Blick durch das offen stehende Fenster in den Klassenraum einer Schule (Foto: Guido Kirchner- dpa/Bildfunk)

Welche Rolle spielen die Schulen in der Corona-Pandemie?

Kai Forst   20.11.2020 | 14:50 Uhr

Sind Schulen Pandemie-Treiber oder sichere Orte? Während Bildungspolitiker bei ihrem Standpunkt bleiben, in den Schulen sei das Infektionsgeschehen gering, wächst die Kritik an dieser Haltung. Sicher ist: Im Saarland gibt es noch keine einheitliche Test- und Quarantänestrategie an Schulen.

Einen zweiten Bildungslockdown soll es nicht geben, darin ist sich die Politik einig. Zu groß erschienen die Nachteile im Frühjahr, als Schulen und Kitas im gesamten Saarland dicht gemacht hatten. Seither werden die Schulen als - so die Kultusministerkonferenz - „sichere Orte“ mit einem geringen Infektionsgeschehen dargestellt.

Auch die saarländische Bildungsministerin Christine Streichert-Clivot (SPD) betont regelmäßig, dass Schulen keine Pandemie-Treiber seien und Infektionen „ganz überwiegend außerhalb der Schulen und Kitas stattfinden“. Doch ist das wirklich so?

Verzerrung der Zahlen

Das Ministerium begründet seine Haltung unter anderem mit dem niedrigen Anteil der Jugendlichen an allen Infektionen. Das ist allerdings eine Verzerrung. Derzeit machen die 11-19-Jährigen 11,4 Prozent aller Infektionen im Saarland aus. Der Anteil dieser Altersgruppe an der Gesamtbevölkerung ist aber nur 6,7 Prozent. Heißt: Der Anteil der 11-19-Jährigen an den festgestellten Infektionen ist fast doppelt so hoch wie ihr Anteil an der Bevölkerung. Das Infektionsgeschehen in dieser Altersgruppe ist also deutlich höher als in der Gesamtbevölkerung.

Wird an Schulen zu wenig getestet?

Zudem ist unklar, ob an den Schulen überhaupt in ausreichendem Maße getestet wird, erst recht seitdem die Quarantäneanordnung auf Kontaktpersonen ersten Grades, also direkte Banknachbarn, eingeschränkt wurde. Der Anteil an nicht nachvollziehbaren Infektionsketten scheint so größer zu werden.

Unter Schulen, Lehrerverbänden, Eltern und Gewerkschaften bestehen jedenfalls erhebliche Zweifel an der Teststrategie der Landesregierung. Unserer Redaktion liegen sowohl Mitteilungen von Eltern aber auch Lehrern vor, die Fragen aufwerfen.

„Es musste keiner in Quarantäne, obwohl die Schüler ohne Maske dicht an dicht saßen“

So berichtet eine Lehrkraft, die anonym bleiben möchte, von je einem positiven Corona-Fall in zwei Klassen. Zu der Zeit habe es noch keine Maskenpflicht im Unterricht gegeben. Doch das Gesundheitsamt reagierte nicht. „Es musste keiner in Quarantäne, obwohl die Schüler ohne Maske dicht an dicht saßen.“ Mehrere Tage habe die Schulleitung versucht, das Gesundheitsamt zu erreichen – ohne Erfolg. „Als dann endlich jemand zu erreichen war, waren zehn Tage vorbei und man musste gar nicht mehr an Quarantäne denken.“

Auch bei vielen Eltern herrscht Unklarheit. Dass eine Mitschülerin ihres Sohnes positiv getestet worden war, habe eine Mutter per Zufall erfahren. „Das Mädchen sitzt direkt hinter meinem Sohn. Der Mindestabstand kann in der Klasse nicht eingehalten werden. Weder er noch sein Freund direkt hinter dem Mädchen wurden vom Gesundheitsamt informiert und sogar die direkte Tischnachbarin wurde nicht in Quarantäne geschickt."

