Corona-Testzentrum (Foto: dpa-Zentralbild | Martin Schutt)

Was die Schnelltests im Saarland gebracht haben

Melina Miller   21.07.2021 | 09:48 Uhr

Die Schnelltests spielen im Saarland in der Corona-Pandemie eine wichtige Rolle - viele Öffnungsschritte waren oder sind an ein negatives Testergebnis geknüpft. War diese Vorgehensweise erfolgreich? Ein Überblick über Kosten und Nutzen der saarländischen Teststrategie.

Seit Anfang März 2021 kann sich in Deutschland jede Bürgerin und jeder Bürger mindestens einmal pro Woche mittels eines Schnelltests auf das Coronavirus testen lassen. Im Saarland gibt es nach Angaben des Gesundheitsministeriums dafür mittlerweile mehr als 500 Testmöglichkeiten - von privaten oder kommunalen Anbietern oder in Apotheken und bei Ärzten.

Video [aktueller bericht, 21.07.2021, Länge: 3:26 Min.]
Besucherrückgang in den Testzentren

Hinzu kommen die sieben großen Testzentren des Landes. Viele der Testmöglichkeiten wurden im Rahmen des Saarlandmodells aufgebaut. Und grundsätzlich sollen sie auch weiterhin bestehen bleiben, teilte das Gesundheitsministerium zuletzt mit.

Erst vergangene Woche betonte Ministerpräsident Tobias Hans (CDU), auch bei einer möglichen vierten Welle im Herbst am Saarlandmodell festhalten zu wollen. Es schaffe mehr Sicherheit für alle und minimiere das Risiko, das Infektionsgeschehen bei den Öffnungsschritten unter dem Radar wieder anzuheizen. Aber stimmt das wirklich?

Tests drücken Dunkelziffer

Einer, der sich mit dieser Frage beschäftigt hat, ist Prof. Göran Kauermann, Statistiker an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU). Kauermann hatte zusammen mit einem Team der LMU Daten der lokalen Gesundheitsbehörden im Saarland ausgewertet. "Kaum ein Bundesland außer dem Saarland hat Daten so umfangreich erhoben und wissenschaftlich begleitet", so der Statistiker.

Was die Schnelltests im Saarland gebracht haben
Audio [SR 1, (c) Julia Lehmann, Melina Miller, 21.07.2021, Länge: 02:36 Min.]
Was die Schnelltests im Saarland gebracht haben

Eine der wichtigsten Erkenntnisse der Auswertung sei gewesen, dass die Schnelltests im Rahmen des Saarlandmodells die Dunkelziffer der Coronainfektionen deutlich verringern konnten - und zwar um zehn bis 30 Prozent. Das habe dazu beigetragen, dass das Infektionsgeschehen als Ganzes im Saarland reduziert werden konnte.

"Durch die verpflichtenden Coronatests in den Schulen haben wir beispielsweise gesehen, dass symptomlose Infektionen bei Kindern früh genug erkannt werden konnten. So konnte auch die gesamte Familie früh vorgewarnt werden und sich in Quarantäne begeben", erklärt der Experte.

Schnelltests als Ergänzung

Zu beachten sei dabei aber, dass bei niedrigen Inzidenzen in der Bevölkerung vermehrt falsch positive Testergebnisse auftreten können. Zu diesem Ergebnis kommt auch ein Forschungsteam aus Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die für das Robert Koch-Institut tätig sind. In der Praxis seien positive Testresultate umso unsicherer, je weniger Menschen aktuell infiziert seien, stellte das Team rund um Dr. Mirjam Jenny fest.

Dr. Jürgen Rissland, Virologe an der Homburger Uniklinik, hält die Tests grundsätzlich trotzdem für sinnvoll. Denn das Ziel der Schnelltests sei, auch ohne Krankheitszeichen schnell und unabhängig von einem Labor eine erste Vorentscheidung zu fällen, ob eine Person infiziert sei und das Virus übertragen könnte. Die Voraussetzung, damit die Tests wirklich nützlich sind: Ein begleitendes Informationsprogramm und die Überprüfung von positiven Testergebnissen durch einen PCR-Test. Bis das Testergebnis vorliege, sei es außerdem notwendig, die Kontakte zu minimieren.

