Schuldneratlas Deutschland von Creditreform (Foto: picture alliance / Rolf Vennenbernd/dpa)

Das Überschuldungs-Paradox

Carolin Dylla   10.11.2021 | 17:26 Uhr

Trotz der wirtschaftlich angespannten Lage infolge der Corona-Pandemie ist die private Überschuldung in Deutschland und auch im Saarland 2021 zurückgegangen. Das geht aus dem aktuellen „Schuldner-Atlas“ der Auskunftei Creditreform hervor. Experten sprechen von einem "Überschuldungs-Paradox".

Obwohl viele Menschen in Deutschland und im Saarland wegen der Auswirkungen der Coronapandemie Einkommenseinbußen hinnehmen und den finanziellen Gürtel deutlich enger schnallen müssen, ist die private Überschuldung 2021 im Vergleich zum Vorjahr zurückgegangen. Lag die bundesweite Überschuldungsquote im vergangenen Jahr noch bei rund zehn Prozent, sind es 2021 noch knapp neun Prozent. Aktuell ist laut Creditreform damit jeder elfte Bundesbürger überschuldet.

Als überschuldet gelten in der Erhebung Erwachsene, die ihren Zahlungsverpflichtungen in einem absehbaren Zeitraum von zwei Jahren nicht nachkommen können – und die zugleich keine Möglichkeit mehr haben, Kredite aufzunehmen.

Weniger Konsumausgaben

Der wesentliche Erklärungsansatz für den Rückgang der Überschuldung ist, dass die Menschen in der aktuell unsicheren wirtschaftlichen Lage ihre Konsumausgaben zum Teil drastisch zurückgefahren haben. Laut Carsten Uthoff, Geschäftsführer von Creditreform Saarbrücken, haben sich die Konsumausgaben in diesem Jahr im Vergleich zu 2020 um rund vier Prozent verringert.

Entwicklungen der Überschuldungssituation innerhalb des Saarlandes
Audio [SR 3, Dorothee Scharner / Carolin Dylla, 10.11.2021, Länge: 03:55 Min.]
Entwicklungen der Überschuldungssituation innerhalb des Saarlandes

"Die Menschen haben stattdessen in den Abbau ihrer Schulden investiert und sind deshalb aus der Schuldenspirale herausgekommen", so Uthoff im Gespräch mit dem SR. Außerdem hätten die staatlichen Hilfsmaßnahmen wie beispielsweise das Kurzarbeitergeld ihre Wirkung gezeigt, indem sie Unternehmen und Jobs stabilisiert hätten – was sich letztlich auch positiv auf Verbraucher und Verschuldung auswirke, so Uthoff weiter.

Rückgang auch im Saarland

Diese positive Entwicklung ist grundsätzlich auch im Saarland zu beobachten. Hier liegt die Überschuldungsquote laut Creditreform aktuell bei rund 10,4 Prozent. Damit sind im Saarland knapp 88.000 Menschen von Überschuldung betroffen. Im Vergleich zu 2020 bedeutet das einen Rückgang um gut einen Prozentpunkt.

Im bundesweiten Vergleich allerdings gehört das Saarland aber noch immer zu den Bundesländern mit der höchsten Überschuldungsquote. Nur in Nordrhein-Westfalen, Berlin, Sachsen-Anhalt und Bremen ist die Situation noch angespannter.

Unterschiede zwischen den Landkreisen

Innerhalb des Saarlands gibt es allerdings deutliche Unterschiede. Die größte Überschuldung gibt es im Regionalverband Saarbrücken und im Landkreis Neunkirchen. Im Saarbrücker Stadtteil Malstatt ist nach den Zahlen von Creditrefom jeder Dritte überschuldet. "Das sind im Grunde die alten industriellen Strukturen, die wir im Saarland haben", so Carsten Uthoff von Creditreform. Die Überschuldung ist also dort am höchsten, wo sich der Strukturwandel am deutlichsten bemerkbar macht – auch vor Corona.

Nach wie vor teilweise hoher Beratungsbedarf

Beate Heinz von der Schuldner- und Insolvenzberatung der Diakonie Völklingen beobachtet jedoch, dass die Zahl der Beratungsanfragen nach wie vor hoch ist. 329 Anfragen habe es 2020 gegeben, so Heinz. In diesem Jahr seien es bis Ende Oktober 309 gewesen.

Allerdings seien die Menschen nicht unbedingt sehr hoch verschuldet – und die Gründe, aus denen Menschen die Beratungsstelle aufsuchten, seien vielfältig. Häufig entstehe die Schuldenproblematik zum Beispiel durch Trennungen und den Verlust von Wohneigentum, nicht bediente Handy-Verträge oder gescheiterte Versuche, sich selbstständig zu machen.

