Menschen drängen sich in einer Fußgängerzone. (Foto: picture alliance / SvenSimon | Frank Hoermann)

Wieder eine Million Saarländer – aber wie?

Nelly Thelen   07.09.2022 | 07:00 Uhr

Das Saarland verliert Einwohner. Mittlerweile leben hier nicht mal mehr eine Million Menschen. Das aber ist das erklärte Ziel von Ministerpräsidentin Rehlinger. Die Kommunen müssen also schauen, wie sie attraktiv für Neusaarländer werden. Die Konkurrenz innerhalb Deutschlands ist hart.

Alexander Becker lebt mit seiner Frau und dem gemeinsamen einjährigen Sohn in Saarbrücken. Allerdings nur am Wochenende. Unter der Woche muss Becker nach Heidelberg zum Arbeiten, „weil es für mich schwierig war, direkt nach dem Studium und nach der noch laufenden Doktorarbeit eine Arbeitsstelle zu finden“, erklärt Becker.

Master in Biotechnologie, Promotion in der Pharmakologie, Becker bekam für seine Forschung den Wissenschaftspreis der Stadt Homburg. Als Berufsanfänger ging‘s für ihn aber in ein biotechnisches Unternehmen in Baden-Württemberg. Der Biotechnologe geht davon aus, dass es auch an der Branche liegt, sein Zweig sei im Saarland nicht so stark vertreten.

Wieder eine Million Saarländer – aber wie?
Audio [SR 3, Nelly Thelen, 07.09.2022, Länge: 03:07 Min.]
Wieder eine Million Saarländer – aber wie?

Noch 982.348 Saarländer

Schon oft hat Becker mit seiner Frau darüber gesprochen, das Saarland zu verlassen. Doch sie sind hier aufgewachsen, haben Familie und Freunde hier und seine Frau ist zufrieden mit ihrem Job als Lehrerin.

2021 sind aber fast 21.000 Menschen diesen Schritt gegangen und haben das Saarland verlassen – rund 12.000 von ihnen sind in ein anderes Bundesland gezogen. Hatte das Saarland 2012 noch 994.287 Einwohnerinnen und Einwohner, waren es im vergangenen Jahr nur noch 982.348 Saarländerinnen und Saarländer.

Einwohnerschwund stoppen

Bis zur angestrebten Million fehlen also 17.652 Menschen. Nicht zuletzt geht es dabei auch um Geld. Je weniger Einwohner das Saarland nämlich hat, desto weniger Geld gibt es auch aus dem Finanzausgleich. Nur in 2015 und 2016 konnte der Einwohnerschwund kurz unterbrochen werden. Wegen Zuzügen aus dem Ausland: Vor allem Geflüchtete. So wie jetzt auch im März wegen der Menschen aus der Ukraine.

Wachsen durch Zuwanderung aus dem Ausland, das setzt Willkommenskultur und Integration voraus, sagt der Forscher Frank Osterhage vom Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung in Dortmund, der sich mit Wohnstandort-Entscheidungen beschäftigt.

Harte Konkurrenz bei der Binnenwanderung

Aber auch auf Zuzug von innerhalb Deutschlands zu setzen sei schwierig: „Wir haben 16 Bundesländer. Wir haben einen Kuchen. Unsere Binnenwanderung insgesamt in Deutschland in der Summe ergibt Null. Und das heißt, wenn man jetzt als Bundesland ein deutliches Plus erzielen möchte, dann verlieren andere Bundesländer.“

Man begebe sich in eine Konkurrenz, die hart sei, „denn auch woanders ist es schön.“ Um das Defizit bei den Geburten auszugleichen, bräuchte das Saarland schon einige Tausend Personen pro Jahr an Zuwanderungsgewinnen, erklärt Osterhage. 

Lebensgefühl besonders wichtig

Hinzukommt: Menschen entscheiden sich für eine Region meist nur dann, wenn sie sie kennen. Das sei häufig verbunden mit ihrer Wohnbiografie: „So haben sie vielleicht früher schon mal in dieser Region gelebt oder sie haben diese Region zumindest schon mal besucht, etwa im Urlaub oder sie kennen Freunde oder Bekannte in dieser Region, also ein gewisser Bezug ist häufig gegeben.

„Dass ich in eine Region ziehe, die ich überhaupt noch nicht kenne, zu der ich keinen Bezug habe, das kommt selten vor“, erklärt der Wanderungsforscher. Wichtig in allen Altersgruppen sei auch das Lebensgefühl - aufgrund etwa der Mentalität der Menschen vor Ort, vieler Freizeitangebote oder schönen Plätzen und Parks.

Saarbrücken will wieder 200.000 Einwohner

Das Ziel von Saarbrücken lautet: Wieder 200.000 Einwohner. Gerade sind es noch 185.535. Damit wächst Saarbrücken aber in den vergangenen Jahren tatsächlich wieder. Um noch mehr Menschen auf die Stadt aufmerksam zu machen, fordert Oberbürgermeister Uwe Conradt (CDU) vom Land beim geplanten Kongresszentrum an einem Strang zu ziehen, auch wenn es um mögliche Kostensteigerungen gehe, „um das Saarland für größere Kongresse zurück auf die Landkarte zu bringen.“

Zudem müsse die Veranstaltungsinfrastruktur gestärkt werden, durch den Neubau der Saarlandhalle, und es brauche ein Wohnraumaktivierungsprogramm. „Gerade, wo so viele Menschen aus der Ukraine kommen.“ Der Wunsch des Oberbürgermeisters ist ein Programm des Landes in Zusammenarbeit mit Privatleuten, die leerstehende Wohnungen oder gar Häuser in Saarbrücken haben.

Pläne für gesteigerte Attraktivität

Conradt will zudem das Lebensgefühl verbessern. Die Fußgängerzone in der Saarbrücker Innenstadt soll erweitert werden und so auch mehr Platz für Gastronomie geschaffen werden.

Zudem sei die Außengastronomie im Bereich des St. Johanner Marktes und anderen Stellen der Stadt deutlich erweitert worden, „weil wir wissen, dass Gastronomie eines dieser Themen ist, die auch für die Lebensqualität steht“, erläutert Conradt.

Kluge Köpfe nur mit attraktiven Jobs

Das geht wahrscheinlich weniger mit Geld und mehr mit anderen Faktoren wie neuem, attraktivem Wohnraum. Die finanzschwache Landeshauptstadt braucht dafür Investoren, wie etwa bei den rund 200 Wohnungen, die in einem Gebäudekomplex in der Großherzog-Friedrich-Straße gerade gebaut werden - mit dem Namen Großherzog-Friedrich Höfe. Das versprüht Großstadtflair.

Doch Gastro, Wohnen, Kitas - all das hilft nicht, wenn attraktive Jobs fehlen. Am Ende halten diese doch die klugen Köpfe im Land. Alexander Becker wünscht sich für die Zukunft, „dass ich hier nochmal eine Arbeitsstelle kriege, die Chancen sind mit Berufserfahrung auch wesentlich besser als ohne.“ Drei Einwohner würde das Saarland damit immerhin halten.


Serie: Zerreißprobe Zukunft

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