Infrastruktur – Welche Zukunft hat das Saarland? (Foto: SR)

Wie viel Infrastruktur kann sich das Saarland leisten?

Eine Analyse von Janek Böffel und Roswitha Böhm   01.02.2022 | 06:30 Uhr

Als kleines Bundesland mit einer überschaubaren Bevölkerungszahl leistet sich das Saarland – gerade was die Infrastruktur angeht – sehr viel. Dabei ist die finanzielle Situation in vielen Kommunen angespannt. Das große Angebot geht deswegen nicht selten auf Kosten der Qualität. Um das zu verhindern, müssen Schwerpunkte gesetzt und besser geplant werden. Und: Es wird nicht mehr alles überall geben können.

Ob gute Straßen, wohnortnahe Krankenhäuser, ein breites Kulturangebot oder das Schwimmbad um die Ecke: Der Zustand der Infrastruktur vor Ort macht einen wichtigen Teil der Lebensqualität der Menschen im Land aus.

Die Idealvorstellung ist natürlich, dass es überall alles gibt, und das in bester Qualität. Doch ist das angesichts der finanziellen Notlage vieler Kommunen im Saarland kaum machbar. Was brauchen wir also wirklich? Und auf welche Angebote lässt sich vielleicht auch verzichten?


Die Video-Analyse

Wie viel Infrastruktur kann sich das Saarland leisten?
Video [SR.de, Roswitha Böhm und Janek Böffel, 31.01.2022, Länge: 05:17 Min.]
Wie viel Infrastruktur kann sich das Saarland leisten?


Mehr Zusammenarbeit in Sachen Bäder

Ein Beispiel, an dem die Diskussion sehr greifbar wird, sind Schwimmbäder. Natürlich muss es genügend davon geben, damit Kinder einen Ort haben, an dem sie schwimmen lernen können. Für viele bedeutet das Schwimmbad um die Ecke als Freizeit- und Entspannungsort außerdem ein Stück Lebensqualität.

Doch stellt der Unterhalt von Hallen- und Freibädern die Kommunen vor eine Herausforderung: Viele öffentliche Bäder im Saarland sind renovierungsbedürftig, manche sogar marode. Und selbst bei Bädern, die gut in Schuss sind, verursacht der Betrieb enorme Kosten. Jedes Schwimmbad macht im Schnitt zwischen 300.000 und 600.000 Euro Verlust im Jahr.

Prof. Martin Junkernheinrich, Wirtschaftswissenschaftler an der TU Kaiserslautern, plädiert deswegen dafür, Schwerpunkte zu setzen: „Lieber zwei gute, schöne Schwimmbäder, als drei, die nicht mehr ordentlich renoviert worden sind.“

Dazu bräuchte es aber eine stärkere Zusammenarbeit zwischen den Kommunen. Denn jede Stadt und Gemeinde ist selbst für die eigenen Bäder verantwortlich. Für die Besucher ist aber unerheblich, ob ein Schwimmbad dies- oder jenseits der Gemeindegrenze liegt, solange es nicht zu weit weg ist. 

Um zu entscheiden, ob sich der Betrieb bestimmter Bäder tatsächlich lohnt, bräuchte es zudem eine übergeordnete Planung. Doch gibt es im Saarland seit Jahren nicht einmal eine offizielle Übersicht über die existierenden Bäder.

Die letzten offiziellen Zahlen stammen aus dem Jahr 2015. Laut einer Untersuchung des saarländischen Innenministeriums gab es zu diesem Zeitpunkt im Saarland 30 Hallen- und 39 Freibäder, also fast 70 Badeanstalten verteilt auf 52 Kommunen.

Damals wurde ein landesweites Bäderkonzept angekündigt - bisher scheiterten alle Versuche dafür.

Doppelstrukturen abbauen

Neben solchen wünschenswerten Angeboten müssen Kommunen auch notwendige Aufgaben übernehmen, beispielsweise den Winterdienst oder die Instandhaltung von Straßen und Parkanlagen.

