Ein Arbeitnehmer schwenkt während einer Betriebsversammlung vor bewölktem Himmel eine Fahne der IG Metall. (Foto: picture alliance/dpa | Mohssen Assanimoghaddam)

Tarifverhandlungen in Zeiten der Inflation

Yvonne Schleinhege   29.05.2022 | 16:45 Uhr

Im Herbst startet eine neue Tarifrunde für die Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie. Dabei steht die Branche vor großen Herausforderungen: Die Lieferketten sind noch immer gestört, hinzu kommen steigende Energiekosten. Während die Arbeitgeber die Erwartungen dämpfen, fordert die Gewerkschaft IG Metall eine deutliche Lohnerhöhung - vor allem angesichts der aktuellen Inflation.

Wenn in der Metall- und Elektroindustrie Tarifverhandlungen anstehen, dann wird es meist auch laut auf den Straßen im Saarland. 44.000 Beschäftigte hat die Branche allein hier in der Region. Dazu kommt: Der gewerkschaftliche Organisationsgrad ist hoch, die Streikbereitschaft traditionell groß. Das werde auch in diesem Jahr so sein, sagt IG Metall-Bezirksleiter Jörg Köhlinger.

„Egal welche ökonomische Situation wir haben, es ist immer auch ein Stück weit eine machtpolitische Auseinandersetzung. Wer einen Kompromiss erzielen will, braucht immer auch die Fähigkeit zum Konflikt“. Noch ist es nicht so weit, frühestens Ende Oktober könnte im Saarland in der Metall- und Elektroindustrie gestreikt werden, denn dann endet die Friedenspflicht. 

IG Metall will „tabellenwirksame“ Erhöhung

Bisher liegt auch noch keine Forderung der Gewerkschaft vor. Ende Juni will die Tarifkommission diese bundesweit beschließen. Die Tarifverträge laufen Ende September aus. Köhlinger ist bei der IG Metall nicht nur für das Saarland, sondern auch für Rheinland-Pfalz, Hessen und Thüringen zuständig.

Und er machte bei der IG Metall-Bezirkskonferenz am Dienstag in Kirkel deutlich, worauf es bei dieser Tarifrunde ankommen wird: „Bei diesen ökonomischen Rahmenbedingung, bei dieser enormen Belastung der privaten Haushalte durch die Inflation sagen alle: Wir brauchen Geld, Geld, Geld.“

Wirtschaftliche Entwicklung weitgehend gut

Die Gewerkschaft schaut dabei natürlich auf die Beschäftigten: Mit 7,4 Prozent ist die Inflation in der Eurozone derzeit auf einem historischen Hoch. Die steigenden Preise sind für jeden spürbaregal ob an der Tankstelle oder beim Einkauf. Und das müsse sich auch in dieser Tarifrunde widerspiegeln, argumentiert die IG Metall.

„Und wir haben die Rückmeldung, dass es in vielen Betrieben, eine gute wirtschaftliche Entwicklung gibt“, berichtet Köhlinger. Entsprechend sei auch die Erwartungshaltung der Beschäftigten. Allerdings versucht die Gewerkschaft, die Erwartungshaltung auf einen vollständigen Ausgleich der Preissteigerungen zumindest etwas zu dämpfen.

Einmalzahlung allein wird nicht reichen

Aber eines steht auch fest: Die IG Metall will eine sogenannte „tabellenwirksame“ Erhöhung der Löhne, ausgedrückt in Prozenten. Die habe es seit 2018 nicht mehr gegeben. Das heißt, eine Einmalzahlung und einen Tarifvertrag mit kurzer Laufzeit allein lehne man ab. „Wir machen Tarifpolitik für die Zukunft, also insbesondere auch für das Jahr 2023 und das Restjahr 2022“, so Köhlinger.

Er gehe davon aus, dass der wirtschaftliche Aufschwung aufgrund des Krieges in der Ukraine nur aufgeschoben sei. Für die nordwestdeutsche Eisen- und Stahlindustrie forderte die IG Metall zuletzt über acht Prozent mehr Geld. Die Arbeitgeber hatten in der ersten Runde 2100 Euro Einmalzahlung angeboten. Nun soll es dort ab dem 1. Juni erste Streiks geben.

„Verantwortungsvoller Mittelweg“: Arbeitgeber im Saarland warnen

Die Forderung der IG Metall für die Stahlindustrie könnte ein Orientierungspunkt für die Tarifrunde der Metall- und Elektroindustrie sein. Martin Schlechter vom Arbeitgeberverband der Metall- und Elektroindustrie im Saarland (ME Saar) sagte zuletzt im SR-Interview, er könne solche Forderungen ganz grundsätzlich durchaus nachvollziehen, warnte aber auch vor den Folgen.

"Wenn die Unternehmen die Lohnsteigerung in höhere Preise abwälzen, wird die Inflation weiter angeheizt. Außerdem müssen auch die Unternehmen sehr viel höhere Energiepreise zahlen. Wenn sie dann auch noch von hohen Entgeltforderungen in die Zange genommen werden, steht auch die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie auf dem Spiel", so Schlechter. Er sprach sich daher für einen „verantwortungsvollen Mittelweg“ aus.

Gas-Lieferstopp könnte Vieles ändern

Die Arbeitgeber machten zuletzt immer wieder deutlich wie unbeständig die aktuelle wirtschaftliche Situation sei. „Da müssen wir einfach auf Sicht fahren und schauen, wie sich die wirtschaftliche Lage weiter entwickelt in Sachen Krieg, in Sachen Lieferketten“, so Schlechter.

Dass sich die Rahmenbedingungen für diese Tarifrunde gravierend ändern, wenn kein russisches Gas mehr nach Deutschland fließen sollte, darin sind sich Gewerkschaft IG Metall und Arbeitgebervertreter einig.

„Wir werden natürlich die ökonomische Situation im Blick behalten und wenn es im Herbst ein Gas-Embargo oder einen Boykott gibt, dann haben wir eine andere Situation“, so IG Metall-Bezirksleiter Köhlinger. Der Ausgangspunkt für Tarifpolitik könne aber kein Krisenszenario sein.

Im Herbst wird sich also zeigen, wohin diese Tarifrunde steuert – und ob es wieder laut wird auf den Straßen im Saarland. 

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