Ziel ist es, schnell und unabhängig von einem Labor eine Vorentscheidung zu fällen. - Dr. Jürgen Rissland

Flächendeckende Tests halten Experten vor allem in Situationen für sinnvoll, in denen Hygienemaßnahmen nur bedingt umgesetzt werden können. Dazu zählen zum Beispiel auch Kitas oder Einrichtungen im Gesundheitswesen und der Pflege.

Kontaktnachverfolgung leichter

Dort könnten Ansteckungen auf diese Weise vermieden werden, sind sich die Experten einig. Diese Einschätzung teilen auch die saarländischen Landkreise. Eine Sprecherin des Kreises Saarlouis teilte beispielsweise mit: "Aus Sicht des Gesundheitsamtes tragen die flächendeckenden Testungen nach wie vor zum schnelleren Aufdecken von Infektionen bei. Dadurch kann die Kontaktnachverfolgung beschleunigt werden, was wiederum zur Unterbrechung von Infektionsketten führt." Das habe sich in den vergangenen Monaten bewahrheitet und bewährt.

Was haben die Schnelltests im Saarland gebracht
Audio [SR 3, Simin Sadeghi / Melina Miller, 21.07.2021, Länge: 03:12 Min.]
Was haben die Schnelltests im Saarland gebracht

Ein Beispiel gibt auch der Kreis Sankt Wendel: Seit Ende April bis Anfang Juli seien dem dortigen Gesundheitsamt 353 positive PCR-Testergebnisse gemeldet worden. 13 Prozent davon basierten auf Schnelltests aus Testzentren, wären also ohne den Schnelltest möglicherweise unentdeckt geblieben.

Auch Rissland betont: Die Kombination dieser beiden Säulen der saarländischen Teststrategie - möglichst viele Schnelltests bei asymptomatischen Menschen und gleichzeitig PCR-Testungen bei Menschen mit Krankheitsanzeichen - ergäben wegen der unterschiedlichen Zielgruppen Synergieeffekte.

Kosten im zweistelligen Millionenbereich

Gekostet hat der Aufbau dieser Strategie bisher mehrere Millionen Euro. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums fielen für die Corona-Testungen am Messegelände in Saarbrücken, dem ersten größeren Testzentrum, im vergangenen Jahr rund 1,34 Millionen Euro an.

Von Januar bis Ende Mai 2021 haben Aufbau und Betrieb der landeseigenen Testzentren dann nochmals mehr als 9,4 Millionen Euro gekostet - davon knapp 1,17 Millionen Euro Personalkosten. Mehr als 691.000 Euro wurden für Sachkosten wie Schutzkleidung oder Container ausgegeben.

Für Testkits wurden im gleichen Zeitraum gut 2,5 Millionen Euro zusätzlich gezahlt. Welche Kosten für die vielen weiteren wohnortnahen Testangebote anfallen, erfasst das Gesundheitsministerium nicht. Diese Tests würden über die Kassenärztliche Vereinigung (KV) abgerechnet.

Großteil an Betreiber bezahlt

Sechs der sieben Landes-Testzentren werden von Eventmanager Thilo Ziegler beziehungsweise seiner Firma Deumic-Ziegler betrieben. Für diese Dienstleistungen hat das Land in dem beschriebenen Zeitraum den größten Teil der Gesamtausgaben bezahlt: einen Betrag von knapp 8,1 Millionen Euro.