Diese Aufgaben werden in den Kommunen von den Baubetriebshöfen übernommen. Davon gibt es im Saarland in jeder Kommune mindestens einen, in größeren Städten sogar mehrere.

Kommentar: "Es wird nicht klappen, jeden noch so kleinen Ort mit allem zu versorgen"
Audio [SR 3, Janek Böffel, 01.02.2022, Länge: 01:25 Min.]
Kommentar: "Es wird nicht klappen, jeden noch so kleinen Ort mit allem zu versorgen"

Natürlich übernehmen sie Aufgaben, auf die nicht verzichtet werden kann. Aber es stellt sich dennoch die Frage: Ist es angesichts klammer Kassen wirklich notwendig, dass jede Stadt und Gemeinde im Saarland mindestens einen eigenen Baubetriebshof betreibt?

Durch kommunale Zusammenarbeit könnten auch hier Doppelstrukturen abgebaut und damit Geld eingespart werden, das dann an anderer Stelle eingesetzt werden könnte.

Wie viele Krankenhäuser braucht das Land?

Krankenhausschließungen sind im Saarland seit Jahren ein Aufreger-Thema. Das ist kein Wunder, denn es ist essentiell, dass gerade auch in ländlichen Regionen eine gute medizinische Versorgung gewährleistet ist.

Die Zahl der Krankenhäuser im Saarland hat sich in den vergangenen Jahren bereits deutlich verringert. Heute sind es 20 Klinken über das Land verteilt. Doch auch diese Zahl ist einigen Experten noch zu hoch.

Eine gute medizinische Versorgung kann laut Dr. Jan Böcken von der Bertelsmann-Stiftung besser sichergestellt werden, wenn es wenige, dafür sehr spezialisierte Kliniken gibt. „Medizin ist in vielen Fällen ein Erfahrungswissen. Und bei komplizierten Fällen braucht man ganz viel davon, sonst macht man das nicht gut.“

„Die Menschen sollten mit komplizierten Erkrankungen lieber ein kleines Stück weiter fahren und dafür die beste Versorgung bekommen“, so Böcken. In der Fläche brauche es stattdessen vor allen Dingen eine gute Grundversorgung und Pflege. Und es müsse sichergestellt werden, dass Patienten schnell zu den – vielleicht etwas weiter weg gelegenen – spezialisierten Kliniken transportiert werden können.

 Weniger ist mehr

Das Saarland kann es sich nicht leisten, sich überall alles zu leisten. Denn ist das Angebot zu breit, geht Quantität schnell auf Kosten von Qualität. Deshalb wird es notwendig sein, die Zahl der Angebote zu reduzieren. Und dafür braucht es einen konkreten Plan und mutige Entscheidungen von Seiten der Politik.

Ob es nun um die Schließung von Schwimmbädern oder die Zusammenlegung von Kliniken geht: Es werden Entscheidungen sein müssen, die wehtun. Doch angesichts der großen Herausforderungen, vor denen das Land steht, sind es Entscheidungen, die sich nicht viel länger herauszögern lassen.


Die Reihe

Welche Zukunft hat das Saarland?

Im März wählen die Saarländerinnen und Saarländer einen neuen Landtag. Für das Saarland werden die kommenden fünf Jahre entscheidend: Ein kleines Bundesland steht vor großen Herausforderungen.

Unser Reporter-Team hat sich vier dieser Herausforderungen genauer angeschaut: von den Auswirkungen des demografischen Wandels über den wirtschaftlichen Strukturwandel und Fragen der öffentlichen Infrastruktur bis hin zu möglichen – und notwendigen – Reformen demokratischer Prozesse.

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Sonderseite
Welche Zukunft hat das Saarland?
Das Saarland und seine Bürgerinnen und Bürger verändern sich. Das kleine Bundesland steht vor großen Herausforderungen. In unserer Analyse-Reihe stellt schaut sich das Reporter-Team vier dieser Herausforderungen genauer an: von den Auswirkungen des demografischen Wandels über den wirtschaftlichen Strukturwandel und Fragen der öffentlichen Infrastruktur bis hin zu möglichen – und notwendigen – Reformen demokratischer Prozesse.

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