Polizeianwärterinnen und Polizeianwärter nehmen an der Vereidigung teil. (Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Matthias Bein)

Wie viel Idealismus braucht man für eine Ausbildung im Blaulicht-Bereich?

Tabea Prünte   12.11.2022 | 16:37 Uhr

Sie riskieren ihr eigenes Leben, um andere zu retten: Einsatzkräfte der Polizei, der Feuerwehr und des Rettungsdienstes leisten einen wichtigen Beitrag für die Gesellschaft. Doch die Berufszweige haben auch Schattenseiten. Wie viel Idealimus brauchen die, die sich trotzdem für eine Karriere dort entscheiden?

Für eine Karriere bei Feuerwehr, Polizei oder Rettungsdienst braucht man Durchhaltevermögen - das weiß jeder, der Schlagzeilen über die Berufszweige liest: Personalmangel, Überstunden, Stresssituationen. Mag man sich da überhaupt noch für die Ausbildung im Blaulichtbereich entscheiden? Wir haben junge Einsatzkräfte gefragt.



Wer rettet Rettungsdienst und Feuerwehr?

Kampagnen wie "Rettet den Rettungsdienst" oder "Respekt? Ja bitte!",  Petitionen mit den Worten "der Rettungsdienst in Deutschland ist am Limit" – all das reißt nur an, wie es den Feuerwehren und Rettungsdiensten deutschlandweit geht. Von "tagtäglichen Ausnahmesituationen" spricht die Deutsche Feuerwehr-Gewerkschaft (DFeuG).

Im Saarland sieht es nicht besser aus: Im Sommer noch hatte der saarländische Landesverband der Deutschen Feuerwehr-Gewerkschaft wegen akuten Personalmangels Alarm geschlagen und von einer "Abwärtsspirale" gesprochen, in der sich das Rettungswesen befinde.

Dauerhaft funktionieren

Und ja: "Der Rettungsdienst ist das Anstrengendste", sagt Lucas Weißmann. Er ist bei der Berufsfeuerwehr Saarbrücken und damit auch ausgebildeter Rettungssanitäter. Man sei körperlich und geistig stets gefordert: In Zwölf-Stunden-Schichten fahre er bis zu 15 Einsätze und bei jedem einzelnen "müssen wir natürlich voll auf der Höhe sein", sagt der 28-Jährige - auch nachts. "Ein Auge, ein Ohr ist immer wach".

Ebenso bei Feuerwehreinsätzen: "Wenn um 3.00 Uhr nachts der Melder geht, es brennt und da vielleicht noch Leute drin sind, dann geht der Puls von 'Ich bin hier gerade aus dem Schlaf gekommen' zu 'Ich renne jetzt in ein brennendes Haus hinein und muss sportliche Höchstleistungen abrufen'." Genau darauf werde man schon in der Ausbildung gedrillt - funktionieren, ohne zu überlegen, erklärt Weißmann.

Von der Feuerwehr geträumt

Trotz dieser Arbeitsbedingungen hat er sich ganz bewusst für die Ausbildung bei der Berufsfeuerwehr entschieden. "Für mich war das immer ein Traum. Ich habe Filme geguckt über die Feuerwehr, und wollte das auch machen", sagt der 28-Jährige. Angefangen im Alter von neun Jahren in der Jugendfeuerwehr ist er mittlerweile seit beinahe 20 Jahren dabei - "seit ich denken kann quasi".

Nach seiner Gärtner-Lehre folgte die Ausbildung zum Feuerwehrmann. Beim Einstellungsgespräch sei er gefragt worden, warum er zur Feuerwehr wolle: Weil jeder Tag anders ist, war seine Antwort. "Als Gärtner hast du im Sommer jeden Tag Rasen gemäht. Das wollte ich nicht mehr, ich wollte Sachen erleben."

Lucas Weißmann arbeitet bei der Berufsfeuerwehr Saarbrücken. (Foto: Privat)
Lucas Weißmann arbeitet bei der Berufsfeuerwehr Saarbrücken.

Gegen die Personalnot

Jetzt will er außerdem noch die Notfallsanitäterausbildung machen - erneut eine dreijährige Lehre. "Die Personallage im Rettungsdienst ist grausam", sagt er. Dadurch, dass es zu wenig Notfallsanitäter gebe, müssen die übrigen dann alle auch mehr fahren.