Knackpunkt Gesundheitsämter

Fälle, die Lehrerverbände und Gewerkschaft bestätigen. Immer wieder komme es zu ähnlichen Situationen, in denen Lehrer und Schulen auf sich alleine gestellt seien, sagt der Vorsitzende des saarländischen Philologenverbandes, Marcus Hahn. Knackpunkt seien die völlig überlasteten Gesundheitsämter. Denn nur sie können Tests und Quarantänen anordnen. „Es herrscht eine große Uneinheitlichkeit bei den Gesundheitsämtern. Und das sorgt für Konfusion und Unsicherheit“, so Hahn.

Schülerinnen und Schüler arbeiten in warmer Kleidung (Foto: Frank May-dpa/report)
Schüler arbeiten in warmer Kleidung während einer Lüftungsphase

Auch die Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Birgit Jenni, sieht eine Häufung solcher Situationen. „Ich verstehe das Vorgehen der Politik nicht. Wenn es einen positiven Fall in einer Klasse gibt, muss getestet werden, um auf der sicheren Seite zu sein.“

Hygienevorschriften nicht umsetzbar

Und die Zahl der Schulen, die ihren Unmut kundtun, wächst. Es werden offene Briefe an die Bildungsministerin verfasst, in denen es zum Beispiel um nicht einzuhaltende Mindestabstände geht, da die Räume zu klein und die Klassen zu groß sind. Auch das vorgeschriebene Lüften alle 20 Minuten kann bei eisigen Temperaturen nicht in allen Schulen umgesetzt werden. Kurz: Viele Schulen können offenbar die Hygienevorschriften der Landesregierung nicht einhalten.

Stecken sich Kinder doch untereinander an?

Dass Schulen generell keine Pandemietreiber seien und Schüler kaum zum Infektionsgeschehen beitragen, bezweifelte zudem jüngst der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach. „Das Problem an den Schulen wird unterschätzt.“ Die Infiziertenzahl bei den Zehn- bis 19-Jährigen sei derzeit ungefähr zehnmal so hoch wie während der ersten Corona-Welle im Shutdown. Zudem zeigten Studien, dass sich Kinder in erster Linie untereinander ansteckten.

Bayern: Sechsmal mehr Kinder infiziert als gemeldet

Eine Studie zu Kindern wurde zuletzt vom Helmholtz-Zentrum in München veröffentlicht. Sie untersuchte knapp 12.000 Blutproben von Kindern zwischen ein und 18 Jahren: Das Ergebnis: Sechsmal mehr Kinder in Bayern waren mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 infiziert als von der entsprechenden Behörde gemeldet. Zudem wurde deutlich: Knapp die Hälfte (47 Prozent) der Kinder mit Antikörpern zeigten keine Symptome und werden normalerweise nicht getestet. Für die Wissenschaftler deutet das auf eine höhere Übertragungsrate und größere Dunkelziffer bei Kindern hin als bisher angenommen.

Zu wenig Wissen

Ob diese Kinder sich in den Schulen- und Kitas infiziert haben, bleibt allerdings ungeklärt. Die Hamburger Schulbehörde wertete zuletzt umfangreiche Corona-Daten aus. Tenor: Die Infektionen fanden offenbar vier mal häufiger außerhalb der Schule statt. Gleichzeitig betonte Schulsenator Ties Rabe, dass es im Grunde eine viel zu große Unklarheit gebe. So sei es möglich, dass nicht alle schulinternen Infektionen erkannt worden seien, "weil einzelne Schüler keinerlei Symptome zeigten und gar nicht entdeckt wurden." Umgekehrt könnte ein Teil der vermuteten schulinternen Infektionen letztlich doch in der Freizeit erfolgt sein, beispielsweise bei gemeinsamen Feiern von Schülern aus demselben Jahrgang.

Virologin: Schnelltests an Schulen einsetzen

Um die Schulen so lange wie möglich offen zu halten und Präsenzunterricht zu gewährleisten braucht es, so die Meinung von Virologen, eine echte Teststrategie an Schulen. Schnelltests könnten beispielsweise ein Instrument sein, um Schulschließungen zu verhindern. Es wäre möglich, dies an den Schulen einzusetzen, um schnell und kindgerecht milde und asymptomatische Fälle zu erkennen und auch Lehrer bevorzugt zu testen“, schrieb etwa die Virologin Isabella Eckerle von der Universität Genf auf Twitter. Denn nur durch regelmäßige Corona-Tests könnten Schulcluster und Kontakte schnell identifiziert werden.

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