Passanten in einer Fußgängerzone (Foto: picture alliance/Sebastian Gollnow/dpa)

Städte und ländliche Regionen vor großen Herausforderungen

Frederic Graus   07.11.2021 | 06:00 Uhr

Wie wollen wir künftig leben? Sowohl Städte als auch ländliche Regionen im Saarland stehen vor großen Herausforderungen. Deshalb rücken zum Beispiele sogenannte Sharing-Systeme immer stärker in den Fokus – ob in Sachen Mobilität oder bei der Besorgung von Lebensmitteln. Im SR-Interview spricht ein Experte über die Probleme der Zukunft und mögliche Lösungen.

"Die Bevölkerung im Saarland ist stark überaltert", sagt Hans Peter Dörrenbächer. Der Professor für Kulturgeographie an der Universität des Saarlandes befasst sich unter anderem mit gesellschaftlichen Veränderungsprozessen im Saarland und in der Grenzregion Saar-Lor-Lux. In der demographischen Entwicklung im Saarland sieht er ein großes Problem. Denn auf der Suche nach passenden Jobs wandern viele junge Menschen ab, zurück bleiben vor allem im ländlichen Raum die Älteren.

Hans Peter Dörrenbächer, Professor für Kulturgeographie an der Universität des Saarlandes (Foto: Universität des Saarlandes)
Hans Peter Dörrenbächer, Professor für Kulturgeographie an der Universität des Saarlandes

Teils schlechte Versorgung auf dem Land

Ein Problem auf dem Land: Die schlechte Gesundheitsversorgung. "Ältere Menschen haben andere Bedürfnisse als jüngere", so Dörrenbächer. Auf dem Land gebe es zu wenig Arztpraxen. Ältere Menschen seien zudem weniger mobil und deshalb stärker auf ein Auto angewiesen. Um dieses Problem in den Griff zu bekommen, braucht es Dörrenbächer zufolge eine "aktive Entwicklungspolitik".

Problematisch sei für ältere Menschen stellenweise auch die eigenständige Versorgung mit Lebensmitteln. Eine Lösung könnten solidarische Bringdienste sein. "So wird ein weitgehend selbstständiges Leben in der eigenen Wohnung garantiert", sagt Dörrenbächer. Grundsätzlich brauche es "neue Formen des Miteinanders".

Knackpunkt ÖPNV

Komplett neu gedacht werden muss womöglich auch der öffentliche Personennahverkehr. Ein grundlegendes Problem sieht Dörrenbächer darin, dass Bahnhöfe auf dem Land häufig schwieriger zu erreichen sind als in der Stadt.

Um schnell und unkompliziert zu einzelnen Knotenpunkten zu gelangen, seien "niedrigschwellige und kostengünstige Angebote" nötig – zum Beispiel Ruftaxis oder Fahrrad-Leihsysteme. "Denkbar sind auch Car-Sharing-Systeme im ländlichen Raum", so Dörrenbächer. Hier sei aber finanzielle Unterstützung seitens der Politik nötig, da ländliche Regionen für private Anbieter nicht lukrativ genug seien.

Vor allem im ländlichen Raum ist die ÖPNV-Anbindung eine Herausforderung (Foto: Imago Images/serienlicht)
Vor allem im ländlichen Raum ist die ÖPNV-Anbindung eine Herausforderung

Flexibleres Arbeiten gefordert

Eine Herausforderung stellt auch die künftige Gestaltung unserer Arbeitswelt dar. Die Grenzregion Saar-Lor-Lux ist laut Dörrenbächer die Region in Europa mit der höchsten Anzahl an Pendlern. "Hier überqueren täglich 240.000 Menschen auf dem Weg zu ihrer Arbeit Staatsgrenzen – das gibt es sonst nirgends in der EU", sagt er. Das Pendeln habe "wenig mit Nachhaltigkeit zu tun".

Für die Organisation des grenzüberschreitenden Arbeitsmarktes seien deshalb sogenannte Coworking-Spaces nicht nur in Städten, sondern auch im ländlichen Raum interessant. Dörrenbächer sieht in diesen gemeinschaftlich genutzten Arbeitsräumen die Möglichkeit, das Leben auf dem Land für junge Menschen attraktiv zu machen. Zudem könnte durch den reduzierten Verkehr der CO2-Ausstoß verringert werden.

Täglich sind in der Grenzregion Zehntausende Pendler unterwegs (Foto: picture alliance/dpa | Christoph Schmidt)
Täglich sind in der Grenzregion Zehntausende Pendler unterwegs

Auch Städte stehen vor Problemen

Die Herausforderungen an das Leben in der Stadt sind nicht weniger komplex. Zwar erwartet Dörrenbächer, dass sich städtische Räume in Zukunft "stabiler und robuster" zeigen als ländliche Regionen. Dafür hätten Städte aber mit ganz anderen Problemen zu kämpfen, etwa der Bezahlbarkeit von Wohnraum.

Dörrenbächer sieht hier in Eigentümer-Gemeinschaften eine mögliche Lösung. Hierbei geben Kommunen Immobilien oder Grundstücke günstig an diese Gemeinschaften ab. Um auch jungen Menschen das Leben in solchen Gemeinschaften zu ermöglichen, könnten "öffentlich-rechtliche Kreditinstitute bei der Finanzierung mitwirken" – dieses Modell werde etwa in Leipzig praktiziert und sei auch für Städte im Saarland interessant.

Umgang mit Klimawandel als Kernaufgabe

Daneben haben Städte zunehmend mit klimatischen Veränderungen zu tun, wie Dörrenbächer erklärt: "Die Überhitzung der Städte stellt ein riesengroßes Problem dar. Sie dürfen nicht zu Hitze-Inseln werden." Deshalb brauche es ausreichend Grünflächen und eine "vorausschauende Bewirtschaftung" der städtischen Flächen.

Eine mögliche Lösung ist das Konzept der "Schwammstadt". Ein Aspekt dieses Konzepts ist die vertikale Begrünung von Gebäuden, wodurch mehr Wasser gespeichert wird. "Betongebäude heizen sich enorm auf", so Dörrenbächer. Generell sei die Versiegelung von Flächen ein Problem, da dadurch Wasser nicht zurückgehalten werde und es so zu Überschwemmungen komme.

Verbessert das Klima in der Stadt: Vertikale Fassaden-Begrünung (Foto: IMAGO / Jochen Tack)
Verbessert das Klima in der Stadt: Vertikale Fassaden-Begrünung

Bessere Zusammenarbeit notwendig

Die wohl größte Herausforderung: Alle beteiligten Akteure an einen Tisch bringen. Dörrenbächer fordert eine bessere Zusammenarbeit: "Fachleute und Praktiker müssen stärker zusammengeführt werden." Als positives Beispiel nennt er die Stadt Saarbrücken. Hier gibt es ein Expertengremium mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern verschiedener Fachrichtungen, die die Stadt in Fragen der Stadtentwicklung beraten.

Das müsse, so Dörrenbächer, auch in ländlichen Regionen stärker ausgebaut werden, um Projekte zu entwickeln. Denn grundsätzlich zeige sich die Gesellschaft im Saarland offen für neue Ideen des Zusammenlebens.

ARD Themenwoche Stadt. Land. Wandel. Plakatmotiv - Du bist hier (Foto: ARD)
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