Doch die fordernden Arbeitsbedingungen, von denen man stets hört, schrecken Weißmann nicht ab. Im Gegenteil: "Wir Jüngeren von der Berufsfeuerwehr haben uns jetzt für die Ausbildung entschieden, weil wir unsere älteren Kollegen unterstützen und entlasten wollen." Je mehr Leute sich zum Notfallsanitäter ausbilden lassen, desto weniger müssen alle fahren. Geht dieser Ansatz auf?

Für die Gesellschaft

Diese Frage stellt sich für den 28-Jährigen kaum. Im Fokus steht für ihn die gesellschaftliche Verantwortung. "Die Bevölkerung kann ja nichts dafür - jeder will adäquat verarztet oder gerettet werden, wenn etwas passiert ist", sagt Weißmann. "Wenn es dann aber heißt, es kann kein Rettungswagen besetzt werden, stelle ich mir vor, meiner Oma oder Mama geht es nicht gut. Da möchte ich auch, dass jemand in der vorgegebenen Zeit vor Ort ist." Für ihn sei das der entscheidende Anreiz.

Finanzielle Anreize notwendig

Weitere Anreize müssen aber viel mehr noch auf finanzieller Ebene kommen, fordert Dirk Wilhelm, saarländischer Landesverbandsvorsitzender der Deutschen Feuerwehr-Gewerkschaft. Das Einstiegsgehalt sei so gering, dass sich viele die Ausbildung gar nicht leisten können. Genau hier liege der Ursprung des größten Problems: die Nachwuchsgewinnung.

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Anders als bei Ausbildungen in anderen Branchen, wo die Azubis frisch aus der Schule kommen, müssen Feuerwehranwärterinnen und -anwärter schon eine Ausbildung abgeschlossen haben. Fertig ausgebildet im Job haben sie entsprechend zuvor bereits besser verdient. "Entweder man hat sich also schon einen ordentlichen Grundstock aufgebaut - oder man ist so sehr Idealist, dass man das hinnimmt, wieder schlechter zu verdienen", sagt Wilhelm.

Aus Überzeugung

Bei der Feuerwehr werde er nicht reich, weiß auch Lucas Weißmann. Er mache das aus Überzeugung. "Menschen zuliebe. Für mich war es ein Traum und ist immer noch ein Traum" - selbst nach all den Jahren. "Aber dadurch bin ich kein Idealist", sagt der Feuerwehrmann auch.

Weißmann könne aus seinem Job täglich viel für sich ziehen. Zu den Schichten gehöre gemeinsamer Sport, man koche und esse gemeinsam im Team, schaue Fußball oder Filme, wenn keine Einsätze kommen. "Wenn ich morgens auf die Arbeit fahre, denke ich mir nicht dass ich jetzt arbeiten gehen muss, sondern ich denke mir, ich treffe jetzt meine Freunde, mit denen ich die nächsten 24 Stunden verbringen darf."

Positive Seiten überwiegen

"Das ist Arbeit, macht aber auch sehr viel Spaß", sagt Weißmann. "Wir fahren raus, um zu helfen. Dadurch können wir die Leute glücklich machen und das ist, was motiviert." Hinzu komme die Abwechslung. Man könne jede Fortbildung machen und sich in den verschiedensten Bereichen spezialisieren.

Der 28-Jährige ist zum Beispiel noch Ausbilder bei der Freiwilligen Feuerwehr, um sein Wissen, vor allem aber auch seine Begeisterung für den Beruf weiterzugeben. Kameradschaft und das Zusammengehörigkeitsgefühl machen die Arbeit bei der Feuerwehr für ihn besonders aus. "Natürlich gibt es auch schlechte Sachen. Aber da stehe ich drüber." Und so geht es offenbar auch den gut 16.000 weiteren Feuerwehrmännern und -frauen im Saarland. Wobei den überwiegenden Teil von ihnen die Freiwilligen Feuerwehr ausmacht: Nur knapp 200 Berufsfeuerwehrleute gibt es.