Die Kosten für den Aufbau und den Betrieb der Testzentren werden vom Bund erstattet. Auch Personalkosten würden zum Teil refinanziert, teilte das Ministerium mit. Für die verwendeten Schnelltests wurden demnach bis Ende Juni die Kosten in Höhe des Beschaffungspreises refinanziert, höchstens jedoch sechs Euro pro Stück. Seit Juli werden die Kosten für die Test-Kits mit einer Pauschale von 3,50 Euro vergütet.

Diese Refinanzierung der Kosten ist laut Ministerium allerdings erst seit Mitte Oktober 2020 durch die Regelung in der Testverordnung des Bundes möglich.

Sozialer Aspekt: Arbeitsplätze in Testzentren

In den Testzentren, die Thilo Ziegler für das Land betreibt, arbeiten nach seinen Angaben aktuell rund 600 Menschen. Der überwiegende Teil der Beschäftigten komme aus der Tourismus- und Veranstaltungsbranche sowie der Gastronomie.

"Wir haben auch viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die vorher im Einzelhandel oder im Bereich von körpernahen Dienstleistungen tätig waren. Das sind alles Personen, die aufgrund der Pandemie Zeit hatten und froh waren, hier arbeiten zu können", erklärt Ziegler.

Aktuell plane er trotz niedriger Inzidenzen und weniger Testbedarf keinen größeren Personalabbau: "Wir haben eine gute Test-Infrastruktur. Die Auslastung kann man an die jeweilige Situation anpassen, aber es ist wichtig, vorbereitet zu bleiben."

Ähnlich äußert sich der Regionalverband Saarbrücken: Man wolle das in den vergangenen Wochen geschaffene dichte Netz an Schnelltestzentren möglichst aufrecht erhalten. "So lange die Nachfrage bei den Bürgerinnen und Bürgern bestehen bleibt und der Betrieb für die Anbieter wirtschaftlich ist, werden die Testzentren auch am Netz bleiben", sagte Pressesprecher Lars Weber.

Zwar würden momentan einige Testzentren ihren Betrieb einstellen, gleichzeitig würden aber welche neu eröffnet, sodass es im Regionalverband weiterhin rund 60 Schnelltestzentren gebe (Stand Anfang Juli).

Testen verlagert sich

Die Zahl der durchgeführten Tests im Saarland sank allerdings über den gesamten vergangenen Monat hinweg. Während in der Kalenderwoche 22 (30. Mai bis 5. Juni) laut Gesundheitsministerium noch knapp 501.000 Schnelltests im Saarland durchgeführt wurden, waren es in der Woche 26 (28. Juni bis 4. Juli) gut ein Drittel weniger.

Im Regionalverband Saarbrücken hat sich die Zahl der durchgeführten Tests im Vergleich zu vor rund vier Wochen sogar etwas mehr als halbiert. Seitdem bleibe das Niveau aber relativ konstant bei rund 50.000 Tests pro Woche, teilte der Regionalverband mit. Ursächlich für die Entwicklung seien die zahlreichen Lockerungen der Testpflicht und die hohe Impfquote im Saarland.

Testzentren-Betreiber Ziegler beobachtet außerdem, dass sich das Testen zunehmend auf das Wochenende verlagert: "Momentan lassen sich die Leute vor allem zum Wochenende hin testen, zum Beispiel, weil sie essen gehen möchten oder eine Hochzeitsfeier besuchen. Vor ein paar Wochen wurden unter der Woche viele Tests gemacht, um ins Fitnessstudio zu gehen oder zum Einkaufen." Auf solche Veränderungen könne man gut reagieren.

Sind die Tests weiterhin sinnvoll?

Mit Blick auf die weitere Entwicklung der Pandemie halten die Experten aus der Wissenschaft, Rissland und Kauermann, die Tests auch bei niedrigen Inzidenzen weiterhin für sinnvoll. Wichtig sei allerdings, dass Faktoren wie die sogenannte Prävalenz miteinbezogen würden.

