Strukturwandel – Welche Zukunft hat das Saarland? (Foto: SR)

Neue Prioritäten für die Saar-Wirtschaft

Eine Analyse von Janek Böffel und Yvonne Schleinhege   31.01.2022 | 06:30 Uhr

Das Saarland steckt mitten im Strukturwandel - klingt nach Binsenweisheit. Aber die Zahlen sind alarmierend: Das Saarland ist bei der Wirtschaftsleistung seit über zehn Jahren vom Rest Deutschlands abgehängt. Und auch bei den Unternehmensgründungen hinkt das Saarland hinterher.

Die Sorge um die Zukunft des Ford-Werkes in Saarlouis ist in den vergangenen Wochen wieder greifbar geworden. Schließlich geht es um 5000 Jobs im Saarland und ungezählte, die unmittelbar am Werk hängen.

Auch um die Zukunft von ZF im Land, dem größten Arbeitgeber, gibt es immer wieder Fragezeichen. Das ist besonders bitter, war doch ausgerechnet die Autoindustrie das saarländische Beispiel für einen gelungenen Strukturwandel.

Doch die Transformation der Autoindustrie bringt nun - neben der der Stahlindustrie - den nächsten Strukturwandel mit sich. „Wir sind innerhalb des Verarbeitenden Gewerbes nicht sehr breit aufgestellt. Wenn es Transformation an einer Stelle gibt, schlägt das ungebremst auf die Beschäftigten durch“, sagt Heidrun Schulz, Chefin der Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit.


Die Video-Analyse

Neue Prioritäten für die Saar-Wirtschaft - Wie gelingt der Strukturwandel?
Video [SR.de, Yvonne Schleinhege und Janek Böffel, 29.01.2022, Länge: 05:54 Min.]
Neue Prioritäten für die Saar-Wirtschaft - Wie gelingt der Strukturwandel?


Sorgenkind Verarbeitendes Gewerbe

Die große Bedeutung der Automobilindustrie für das Saarland ist auch eine Gefahr. Zumal viele Entscheidungen nicht vor Ort getroffen werden, denn die Konzernzentralen liegen zumeist außerhalb des Saarlandes.

Doch es ist nicht nur die Autoindustrie mit ihren rund 44.000 Beschäftigten, die Sorgen bereitet. Insgesamt sind in den vergangenen 20 Jahren im Verarbeitenden Gewerbe fast 12.000 Jobs weggefallen. Das tut doppelt weh. Einerseits, weil es oft auch um gutbezahlte Jobs geht mit Folgen für die Kaufkraft und damit auch den Konsum.

Welche Zukunft hat das Saarland?: Wirtschaft und Strukturwandel
Audio [SR 3, Janek Böffel/Yvonne Schleinhege, 31.01.2022, Länge: 03:07 Min.]
Welche Zukunft hat das Saarland?: Wirtschaft und Strukturwandel

Aber es tut auch weh, weil Jobverluste im Verarbeitenden Gewerbe das Saarland quasi in der Identität als Industrieregion treffen.

Der Dienstleistungssektor wächst, aber nicht genug

Immerhin, es gibt auch im Saarland Wachstumsbrachen. So hat die Zahl der Beschäftigten im Dienstleistungssektor seit 2007 deutlich zugelegt. Gut 266.000 Beschäftigte sind 20 Prozent mehr als noch vor 15 Jahren.

Aber trotz dieser guten Nachricht, im Vergleich mit anderen Bundesländern ist das Saarland hier vergleichsweise schwach aufgestellt. Und längst nicht alle dieser Jobs im Dienstleistungssektor sind in gutbezahlten Branchen angesiedelt.

Der Bund hängt das Saarland ab

Noch alarmierender ist die Lage beim Blick auf die allgemeine Wirtschaftsleistung. Auch das Saarland hat sich von den Nachwirkungen der Finanzkrise 2008 erholt. Um 6,7 Prozent ist das Bruttoinlandsprodukt seitdem bis 2020 gewachsen.

Was beruhigend klingt, ist auf den zweiten Blick allerdings Ausdruck vieler Probleme. Im Bund ist die Wirtschaftsleistung nämlich im selben Zeitraum um 36 Prozent gewachsen, fast fünf Mal so stark wie im Saarland. Das Saarland ist abgehängt. Dafür gibt es mehrere Gründe.

Wachstumsbremsen von Export bis Demografie

Zahlreiche Faktoren spielen eine Rolle. Einerseits die schwache Entwicklung der Exportwirtschaft in den vergangenen Jahren. „Sie hat nicht mehr diese starken Wachstumsquoten, die sie noch in den Nuller-Jahren hatte. Und ein Land, das von seiner Exportstärke und seiner Industriestruktur lebt, das läuft eben immer etwas schlechter im Wachstum als diejenigen, die etwas stärker im Dienstleistungssektor aufgebaut sind“, sagt Carsten Meier von der IHK im Saarland.