Neue Öffentlichkeitswahrnehmung

In der öffentlichen Wahrnehmung wünscht sich Weißmann ein positiveres Bild des Berufs. An Aufmerksamkeit allgemein mangele es seiner Meinung nach nicht. "Aber die ist halt total negativ geprägt", sagt Weißmann.

Gewerkschafter Dirk Wilhelm stimmt zu. Auch die psychischen Belastungen würden einige abschrecken. Es sei viel mehr Aufklärungsarbeit nötig - auch seitens der Politik, der einzelnen Kommunen. Hierzu arbeiten die Gewerkschaften im Saarland laut Wilhelm eng zusammen: Verdi, die Gewerkschaft der Polizei und die Deutsche Feuerwehr-Gewerkschaft. Gespräche mit Innenminister Reinhold Jost liefen bereits.

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Raus aus dem Teufelskreis

Ziel der gemeinsamen Aktionen sei, gegen den Personalmangel vorzugehen, der Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienst verbinde. Aus dem ergebe sich sonst ein Teufelskreis: Je weniger junge Menschen sich für eine Karriere bei der Feuerwehr entscheiden, desto mehr verschlechtern sich die Arbeitsbedingungen derer, die schon bei der Feuerwehr sind. Und je mehr öffentlich über die schlechten Bedingungen diskutiert werde, desto weniger junge Menschen entschieden sich dann noch für die Ausbildung bei Feuerwehr und Rettungsdienst.

"Wenn aber mehr Leute da wären, wäre der Beruf auch wieder attraktiver", sagt Lucas Weißmann. Denn eigentlich stecke für ihn so viel Positives drin im Alltag bei der Feuerwehr, dass er sich nur schwer entscheiden könne, was das Beste an seinem Job ist: "Alles - vor allem die Kameradschaft."


Was macht Polizei zum Traumberuf?

Wer sich für die Ausbildung bei der Polizei entscheidet, muss ein "Allrounder" sein: "Es reicht nicht, im Schriftlichen gut zu sein. Man muss auch im Sportlichen überzeugen können. Es reicht aber auch nicht, sportlich zu sein, man muss auch einsatztaktisch vorgehen können. Wir haben Übungsszenarien, bei denen man sich beweisen muss, der Bürgerkontakt ist sehr wichtig, aber auch das Bürokratische - auf der Wache die Berichte schreiben zu können", sagt Şilan Günes.

Polizeianwärterin Şilan Güneş (Foto: privat)
Polizeianwärterin Şilan Güneş

Die 23-jährige Polizeianwärterin ist im dritten Jahr ihres dualen Studiums und hat die Entscheidung, Polizistin zu werden, bislang nicht bereut. Und das trotz des Drucks, der auf den Studierenden lastet. "Da wird in den ersten paar Wochen vielleicht mal ein Auge zugedrückt, aber beim dritten Verkehrsunfall, den man aufnimmt, sollte das schon funktionieren", sagt Günes.

"Anspruchsvoll aber auch erfüllend"

Jeder Tag sei anders, das weiß auch der 25-jährige Polizeianwärter Lukas Stolz zu schätzen. Aber er sagt auch, dass man schon im Studium die widrigen Bedingungen spüre: Personalnot, sich tagtäglich Gefahren auszusetzen, Schichtdienst.

Er empfinde es als "eine Ausbildung, bei der man regelmäßig über seinen Schatten springen muss" - und stressresistenter werden. "Am Anfang habe ich gedacht, wow, es ist immer laut: Das Telefon klingelt die ganze Zeit, die Leute schreien, ich habe gar keinen Überblick. Aber dann lernt man, dass dahinter auch Strukturen und Abläufe stecken, die Sicherheit geben." Der Beruf sei "anspruchsvoll aber auch erfüllend".

Vor allem Ausnahmesituationen

Da die Polizei vor allem in Ausnahmesituationen gerufen werde, kann es aber auch mal gefährlich werden. Pöbeleien gehören zum Alltag dazu. "Aber solange es verbal bleibt und es nicht zu körperlichen Auseinandersetzungen kommt, muss man da als Beamter drüberstehen", findet Stolz. "Das wird immer Teil des Polizeiberufs sein."

