Das Rathaus in Ensdorf (Foto: Pasquale D'Angiolillo)

Zehn Jahre Strukturwandel - wenig Spielraum für Ensdorf

Nelly Thelen   11.08.2022 | 12:36 Uhr

Kein Geld für nötige Infrastrukturausgaben, das kennen die Kommunen im Saarland. Mit ein Grund: fehlende Gewerbesteuereinnahmen durch den Strukturwandel. Hart getroffen hat es in den letzten zehn Jahren die Gemeinde Ensdorf.

Ensdorf ist die Heimat von Karsten Freyermuth, Anfang 50. Mit seiner Familie lebt er in der 6000-Einwohner-Gemeinde. Er fühlt sich wohl. Auch wenn er sieht: Kleine Läden am Markt gibt es lange nicht mehr. Dienstleister, Ärzte, ein Altenheim sind hier.

Video [aktueller bericht, 11.08.2022, Länge: 5:20 Min.]
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Freyermuth arbeitet seit 20 Jahren wenige Kilometer weit weg bei Ford. Dieser Job ermöglicht es ihm in Ensdorf zu bleiben, wie auch seinem Sohn, der sich ebenfalls mit seiner Familie ein Haus in Ensdorf gekauft hat.

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"Die Angst ist bei jedem da. Sowohl bei den Jungen als auch bei den älteren, die jetzt in einem Alter sind, wie ich es bin, die vielleicht zu alt sind, um direkt noch einen Neustart zu machen, aber zu jung um an Ruhestand zu denken", sagt Karsten Freyermuth.

Er selbst geht davon aus, dass Ford nach 2025 keine Autos mehr in Saarlouis bauen wird. Und doch setzt er auf das Prinzip Hoffnung. Freyermuth will abwarten und hofft, "dass es auf dem Röderberg doch noch irgendwie weiter geht und dass ich dort noch in Rente gehen kann."

Der Ensdorfer Karsten Freyermuth  (Foto: SR)
Der Ensdorfer Karsten Freyermuth

Kein Ersatz für Montanindustrie

Seine Heimat aber befindet sich mitten im Strukturwandel. Schon vor zehn Jahren hat im von der Montanindustrie geprägten Ensdorf das Bergwerk dicht gemacht. Über 3000 Jobs gingen verloren. Heute liegen große Teile des Geländes brach.

Strukturwandel: Der Kampf der Gemeinde Ensdorf
Audio [SR 3, Nelly Thelen , 11.08.2022, Länge: 03:10 Min.]
Strukturwandel: Der Kampf der Gemeinde Ensdorf

Doch die Gemeinde ist kein Flächeneigentümer, erklärt der parteilose Bürgermeister Jörg Wilhelmy. Damit sind ihre Möglichkeiten stark eingeschränkt: "Wir sind seit zehn Jahren im Prinzip mit dem Konzern dabei, hier auf dem Brownfield Konversion zu betreiben. Das ein oder andere ist weggeräumt worden, aber es gibt noch nicht die Neuansiedlungen wie wir sie uns vor zehn Jahren erhofft haben."

Fehlende Kaufkraft und Gewerbesteuern

Nicht nur das Bergwerk ist zu, seit fünf Jahren auch das Kohlekraftwerk. Nochmal rund 100 Jobs, die verloren gegangen sind. Neben der teilweise schwindenden Kaufkraft der Menschen bedeutet das auch für Ensdorf harte Einschnitte. Die Gemeinde habe unglaublich viel Geld verloren.

Die Gewerbesteuer sei massiv eingebrochen, sagt Bürgermeister Wilhelmy. "Und das merken wir natürlich, weil es Infrastrukturmaßnahmen gibt, die wir nicht mehr machen können." Es fehlten jedes Jahr rund eine Million Euro, so der Bürgermeister.

Jörg Wilhelmy, Bürgermeister von Ensdorf (Foto: SR)
Jörg Wilhelmy, Bürgermeister von Ensdorf

Als "bettelarm" bezeichnet er seine Gemeinde. Baumaßnahmen in der Schule, im Straßenbau müssen zurückgestellt werden. Das Schwimmbad habe einen "Riesen-Sanierungsstau".

Keine kleinen Läden mehr in Ensdorf

Der eine Lebensmittelmarkt in Ensdorf hat keine Konkurrenz. Der Strukturwandel zeige sich, weil mehr Bewerbungen eintrudelten, sagt Unternehmer Burkhard Schmidt. Seit kurzem kauften Kunden mehr günstige Ware:

"Das macht sich auch bei uns im Umsatz bemerkbar. Die Leute gehen also von wertigeren Artikeln stärker auf preisgünstigere Artikel. Das wird sich aber meiner Ansicht nach im Winter noch verstärken, wenn die Heizkosten bezahlt werden müssen und wir wissen ja noch nicht, wie das jetzt weiter geht", erklärt Burkhard in seinem Edeka-Markt. 

Gemeinde betont ihre Planungshoheit

Was der Gemeinde bleibt: Ihre Planungshoheit. Der Gemeinderat beschließe die Bebauungspläne und könne so Weichen stellen, erklärt Bürgermeister Jörg Wilhelmy, etwa für das RAG-Gelände oder das Kraftwerksgelände der VSE.

Und genau darauf setzt Wilhelmy jetzt: "Ich habe tatsächlich den Eindruck, dass das Land jetzt Eigentümer des Kraftwerksgeländes werden möchte, und dann glaube ich, dass die landeseigene Gesellschaft dort auch sehr schnell ein oder mehrere Unternehmen ansiedeln kann, die uns den gewünschten Erfolg bringen." Er hofft auf Arbeitsplätze im Bereich der Wasserstofftechnologie, Chip und Halbleitern oder Künstlicher Intelligenz.

Hoffnung auf gelungenen Strukturwandel

Um Unternehmen dieser Branchen anzuziehen, fordert er Geld vom Land, um die Gemeinde auch als Wohnort attraktiv zu machen. Doch einen Namen eines Unternehmens, das sich auf dem Kraftwerksgelände ansiedeln möchte, kennt der Bürgermeister nicht.

Eine Neuansiedlung könnte eine Chance für Ensdorf sein – und trotzdem sind es gerade die Industriearbeitsplätze, die fehlen - etwa für Karsten Freyermuth, damit er in seiner Heimat bleiben kann.


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Über dieses Thema berichtet auch der aktuelle bericht am 11.08.2022 im SR Fernsehen.

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