Yvonne Schleinhege: "Kleine und mittelständische Unternehmen stärker in den Fokus nehmen"
Audio [SR 3, Yvonne Schleinhege , 31.01.2022, Länge: 01:35 Min.]
Yvonne Schleinhege: "Kleine und mittelständische Unternehmen stärker in den Fokus nehmen"

Dazu kommen zu wenige öffentliche Investitionen auch durch den Sparkurs der vergangenen Jahre. Aber auch die sinkende Bevölkerungszahl seit der Jahrtausendwende macht sich hier schon bemerkbar.

Es fehlt an Gründungen

Aber es fehlt auch an neuen Unternehmen, die Lücken andernorts auffangen und neue Jobs schaffen. Und der Unterschied ist spürbar. Pro eine Million Einwohner sind es im Saarland 800 Gründungen jedes Jahr weniger als im Bundesschnitt, heißt es bei der IHK.

Natürlich gibt es auch dafür Erklärungen. Auch historisch lässt es sich begründen, einerseits galten Jobs in den großen Industrien lange als sicher, das machte das Risiko zu gründen wenig attraktiv.

Untersuchungen belegen auch, dass in Industrie-geprägten Regionen die Innovationskraft geringer ist als andernorts. Und das heißt wiederum, dass es an wissensintensiven und damit tendenziell besser bezahlten Jobs in neuen Unternehmen und vor allem Branchen fehlt.

Stabilisator Mittelstand

Und Unternehmen, die vor Ort gegründet wurden, treffen ihre Entscheidungen auch vor Ort, nicht in Detroit, Brüssel oder Chengzou. Die kleinen und mittelständischen erweisen sich oft auch als krisenfester.

„Sie waren in der Vergangenheit immer auch so ein Garant für Stabilität. Das hat man nach der letzten Finanzkrise erlebt. Die kleinen und mitteständischen Unternehmen waren stabil“, sagt Wolfgang Herges, Vorsitzender der Familienunternehmer im Saarland.

Doch dazu braucht es einerseits eine Unterstützung – und sei es nur kommunikativ – für die bestehenden, aber natürlich braucht es auch neue Unternehmen. Mehr Mittelstand würde dem Land gut tun und könnte die Region weniger konjunkturabhängig machen.

Hoffen auf Gründungen an den Hochschulen

Die Hoffnungen der Politik ruhen deshalb natürlich einerseits auf großen Ansiedlungen wie SVolt oder Nobilia, aber auch auf neuen Gründungen. Im Idealfall im Umfeld der Hochschulen, wo eben die bereits erwähnten wissensintensiven Jobs entstehen.

Förderprogramme gibt es viele, allerdings ist der unmittelbare Einfluss von Politik überschaubar, sagt Gerhard Untiedt von der Gesellschaft für Finanz- und Regionalanalysen in Münster: „Die Ansatzmöglichkeiten der regionalen Wirtschaft an sich sind begrenzt. Das heißt, das meiste wird über Märkte geregelt und nicht über Wirtschaftspolitik in der Region. Sie können aber Entwicklungen unterstützen.“

Strukturwandel am Reißbrett wird also nicht funktionieren. Aber es wird deshalb für die Politik umso mehr darum gehen, nicht nur die Großunternehmen im Land in den Blick zu nehmen wie Ford, ZF oder Saarstahl, sondern auch die kleineren, die nicht 1000, aber zehn mal 100 Jobs schaffen – oder auch nur 100 mal zehn Jobs.


Die Reihe

Welche Zukunft hat das Saarland?

Im März wählen die Saarländerinnen und Saarländer einen neuen Landtag. Für das Saarland werden die kommenden fünf Jahre entscheidend: Ein kleines Bundesland steht vor großen Herausforderungen.

Unser Reporter-Team hat sich vier dieser Herausforderungen genauer angeschaut: von den Auswirkungen des demografischen Wandels über den wirtschaftlichen Strukturwandel und Fragen der öffentlichen Infrastruktur bis hin zu möglichen – und notwendigen – Reformen demokratischer Prozesse.

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Sonderseite
Welche Zukunft hat das Saarland?
Das Saarland und seine Bürgerinnen und Bürger verändern sich. Das kleine Bundesland steht vor großen Herausforderungen. In unserer Analyse-Reihe stellt schaut sich das Reporter-Team vier dieser Herausforderungen genauer an: von den Auswirkungen des demografischen Wandels über den wirtschaftlichen Strukturwandel und Fragen der öffentlichen Infrastruktur bis hin zu möglichen – und notwendigen – Reformen demokratischer Prozesse.

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