Solche Pöbeleien seien in den letzten Jahren aber mehr geworden, sagt Cedric Jochum, stellvertretender Landesjugendvorsitzender der GdP im Saarland. "Der Polizist, der Lehrer, der Pfarrer waren früher in der Gemeinde absolute Respektpersonen", sagt er. "Das ist natürlich schon eine Weile her, aber man muss schon feststellen, dass der Respekt und die Akzeptanz gegenüber dem Staat – weil das repräsentiert der Polizeibeamte ja – schon weniger werden."

Gewalt gegen Polizei

Extreme Fälle von Gewalt gegen Polizistinnen und Polizisten hinterlassen eine abschreckende Wirkung. Erst Anfang des Jahres sind in der Nähe von Kusel eine Polizeianwärterin und ein -beamter bei einem Einsatz getötet worden.

Der Vorfall sei im Nachhinein an der Universität thematisiert worden und bei einigen sei auch der Gedanke aufgekommen, die Ausbildung abzubrechen. Auch Şilan Günes stimmt der Vorfall sichtlich nachdenklich. Für sie ist das vor allem eine Warnung, nie in eine Routine zu verfallen. "Aber Zweifel und Ängste nehme ich da nicht draus mit", sagt sie auch.

Image der Polizei

Auch innerhalb der Behörde läuft nicht immer alles glatt. In anderen Bundesländern etwa sind wiederholt rechte Chatgruppen aufgeflogen. Im Saarland hat kürzlich ein Beamter seine Macht missbraucht und mit gefälschten Strafzetteln Verwarngeld kassiert. Es sind solche Vorfälle, die dem Image der Polizei schaden.

"Ich versuch dann immer, den Menschen so gut wie möglich das Gegenteil zu beweisen", so Lukas Stolz.

Mehr Anerkennung schaffen

Der springende Punkt sei die schwierige Personallage. "Man ist darauf bedacht, so schnell wie möglich die notwendigsten Maßnahmen zu treffen, dann muss man aber auch sofort die nächsten Aufgaben wahrnehmen", sagt Stolz. Da bliebe kaum Zeit, um auf Bürgerinnen und Bürger zuzugehen. Dabei könne man so die Akzeptanz der Polizei in der Gesellschaft fördern. "Dann würde man merken, man kann mit der Polizei reden, die ist vor Ort, die hat Zeit, die hört mir zu."

Auch Innenminister Reinhold Jost will den Personalengpass bei der Polizei ausbessern. Zum Beispiel, indem Stellen freigeschaufelt werden.

Es müsse aber vor allem auch die Bezahlung besser werden, fordert Cedric Jochum von der Polizeigewerkschaft. Im Ländervergleich stehe das Saarland nicht besonders gut da. Neue Auszubildende würden sich daher eher für die Polizeiausbildung im benachbarten Rheinland-Pfalz entscheiden. Auch die Aufstiegschancen müssten sich verbessern, um Karriereperspektiven zu schaffen.

Nur mit Idealismus bei der Polizei?

Eine Sache spreche aber für sich, sagt Jochum: "Die Leute haben mit massiven Widrigkeiten zu kämpfen und trotzdem erfüllt es sie, einen Dienst an den Bürgern zu machen. Dahinter steckt die Botschaft: Ich bin für die Bürger da und deswegen gehe ich zur Arbeit", sagt Jochum. "Das ist meiner Meinung nach schon ein gewisser Idealismus, wie wir ihn vielleicht auch im Bereich der Pflege sehen."

Und auch Lukas Stolz sagt von sich, "Ich bin Idealist!" Dass man eine gewisse Zufriedenheit oder Motivation brauche, um seinen Beruf gut auszuüben, sei kein explizites Polizeithema. Die gewisse notwendige Hingabe bekomme man auch vorgelebt von Dozentinnen und Dozenten oder Kolleginnen und Kollegen. "Du bist immer konfrontiert mit Menschen, die den Beruf mit Leidenschaft machen."

Şilan Günes bestätigt: "Das Team und die Kollegialität sind in dem Beruf wirklich was Besonderes." Trotzdem finde sie es wichtig, Dinge kritisch zu hinterfragen. Eine wichtige Rolle nehme die Gewerkschaft ein, mit der man auch etwas verändern könne. "Jeder Beruf bringt seine Schattenseiten mit sich. Denen muss man sich aber nicht geschlagen geben!"

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