Die Prävalenz beschreibt, wie viele Personen in einem bestimmten betrachteten Zeitraum mit dem Coronavirus infiziert sind. Das ist vor allem relevant, wenn diese Prävalenz sehr niedrig ist. Denn mit Schnelltests entdeckt man mehr asymptomatische Infizierte, wenn generell viele Menschen infiziert sind.

Ministerpräsident fordert Kurswechsel
Hans will weg von Inzidenzen
Ministerpräsident Tobias Hans fordert einen Kurswechsel in der Corona-Politik. Nach dem Sommer müsse mehr auf die Krankenhausbelegung und weniger auf die Inzidenz geschaut werden, sagte er der Funke Mediengruppe. Die Impfbereitschaft will Hans unter anderem mit Verlosungen erhöhen.

Das zeigen auch die Zahlen des Gesundheitsministeriums: So wurden beispielsweise in der letzten Juniwoche insgesamt 333.432 Schnelltests durchgeführt - die Positivrate lag bei 0,03 Prozent. Anfang April, als die Inzidenzen im Saarland deutlich höher waren und damit auch die Prävalenz, lag die Positivrate bei 0,17 Prozent.

Auch der Landkreis Neunkirchen berichtet aktuell von einer geringen "Trefferquote" der Schnelltests. Deshalb sei in diesem Fall ihr Effekt momentan eher gering. "Dennoch konnte in Einzelfällen, beispielsweise bei Sportveranstaltungen, durch das Aufdecken des Infektionsgeschehens ein Superspreading vermieden werden", erklärt eine Sprecherin des Landkreises.

Kritik an Strategie von Opposition

Dass Öffnungsschritte im Saarland an die Teststrategie gekoppelt wurden, hält Prof. Kauermann grundsätzlich für einen erfolgreichen Ansatz. Für Kritiker kam sie allerdings zu spät oder endete zu spät.

Laut Helmut Isringhaus, stellvertretender Landesvorsitzender der FDP im Saarland, hätten einige Bereiche früher öffnen sollen. "Nachdem jetzt eine Impfquote von über 50 Prozent erreicht ist und bis vor ein paar Tagen fallende Inzidenzen zu verzeichnen waren, gilt es die Strategie weiter zu überdenken und anzupassen," so der Oppositionspolitiker. Grundsätzlich habe die große Testdichte aber dazu beigetragen, frühzeitig Ansteckungsherde zu entdecken und eine Ausbreitung des Virus zu verhindern.

Die Linken im Saarland kritisieren, dass die Landesregierung diese Bedeutung der Tests zu spät erkannt habe. "Mit den Testungen und dem Aufbau einer Test-Infrastruktur hätte früher begonnen werden müssen. So hätte der Lockdown deutlich verkürzt werden können und viele Betriebe in der Gastronomie, der Kultur und dem Handel hätten früher wieder öffnen können", findet der Linkenfraktionsvorsitzende Oskar Lafontaine.

"Absprache mit Rheinland-Pfalz fehlt"

Außerdem fehle inzwischen die Absprache mit Nachbarbundesländern wie Rheinland-Pfalz. Es gebe keinen Grund, warum die Testpflicht in der Innengastronomie im Saarland noch bestehe, in Rheinland-Pfalz dagegen nicht mehr, so Lafontaine. Grundsätzlich blieben Tests aber weiterhin sinnvoll - und zwar dort, wie viele Menschen in geschlossenen Räumen zusammenkämen, etwa in Schulen oder bei der Arbeit.

Das sieht auch Jürgen Rissland so: Mit Blick auf den Herbst und Winter gelte es, die unterschiedlichen Testansätze sinnvoll miteinander zu kombinieren. Zusammen mit der PCR-Teststrategie könne die Pandemie im Saarland abgemildert werden.

Über dieses Thema hat auch die SR 3-Rundschau am 21.07.2021 berichtet.

Artikel mit anderen teilen


Push-Nachrichten von SR.de
Benachrichtungen können jederzeit in den Browser Einstellungen deaktiviert werden.

Datenschutz Nein Ja