärzten gehen durften.“

Mittlerweile dürfen beispielsweise Verwandte ersten Grades, Kinder sowie Ehegatten oder Lebensgefährten im Saarland besucht werden. Auch Besuche in Grand Est sind möglich. „Dass die Politik derzeit nicht mit Grenzschließungen agiert, hat nicht nur mit der offenkundigen Wirkungslosigkeit der Maßnahme zu tun, sondern auch der großen lokalen Ablehnung“, sagt Wolfgang Meyer. Das sei erfreulich: Die grenzüberschreitende Freundschaft habe der Grenzschließung so negativ entgegengestanden, dass nun die Politiker davor zurückschreckten.

Füreinander und Miteinander

Die Coronapandemie hat auch gezeigt, wie eng die Länder zusammenarbeiten. So wurden Patienten aus Grand Est in saarländischen Krankenhäusern behandelt, als das Gesundheitssystem in Frankreich zu kollabieren drohte. „Das war sehr wichtig und wird den Deutschen auf französischer Seite hoch angerechnet“, sagt Tanja Michael. Sie ist sich sicher, dass es diese nachbarschaftliche Hilfe auch von französischer Seite aus geben würde.

Das bestätigt auch die Geschichte: „Es gab in der Region eine Reihe von Bergbauunfällen, nach denen immer wieder Hilfskräfte aus den Nachbargebieten einbezogen und Verletzte in Krankenhäusern versorgt wurden“, erklärt der Soziologe Wolfgang Meyer. „Generell sind grenzüberschreitende, solidarische Hilfsmaßnahmen selbst in Kriegssituationen nicht außergewöhnlich.“

Die Freundschaft ist stärker als das Virus

Meyer glaubt nicht, dass die Pandemie langfristige Auswirkungen auf die Freundschaft haben wird. Er befürchtet eher dramatische Folgen durch Firmensterben, wenn zum Beispiel in Frankreich lebende Menschen nicht mehr in der Saarbrücker Innenstadt einkaufen gehen. Wenn Lothringer ihren Arbeitsplatz im Saarland verlieren und die deutsche Politik dafür verantwortlich machen. Offen sei auch, wie Sport- und Freizeitvereine über die Grenzen hinweg in Zukunft funktionieren werden.

Auch Tanja Michael glaubt, die deutsch-französische Freundschaft sei stark genug, um die Pandemie zu überstehen. Die in der zweiten Welle offenen Grenzen hätten den Menschen Vertrauen zurückgegeben. Eine erneute Schließung wäre eine Zerreißprobe für die Freundschaft: „Die Grenzschließungen haben leider gezeigt, wie schnell nationalistisches Denken zurückkommt. Jede weitere Grenzschließung auf beiden Seiten würde dies befeuern. Das wäre das letzte, was die Welt momentan braucht.“

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