Schweinehälften in einer Großfleischerei (Foto: picture alliance/Hendrik Schmidt/dpa-Zentralbild/dpa)

Weiter Werkverträge und Leiharbeit in Fleischbranche

Karin Mayer   03.08.2020 | 10:56 Uhr

Auf den ersten Blick hat sich wenig verändert in der saarländischen Fleischbranche. Noch immer kommen Werkvertragsmitarbeiter und Leiharbeitnehmer aus Rumänien und Bulgarien. Kontakt mit den Betroffenen ist schwer zu bekommen.

Zweifel an Wirkung der Auflagen für Fleischindustrie
Audio [SR 3, Karin Mayer, 03.08.2020, Länge: 02:25 Min.]
Zweifel an Wirkung der Auflagen für Fleischindustrie

Anna* hat sich selbst bei der Beratungsstelle für Wanderarbeiter der Arbeitskammer gemeldet. Zwei Jahre lang hat sie in verschiedenen Unternehmen der Fleischbranche gearbeitet. Drei Arbeitsverträge von Dienstleistern aus dem Saarland hat sie mitgebracht. Sie war zeitweise als Leiharbeitnehmerin, zeitweise über Werkvertrag beschäftigt.

In der Beratungsstelle erhebt sie schwere Vorwürfe gegen ihren letzten Arbeitgeber. Sie berichtet von Zehn- bis Elf-Stunden-Arbeitstagen. Arbeitskammer-Beraterin Madalena Dudas will nun prüfen, ob die Überstunden bezahlt wurden und ob der Mindestlohn eingehalten wurde.

Kontakt zu Beschäftigten gesucht

Nur vereinzelt melden sich Beschäftigte aus Rumänien und Bulgarien bei der Beratungsstelle für Wanderarbeiter. Die Betroffenen melden sich nur in Notsituationen, erklärt Egbert Ulrich, der Leiter der Beratungsstelle. Deshalb wollen die Berater und die Gewerkschaft NGG nun selbst den Kontakt zu den Beschäftigten suchen.

Kommentar: "Vieles in der Fleischindustrie ist bereits besser geworden"
Audio [SR 3, Karin Mayer , 03.08.2020, Länge: 01:34 Min.]
Kommentar: "Vieles in der Fleischindustrie ist bereits besser geworden"

Vergangenen Freitag sind sie vor das Werkstor des Unternehmens Schwamm gezogen. Mit einer Fußbodenzeitung und Flugblättern wollten sie in rumänischer und bulgarischer Sprache über Arbeitnehmerrechte informieren. Das Ergebnis: Nach wenigen Minuten wurde das Tor mit Sichtschutz verschlossen.

Für Egbert Ulrich ein klares Zeichen: Die Unternehmen haben etwas zu verbergen. Die Beratungsstelle sei eine vom Land finanzierte Einrichtung und nehme eine Aufgabe wahr, die vom Land gewünscht werde.

Kritik von NGG und Wanderarbeiter-Beratungsstelle

Zwei Dinge sind Heiner Weber von der Beratungsstelle für Wanderarbeiter ein Dorn im Auge: Den Menschen aus Rumänien und Bulgarien werden offenbar weiterhin große Versprechen gemacht, die nicht eingehalten werden.

Anna beispielsweise hat auf ein hohes Einkommen gehofft: 2000 Euro im Monat sei in einer Zeitungsanzeige in Rumänien versprochen worden. Tatsächlich hat sie offenbar 1100 oder 1200 Euro verdient. In Rumänien lag der Lohn von Anna bei 400 Euro.

Weiterer Kritikpunkt: Die Beschäftigten zahlen hohe Mieten. Heiner Weber hat mehrere Sammelunterkünfte besichtigt. In einer 80 Quadratmeter Wohnung seien neun Beschäftigte untergebracht worden. Jeder habe 250 Euro im Monat bezahlt. Auf einem Arbeitsvertrag von Anna wurden 300 Euro für Miete berechnet. Egbert Ulrich berichtet von einer Unterkunft, in der 17 Menschen pro Nacht zehn Euro bezahlten mussten.

Fleischbranche fühlt sich ungerecht behandelt

Solche Vorwürfe kommen zurzeit nicht gut an in der saarländischen Fleischbranche. Die Unternehmen fühlen sich seit dem Tönnies-Skandal in NRW zu unrecht an den Pranger gestellt. Günther Passauer von Schröder Fleischwaren betont auf SR-Anfrage, dass bei Schröder nach Tarif bezahlt werde. Statt auf Werkverträge setze das Unternehmen auf Leiharbeit.

Die Firmen Schwamm und Bard scheinen dagegen weiter auf Werkverträge zu setzen. In einer schriftlichen Stellungnahme ist von "Werkdienstleistern" die Rede.

Weiter heißt es: "Der Mindestlohn wird eingehalten bzw. sogar übertroffen. Überstunden/Mehrarbeit werden nach dem Arbeitszeitgesetz durch entsprechenden Freizeit- oder Lohnausgleich vergütet. Die Mehrzahl der Saisonarbeiter kommt schon seit vielen, vielen Jahren nach Saarbrücken um hier mit Freude zu arbeiten. Viele kennt man mit Namen und schätzt ihre Arbeit. Bei schlechten Konditionen würde dies sicher nicht der Fall sein. Sehr viele der Saisonmitarbeiter wurden bereits übernommen, arbeiten das ganze Jahr hier, haben Ihren Lebensmittelpunkt ins Saarland gelegt und sind hier sesshaft geworden."

Tarifverträge könnten helfen

Das Geschäftsmodell Werkverträge steht durch das Verbot von Werkverträgen und Leiharbeit in Frage. Helfen könnten die Unternehmen sich selbst, in dem sie sich transparent machen und auf Tarifverträge setzen. Dafür müssten sie auch der Gewerkschaft und der Beratungsstelle für Wanderarbeiter Einblick gewähren. Vielleicht wird es Zeit die Öffentlichkeitsarbeit zu überdenken.

*Name von der Redaktion geändert

Über dieses Thema hat auch die SR 3-Rundschau in den SR-Hörfunknachrichten am 03.08.2020 berichtet.

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