Eine elektronenmikroskopische Aufnahme zeigt das neuartige Coronavirus SARS-CoV-2 (Foto: picture alliance/NIAID-RML/AP/dpa)

Was das Coronavirus so gefährlich macht

Thomas Braun   18.04.2020 | 10:52 Uhr

Mehr als 80 Menschen sind im Saarland im Zusammenhang mit einer Coronainfektion bislang gestorben. Ein genauer Blick in die verfügbaren Daten zeigt immer mehr, warum das Virus deutlich ernster zu nehmen ist als eine normale Grippe – auch wenn es in der Gesamtzahl aller saarländischen Todesfälle derzeit noch eine untergeordnete Rolle spielt.

Im Schnitt sterben im Saarland jährlich 13.000 Menschen. Häufigste Todesursache sind nach wie vor Erkrankungen des Kreislaufsystems wie Herzinfarkt, Schlaganfall und ischämische Herzkrankheiten. Rund 4500 Menschen verstarben 2017 – den aktuell verfügbarsten Daten – an einer Kreislauferkrankung. Rund ein weiteres Viertel aller Verstorbenen erlag einer Krebserkrankung.

Häufigste Todesursachen im Saarland

Im Vergleich dazu mutet die Zahl der Verstorbenen nach einer Coronainfektion gering an. Im Saarland sind – Stand Donnerstagabend – 83 Menschen verstorben, die sich zuvor mit dem Virus infiziert hatten. Bundesweit waren es nach Angaben des RKI 3868. Der Anteil der Verstorbenen an den bestätigten Coronafällen liegt im Saarland derzeit bei 3,6 Prozent, bundesweit bei 2,9 Prozent.

Die tatsächliche Sterberate lässt sich derzeit allerdings nur schwer abschätzen, weil es gleich mehrere Unsicherheitsfaktoren gibt. Zum einen ist nicht immer klar, ob die Patienten an den Folgen der Covid-19-Erkrankung gestorben sind – oder letztlich zwar infiziert, dann aber doch einem anderen Leiden erlegen waren. Außerdem ist nicht klar, wie viele Corona-Infizierte es tatsächlich in Deutschland gibt – wie hoch also die Dunkelziffer ist. Je höher die Dunkelziffer, desto kleiner wird unterm Strich die tatsächliche Sterberate. Der Berliner Virologe Christian Drosten geht beispielsweise von einer Letalität von 0,3 bis 0,7 Prozent aus. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt der Bonner Virologe Hendrik Streeck nach einer ersten Zwischenauswertung seiner Heinsberg-Studie.

Corona vs. Grippe

Die Gefahr, die von dem Coronavirus ausgeht, liegt nicht nur an der Sterblichkeit, sondern vor allem an seiner rasanten Ausbreitung. Innerhalb von nur fünf Wochen kletterte die Zahl der Infizierten im Saarland auf mehr als 2000. Das sind deutlich mehr Personen, als etwa in der gesamten aktuellen Grippesaison positiv auf das Influenza-Virus getestet wurden. Die Zahlen sind zwar nur bedingt vergleichbar – weil zum Beispiel deutlich mehr auf Corona getestet wurde als auf Grippe. Ohne die strengen Ausgangsbeschränkungen würde die Zahl der Corona-Infizierten allerdings schon um ein Vielfaches höher liegen.

Ungebremst schnell 100.000 Fälle

Wie hoch die Zahlen im Saarland bereits jetzt sein könnten, zeigt eine Beispielrechnung. Das Robert-Koch-Institut geht derzeit davon aus, dass zwischen dem Ausbruch der Krankheit bei einem Infizierten und dem Krankheitsausbruch bei denjenigen, die er angesteckt hat, im Schnitt vier Tage vergehen. Das ist die sogenannte Generationszeit. Ein weiterer wichtiger Wert ist die Reproduktionszahl. Sie gibt an, wie viele weitere Personen ein Infizierter im Schnitt ansteckt. Bei der ungebremsten Verbreitung zu Beginn der Epidemie in Deutschland steckte ein Infizierter im Schnitt zwischen zwei und drei andere Personen an.

Nimmt man nun diese Reproduktionszahl von 2,5 und die Generationszeit von vier Tagen, wäre die Zahl der Infizierten – alleine im Saarland – in weniger als einem Monat auf weit über 100.000 nach oben geschnellt, wie unsere Grafik zeigt.

Die untere Linie zeigt den tatsächlichen Verlauf der bekannten Infektionen im gleichen Zeitraum. Die befürchtete Welle an Covid-19-Patienten blieb bislang aus. Im Saarland werden seit einiger Zeit jeweils zwischen 60 und 70 Personen auf Intensivstationen behandelt. Sollte die Ausbreitung des Virus aber wieder deutlich an Fahrt zunehmen, hätte das fatale Folgen.

Bis zu vier Mal mehr Todesfälle als üblich

Die Zahl der Patienten würde massiv steigen und die Kliniken schnell überlasten. Auch die Zahl der Todesfälle würde stark steigen, weil nicht mehr alle Patienten optimal behandelt werden können. Studien in Italien kommen laut einem Bericht des Tagesspiegels zu dem Ergebnis, dass etwa im besonders betroffenen Bergamo im März fast vier Mal so viele Menschen gestorben sind, wie in den Jahren zuvor im gleichen Zeitraum. Auch im saarländischen Nachbardépartment Moselle, das ebenfalls stark von der Coronakrise betroffen ist, sind im März deutlich mehr Menschen gestorben als im Vorjahresmonat - ein Plus von etwa 40 Prozent.

Die Menschen müssen nicht alle an den Folgen einer Covid-19-Erkrankung gestorben sein. Aber bei vollen Intensivstationen ist eben auch die Möglichkeit, "normale Notfälle" wie Herzinfarkte, Schlaganfälle und Unfallopfer optimal zu behandeln, eingeschränkt. "Ein solches Szenario ist aktuell in Deutschland glücklicherweise noch nicht erreicht und wir sollten als Gesellschaft alle gemeinsam daran arbeiten, dass dieses nicht eintreten wird", sagt der Homburger Kardiologe Dr. Sebastian Ewen.

Bislang können an der Homburger Uniklinik neun von zehn Personen, die mit einem Herzinfarkt ins Krankenhaus eingeliefert werden, dank der medizinischen Behandlung gerettet werden, erklärt Ewen. Und an den Kliniken habe man die bisherige Zeit dazu genutzt, die Abläufe so umzustruktieren, dass Notfälle auch weiter behandelt werden können - selbst bei steigenden Covid-19-Zahlen. Aktuell geht die Landesregierung davon aus, dass die Lage soweit im Griff ist, dass die medizinischen Kapazitäten im Saarland ausreichen.

Wegen Corona-Angst nicht in die Notaufnahme

Es zeigt sich aber ein anderer, beunruhigender Trend. Immer häufiger bleiben die regulären Notaufnahmen leer. Menschen übergehen offenbar die Symptome eines leichten Infarktes oder Schlaganfalls – aus Angst, in der aktuellen Situation in die Klinik zu gehen. Das kann gefährlich sein, am Ende sogar lebensgefährlich, warnen Experten. Die Patienten gehen dann zwar nicht als Covid-19-Fall in die Statistik ein – letztlich hängt ihr Tod aber doch mit der Krise zusammen.

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