Eine Frau hält einen Stempel mit der Aufschrift "Kinderzuschlag" in der Hand. (Foto: IMAGO / McPHOTO)

Der Kinderzuschlag kommt bei vielen ärmeren Familien nicht an

Tabea Prünte   07.05.2022 | 10:42 Uhr

Viele ärmere Familien im Saarland könnten jeden Monat mehr Geld bekommen, zum Beispiel durch den Kinderzuschlag. Doch nicht alle Familien wissen von dieser Möglichkeit. Nicht einmal die Hälfte der Leistungsberechtigten beantragt das Geld überhaupt. Das könnte auch an den komplizierten Verfahren liegen, vermuten Arbeitsagentur und Diakonie.

Viele ärmere Familien im Saarland könnten jeden Monat mehr Geld haben. Bis zu 209 Euro für jedes Kind gibt es mit dem sogenannten Kinderzuschlag. Den können Familien beantragen, die nur wenig Geld haben.

Nach Angaben der Arbeitsagentur Rheinland-Pfalz-Saarland machen das aber nur 30 bis 40 Prozent der Leistungsberechtigten. Derzeit bekommen den Zuschlag also knapp 16.000 Personen in Rheinland-Pfalz und im Saarland. Dabei hätten deutlich mehr Familien Anspruch darauf.

Kinderzuschlag häufig unbekannt

Die Diakonie berät ärmere Familien und hilft in finanziell schwierigen Situationen. Auch der Kinderzuschlag kann bei solchen Beratungsgesprächen Thema sein. Diakonie-Geschäftsführerin Anne Fennel vermutet, dass viele Familien den Kinderzuschlag nicht kennen und ihn deshalb nicht beantragen.

Ähnliche Erfahrungen habe die Beratungsstelle auch bei anderen finanziell unterstützenden Leistungen gemacht. Viele Familien wüssten zum Beispiel auch nicht über die Leistungen für Bildung und Teilhabe Bescheid. Obwohl ihnen damit finanziell geholfen werden könnte, kommt das Geld dann nicht bei ihnen an.

Antrag stellen zu kompliziert

Die bürokratischen Anforderungen seien hoch, erklärt Fennel. Der Prozess sei zu kompliziert und daher würden viele Familien gar nicht erst den Antrag stellen, vermutet sie. An wen muss ich mich wenden? Wann bin ich leistungsberechtigt? Wie fülle ich den Antrag korrekt aus? All das sei "nicht einfach zu erfassen", weiß Fennel.

Denn um leistungsberechtigt zu sein, muss man ein Mindesteinkommen nachweisen können. Man darf aber ein Maximaleinkommen nicht überschreiten. Und dann spielen auch noch die Mietkosten eine Rolle. Und: Wenn Familien bereits bestimmte andere Leistungen der Grundsicherung erhalten, fließt das ebenfalls in die Berechnung des Kinderzuschlags hinein.

Barrieren durch Sprache oder Erkrankung

Die Familienkasse hat nach Angaben der zuständigen Arbeitsagentur in der Vergangenheit Vieles unternommen, um mehr über die Leistung zu informieren. Zum Beispiel können sich Familien online ausrechnen lassen, ob sie leistungsberechtigt wären. Außerdem wurden in Standesämtern, Jobcentern, Wohngeldstellen, Schulen oder Kitas Flyer verteilt. Trotzdem lassen die Zahlen vermuten, dass noch immer nicht alle Leistungsberechtigten erreicht werden.

Aus Sicht der zuständigen Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit könnten auch sprachlichen Barrieren eine Rolle spielen. Diakonie-Geschäftsführerin Fennel fügt hinzu, dass einige Eltern nicht lesen könnten oder psychische Erkrankungen hätten. All dies würde es ihnen ebenfalls erschweren, sich um die korrekten Anträge zu kümmern.

Mit einer Kindergrundsicherung das System vereinfachen

"Das System ist zu kompliziert", sagt sie. Doch der zuständigen Familienkasse könne man dabei keinen Vorwurf machen. Vielmehr müsste es für ärmere Familien grundsätzlich einfacher werden, die finanziellen Hilfen zu bekommen. Denn nach Ansicht der Diakonie sollten Hilfen "so einfach wie möglich" beantragt werden können.

Die Diakonie hält daher eine Kindergrundsicherung für eine sinnvolle Lösung. Diese würde die verschiedenen Leistungen bündeln, sodass nicht mehr zahlreiche verschiedene Anträge notwendig wären. Es würde damit einfacher werden, die finanziellen Leistungen in Anspruch zu nehmen. Außerdem würde man dadurch auch das Wohl des Kindes wieder mehr in den Fokus rücken, findet Fennel.

Ähnlich äußert sich der Vorsitzende der Saarländischen Armutskonferenz, Michael Leinenbach. Die hohen bürokratischen Hürden stünden der Entlastung der Familien im Weg. Auch er fordert eine Entbürokratisierung dadurch, dass alle Leistungen gebündelt werden und über einen Antrag zusammengefasst werden können.


Was ist der Kinderzuschlag?

Der Kinderzuschlag ist für Familien mit geringerem Einkommen gedacht, bei denen das Geld nicht oder nur knapp für den Lebensunterhalt ausreicht. Im Gegensatz zum Kindergeld, das alle Familien mit Kindern in Anspruch nehmen können, gelten für den Kinderzuschlag bestimmte Voraussetzungen. Der Kinderzuschlag kann laut Bundesagentur für Arbeit zusätzlich zum Kindergeld oder auch zu anderen vergleichbaren Leistungen ausgezahlt werden.

Ob der Kinderzuschlag ausgezahlt wird und wie viel eine Familie bekommt, muss individuell berechnet werden. Das kann zum Beispiel so aussehen:

  • Eine Familie hat zwei Kinder,
  • beide Elternteile arbeiten,
  • und die Familie zahlt eine Warmmiete von etwa 700 Euro

Dann darf die Familie zwischen 2400 und 3900 Euro brutto pro Monat verdienen, um für den Kinderzuschlag berechtigt zu sein.

Mehr Informationen gibt es bei der Bundesagentur für Arbeit.

Über dieses Thema haben auch die UNSERDING-Nachrichten am 07.05.2022 berichtet.

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