Demografie – Welche Zukunft hat das Saarland? (Foto: SR)

Die Saarländer: immer weniger, immer älter - immer abgehängter?

Eine Analyse von Roswitha Böhm, Yvonne Schleinhege und Carolin Dylla   03.02.2022 | 06:30 Uhr

Mehr als eine Million Einwohner hatte das Saarland mal. Doch seit den 70er Jahren schrumpft die Bevölkerung kontinuierlich – und die Auswirkungen sind zum Teil schon deutlich sichtbar. Der demografische Wandel lässt sich kaum aufhalten, aber verlangsamen. Doch das wird nicht funktionieren, ohne dass sich das Saarland aktiv um Zuwanderung aus dem Ausland bemüht.

Heute leben im Saarland nur noch rund 984.000 Menschen. Aktuelle Prognosen gehen davon aus, dass sich der Bevölkerungsrückgang noch verschärfen wird. Bis zum Jahr 2060 wird das Saarland demnach nur noch 800.000 Einwohner haben. Oder sogar noch weniger.

Das ist bei Weitem kein Problem, mit dem das Saarland alleine wäre: Überall in Deutschland macht sich der demografische Wandel bemerkbar. Allerdings gibt es kaum eine andere Region, in der die Bevölkerung so stark schrumpft wie hier. 

Gleichzeitig werden die Saarländerinnen und Saarländer immer älter. Das Ausmaß dieser Entwicklung zeigt eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung aus dem Jahr 2020. Demnach wird 2035 mehr als jeder vierte Einwohner über 70 sein.


Die Video-Analyse

Die Saarländer: immer weniger, immer älter - immer abgehängter?
Video [SR.de, (c) Roswitha Böhm und Carolin Dylla, 02.02.2022, Länge: 05:07 Min.]
Die Saarländer: immer weniger, immer älter - immer abgehängter?


Weniger Einwohner – weniger Wirtschaftskraft

Besonders hart schlägt sich der demografische Wandel auf dem Arbeitsmarkt im Saarland nieder. Denn wenn die geburtenstarken Jahrgänge der 50er und 60er in den kommenden Jahren in Rente gehen, gibt es immer weniger Menschen, die dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen.

Nach Prognosen des Statistischen Bundesamts wird das Erwerbspotenzial - also die Zahl der Menschen, die arbeiten könnten - im Saarland drastisch zurückgehen: von aktuell rund 600.000 auf 440.000 Menschen im Jahr 2060.

Vorsichtig ausgedrückt ist das ein Problem für dieses Bundesland, das in seiner wirtschaftlichen Entwicklung schon jetzt vom Rest der Republik abgekoppelt ist.

Ressource Einwohner – finanzielle Verluste

Auch wenn die Zahlen recht abstrakt wirken, hat der Bevölkerungsverlust sehr konkrete und unmittelbare Auswirkungen. Denn dem Saarland gehen schlicht und einfach Gelder verloren.

Und die Gleichung ist happig: Minus ein Einwohner bedeutet für das Saarland grob gesagt minus 5200 Euro aus dem Bund-Länder-Finanzausgleich. Wichtiger ist aber: Ohne diese Einwohner, ohne die Menschen, gibt es keine wirtschaftliche Entwicklung, keine lebendigen Dorfkerne, kein Vereinsleben. 

Demografischer Wandel – Stresstest für Kommunen

Denn wenn es immer weniger Menschen gibt, und die gleichzeitig immer älter werden, dann gibt es immer weniger Menschen, die sich um die Infrastruktur - vom Schwimmbad bis hin zum Dorffest - kümmern. Außerdem werden sich die Kommunen darauf einstellen müssen, immer mehr ältere Menschen zu versorgen. 

Das bedeutet, dass in Zukunft nicht mehr jede Kommune alles anbieten und leisten können wird. Damit wird die Zusammenarbeit - gerade im Bereich Infrastruktur - immer wichtiger. „Ich glaube das Wichtigste ist, dass man gemeinsam eine Strategie entwickelt. Gerade in kleineren Kommunen ist das ein Problem: Je weniger Menschen vor Ort leben, desto schwieriger ist es, Infrastruktur und Daseinsvorsorge aufrechtzuerhalten“, sagt Petra Klug. Sie leitet bei der Bertelsmann-Stiftung das Projekt Wegweiser Kommune.

Kommentar: "Die Lebensqualität vor Ort wird abnehmen"
Audio [SR 3, (c) SR 3 Roswitha Böhm, 03.02.2022, Länge: 01:40 Min.]
Kommentar: "Die Lebensqualität vor Ort wird abnehmen"

Das Saarland als Einwanderungsland

Aus Sicht vieler Experten steht Eines fest: Es wird nicht reichen, wenn sich das Saarland um Zuzug aus anderen Bundesländern bemüht. Und ehrlicherweise ist das Saarland auch keine wirkliche Konkurrenz beispielsweise für Regionen in Baden-Württemberg, für Leipzig oder Berlin.

Aber das Saarland hat Vieles zu bieten und muss damit werben. Auch - und vor allem - im Ausland. Bei jungen Menschen in Spanien, Italien, Griechenland, die dort kaum die Chance haben, einen Job zu finden.

Das Saarland muss sich selbst als Einwanderungsland begreifen und diese Position nach außen konsequent vertreten. Im Grunde genommen ist das nicht einmal eine neue Strategie, denn historisch gesehen ist das Saarland immer schon ein Einwanderungsland gewesen.

Qualifizierte Menschen herzuholen und auch die weiter zu qualifizieren, die schon hier sind: Das ist keine Bedrohung. Es ist eine riesige Chance. Und für das Saarland eine Notwendigkeit.


Die Reihe

Welche Zukunft hat das Saarland?

Im März wählen die Saarländerinnen und Saarländer einen neuen Landtag. Für das Saarland werden die kommenden fünf Jahre entscheidend: Ein kleines Bundesland steht vor großen Herausforderungen.

Unser Reporter-Team hat sich vier dieser Herausforderungen genauer angeschaut: von den Auswirkungen des demografischen Wandels über den wirtschaftlichen Strukturwandel und Fragen der öffentlichen Infrastruktur bis hin zu möglichen – und notwendigen – Reformen demokratischer Prozesse.

Zur Übersicht mit allen Teilen der Reihe

Sonderseite
Welche Zukunft hat das Saarland?
Das Saarland und seine Bürgerinnen und Bürger verändern sich. Das kleine Bundesland steht vor großen Herausforderungen. In unserer Analyse-Reihe stellt schaut sich das Reporter-Team vier dieser Herausforderungen genauer an: von den Auswirkungen des demografischen Wandels über den wirtschaftlichen Strukturwandel und Fragen der öffentlichen Infrastruktur bis hin zu möglichen – und notwendigen – Reformen demokratischer Prozesse.

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