Einfachrtbereich von Thyssen Krupp in Homburg (Foto: Sebastian Knöbber/SR)

Thyssenkrupp Gerlach warnt vor großem Wettbewerbsnachteil

Yvonne Schleinhege   24.11.2022 | 07:29 Uhr

Energieintensive Unternehmen sind von der aktuellen Situation am Energiemarkt besonders hart betroffen - so wie Thyssenkrupp Gerlach in Homburg. Als Schmiedebetrieb ist das Unternehmen einer der größten Stromverbraucher in der Region. Doch noch größeres Ungemach droht womöglich von anderer Stelle: Die Jobs in Homburg seien in Gefahr, warnt die Geschäftsführung.

Betriebsrundgang bei Thyssenkrupp Gerlach in Homburg. Natürlich geht es auch zum neuen Herzstück des Schmiedeunternehmens: der Schmiedelinie PL20. Erst seit einem Jahr ist sie in Betrieb und allein ihre Ausmaße verdeutlichen: Hier wird sehr viel Energie gebraucht.

Die Schmiedelinie von Thyssenkrupp am saarländischen Standort Homburg (Foto: Thyssenkrupp/Pressefoto)
Die Schmiedelinie von Thyssenkrupp am saarländischen Standort Homburg

1700 Tonnen ist die Schmiedepresse schwer, ein 15 Meter hoher Koloss, der mit einer Presskraft von 16.000 Tonnen den glühend heißen Stahl in die gewünschte Form pressen kann. Vor allem Kurbelwellen für Pkw und Lkw werden in der Schmiede in Homburg hergestellt, immer öfter aber auch Vorderachsen für Lastkraftwagen.

30 Prozent Energieeinsparungen

In den vergangenen zehn Jahren hat Thyssenkrupp Gerlach in Homburg nicht nur über 80 Millionen Euro in die neue Mega-Presse investiert, sondern auch in die Energieeffizienz. "Berechnet auf die Produktionsmenge ist unser Energieverbrauch in den vergangenen zehn Jahren um über 30 Prozent zurückgegangen", erklärt der technische Werksleiter Jörn Prio.

"Man sorgt sich um die Zukunft des Werkes in Homburg"
Audio [SR 3, Studiogespräch: Simin Sadeghi / Yvonne Schleinhege, 24.11.2022, Länge: 04:16 Min.]
"Man sorgt sich um die Zukunft des Werkes in Homburg"

Und dennoch: Das Werk in Homburg-Erbach gehört zu den größten Stromverbrauchern im Saarland. 100 Gigawattstunden Strom benötigt das Werk im Jahr, denn der Produktionsprozess frisst nunmal Unmengen Energie. Die Stahlknüppel, aus denen etwa Kurbelwellen entstehen, müssen vor dem Weg in die Presse auf 1280 Grad erhitzt werden.

Trotz Energiekrise derzeit gute Geschäfte

Die dafür benötigten Öfen werden teilweise mit Gas oder auch mit Strom betrieben. So habe man die technischen Voraussetzungen, auf die aktuellen Strom- oder Gaspreise zu reagieren, erklärt der technische Werksleiter Prio. Dies mache Thyssenkrupp Gerlach ein Stück weit flexibler.

Aber natürlich macht die aktuelle Energiekrise dem Schmiedeunternehmen mit seinen über 600 Mitarbeitern zu schaffen. Doch wirklich tief besorgt zeigt sich der Vorsitzende der Geschäftsführung, Franz Eckl, über die aktuelle Situation nicht. "Derzeit ist einfach vieles Durcheinander". Doch die wirtschaftlichen Kennzahlen stimmten, hier sei alles im grünen Bereich. Das mag vielleicht auch an der guten Marktposition des Unternehmens liegen.

CO2-Grenzausgleich als Risiko für das Werk

Was den Geschäftsführer des Schmiedewerks in Homburg viel mehr sorgt, ist der Blick in die Zukunft: die zu erwartenden steigenden Preise für Stahl, etwa bedingt durch Vorgaben der EU zum Emissionshandel und für CO2-Emissionszertifikate. 170.000 Tonnen Stahl braucht Thyssenkrupp Gerlach pro Jahr.

Der Hauptknackpunkt für Franz Eckl: der sogenannte CO2-Grenzausgleichsmechanismus (engl. Carbon Border Adjustment Mechanism, CBAM). Damit Stahl aus Europa wettbewerbsfähig bleibt, sollen Stahlimporte aus anderen Teilen der Welt mit einem CO2-Grenzausgleich belegt werden. Der Ausgleich soll der Höhe der CO2-Kosten entsprechen, die europäische Stahlproduzenten zu tragen haben.

"Dieser Ausgleich soll vor allem für Rohstoffe wie Stahl, Zement oder Aluminium gelten, die in die EU eingeführt werden, aber nicht für Produkte, die aus diesen Stoffen gefertigt werden", beschreibt Eckl das Problem. Heißt konkret: Etwa Kurbelwellen, die in Fernost produziert und nach Europa exportiert werden, unterliegen dem CO2-Grenzausgleich nicht. "Das ist ein gravierender Wettbewerbsnachteil", warnt Eckl. "Damit steht die Existenz des Werks in Homburg auf dem Spiel."

Ernste Lage – Gefahr für den Standort

Auch die entsprechenden Wirtschaftsverbände fordern, dass mehr Produkte der stahlverarbeitenden Industrie unter diesen Ausgleichsmechanismus fallen. Im Falle von Thyssenkrupp Gerlach wären das die geschmiedeten Erzeugnisse.

Wie der CO2-Grenzausgleichsmechanismus tatsächlich ausgestaltet wird, soll wohl noch vor Weihnachten in Brüssel entschieden werden, heißt es vom Industrieverband Massivumformung. Bereits im kommenden Jahr soll die Umsetzung mit einer Testphase beginnen – 2026, so der Plan der EU, könnte das System dann zum Tragen kommen.

"Viele Kollegen in der Branche haben den Ernst der Lage noch nicht erkannt", warnt Eckl. Doch die Gefahr sei konkret.

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