Grundsätzlich aber sei der Beratungsbedarf in Völklingen aufgrund der Bevölkerungs- und Beschäftigungsstruktur allgemein hoch. "Das sind auch die Leute, die während der Coronazeit ihre Jobs verloren haben", sagt Beate Heinz. "Diese Menschen hatten aber auch vorher meist schon keine gut bezahlten Jobs."

Meist keine corona-spezifischen Schuldenprobleme

Heißt: Die Schulden-Probleme der Menschen in der Beratungsstelle Völklingen sind keine corona-spezifischen – sondern Probleme, die die Menschen auch vorher schon hatten. Dazu zählen vor allem drohender Wohnungsverlust und Stromsperren, drohende Konto-Kündigung wegen Überziehung – zuletzt aber auch gestiegene Energiepreise sowie höhere Wohnraum- und Nebenkosten. Dementsprechend habe die Arbeitsgemeinschaft der Schuldnerberatungsstellen der freien Wohlfahrtsverbände für das erste Halbjahr 2021 bundesweit einen deutlichen Anstieg der Beratungsanfragen verzeichnet, so Beate Heinz.

Geringere Überschuldung, mehr Privatinsolvenzen

Trotz des Rückgangs bei der Überschuldung weist Creditreform darauf hin, dass die Zahl der Privatinsolvenzen 2021 stark zugenommen hat – zum ersten Mal seit zehn Jahren. Auch die Auskunftei Crifbürgel hatte Anfang Oktober gemeldet, dass im ersten Halbjahr 2021 im Saarland 856 Personen Privatinsolvenz angemeldet haben – im Vergleichszeitraum 2020 waren es 550.

Allerdings ist das – neben den Auswirkungen der Corona-Pandemie – auch auf eine Reform des Insolvenzrechts von Anfang des Jahres zurückzuführen. Damit können überschuldete Menschen unter bestimmten Voraussetzungen ihre Schulden nach drei Jahren loswerden statt wie bisher nach sechs Jahren. Viele Betroffene dürften diese Reform abgewartet haben, um Privatinsolvenz anzumelden. Insofern sind die Zahlen der Privatinsolvenzen von 2020 und 2021 schwer vergleichbar.

Für die Erhebung der Creditreform spielen Privatinsolvenzen allerdings keine Rolle. Die Auskunftei setze ihre Statistik weit vorher an, so Geschäftsführer Carsten Uthoff – eine Privatinsolvenz sei demnach gewissermaßen die "Endstation" der Entwicklungen, die Creditreform erfasst.

2022 könnten Nachholeffekte einsetzen

Auch wenn sich die Überschuldungslage momentan offenbar etwas entspannt hat - im kommenden Jahr könnte die Entwicklung wieder in die entgegengesetzte Richtung laufen. Denn erst dann dürfte sich das Auslaufen vieler staatlicher Unterstützungsmaßnahmen bemerkbar machen, ebenso wie die Folgen der Einkommenseinbußen vieler Menschen durch die Pandemie. Und das könnte sich dann in einem Anstieg der Überschuldungsquote manifestieren. Außerdem habe Corona die Einkommensungleichheit verschärft, wodurch die Gefahr der Überschuldung für viele Menschen steigt.

Laut den Erhebungen von Creditreform sind "längerfristige Niedrigeinkommen" einer der wichtigsten Gründe für private Überschuldung – sprich: geringe Verdienste wegen prekärer Beschäftigungsverhältnisse. Dieses Problem zu lösen – und damit auch das Problem privater Überschuldung langfristig in den Griff zu kriegen – ist aber eine generelle arbeitsmarktpolitische Herausforderung.

Jeder Elfte überschuldet

War 2020 noch jeder zehnte Bundesbürger überschuldet, ist es in diesem Jahr nur noch jeder elfte. Creditreform erklärt die Entwicklung vor allem dadurch, dass die Menschen ihre Konsumausgaben zum Teil drastisch zurückgefahren haben – auch wegen der großen wirtschaftlichen Unsicherheit.

Stattdessen steckten die Menschen ihr Geld eher in den Abbau ihrer privaten Schulden, so der Geschäftsführer von Creditreform Saarbrücken, Carsten Uthoff. Auch im Saarland ist die private Überschuldung in diesem Jahr deutlich zurückgegangen – sie liegt aktuell bei rund 10,5 Prozent. Damit liegt das Saarland aber immer noch deutlich über dem Bundesdurchschnitt.

Regionalverband und Landkreis Neunkirchen besonders betroffen

Besonders betroffen sind der Regionalverband Saarbrücken und der Landkreis Neunkirchen – also die Regionen im Saarland, in denen sich auch der wirtschaftliche Strukturwandel besonders deutlich bemerkbar macht. Im kommenden Jahr könnte sich die Lage nach Einschätzung von Creditreform aber wieder verschärfen – auch, weil viele der staatlichen Corona-Hilfsmaßnahmen auslaufen.

Über dieses Thema hat auch die SR 3-Rundschau am 10.11.2021 berichtet.

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