Kerstin Gallmeyer und Prof. Reese im SR-Sommerinterview (Foto: Pasquale D’Angiolillo)

„Wir können es schaffen, unseren Lebensstil zu ändern“

Kerstin Gallmeyer   09.08.2019 | 06:00 Uhr

Angesichts des drohenden Klimawandels appelliert der Umweltpsychologe Prof. Gerhard Reese an die Politiker, ihre Verantwortung wahrzunehmen. Für die Menschen müssten Verhaltensalternativen geschaffen werden, zum Beispiel durch den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs und neue Mobilitätsangebote auch in Regionen wie dem Saarland.

Der Wissenschaftler von der Uni Koblenz-Landau sieht die Gesellschaft derzeit an einer Art Scheideweg. „Unser Wirtschaftssystem führt genau zu diesen Problemen, die wir jetzt haben: übermäßige Nutzung von Ressourcen und Überkonsum“, so Reese. Immer mehr Menschen würden aber Ausmaß und Dringlichkeit der Lage begreifen – nicht zuletzt durch die Hitzeperioden und die Fridays-for-Future-Bewegung.

Video [aktueller bericht, 09.08.2019, Länge: 4:00 Min.]
Sommerinterview mit Prof. Gerhard Reese, Umweltpsychologe

„Vielen Leuten ist bewusst, dass die Art und Weise, wie gerade wir in den Industrienationen leben, hochproblematisch ist. Seit einem Jahr dämmert’s auch einem größeren Teil der Bevölkerung, dass das so nicht weitergehen kann.“ Allerdings: Dass wir auch unser Verhalten ändern müssen, könnten wir uns noch nicht ganz eingestehen, meint Reese.

„Wir können es schaffen, unseren Lebensstil zu ändern"
Video [SR.de, (c) Kerstin Gallmeyer/Pasquale D’Angiolillo, 09.08.2019, Länge: 16:53 Min.]
„Wir können es schaffen, unseren Lebensstil zu ändern"

Notwendig sind alternative Handlungsangebote

Sommerinterview mit Umweltpsychologe Prof. Gerhard Reese
Audio [SR 3, Kerstin Gallmeyer , 09.08.2019, Länge: 00:58 Min.]
Sommerinterview mit Umweltpsychologe Prof. Gerhard Reese

Um das zu schaffen, sei ganz stark die Politik gefragt, findet der Wissenschaftler. Nur durch alternative Angebote wie einen besseren und günstigeren öffentlichen Nahverkehr und den Ausbau von Bahnstrecken bekämen die Menschen auch echte Handlungsalternativen. Und die seien unbedingt nötig: „Wenn ich das Gefühl habe, nicht selbst wirklich was machen zu können, weil ich eben irgendwo auf dem Dorf wohne, wo es überhaupt keinen Bus gibt, dann kann ich das Verhalten auch nicht zeigen, so sehr ich auch umweltbewusst eingestellt bin.“

Reese appelliert an die Politiker, möglichst schnell die Weichen zu stellen und die richtigen politischen Entscheidungen auf den Weg zu bringen. Diese Entscheidungen der Bevölkerung entsprechend zu vermitteln, gehöre ebenso zu ihren Aufgaben.

„Wir brauchen einen Wandel unseres Lebensstils“

Nach Ansicht von Reese liegt die Verantwortung aber auch bei jedem Einzelnen. „Es ist irre schwer zu sagen: Okay, was kann ich denn als Einzelner tun? Das Wichtige ist dann, sich vor Augen zu halten, dass ich eben nicht alleine bin.“ Ausreden lässt der Wissenschaftler nicht gelten, wie etwa: „Wenn wir jetzt in Deutschland das und das machen und dann gibt’s die 1,2 Milliarden Chinesen, die das ganz anders machen. – Da vergisst man so ein bisschen, dass das natürlich auch einen Innovationscharakter haben kann.“ Beispiel: die deutsche Energiewende. Die hätten sich auch andere Länder zum Vorbild genommen.

Wir bräuchten einen Wandel unseres Lebensstils, mahnt Gerhard Reese an – und damit auch einen Wandel unserer Werte. Das könnte allerdings mit die größte Herausforderung sein. Denn die wenigsten Menschen würden radikale Änderungen mögen, so der Umweltpsychologe.


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